Signalisation

Ein Land der Burgen, Berge und Comicfiguren

Die touristischen Hinweisschilder auf Schweizer Autobahnen zeigen ein variantenreiches Panoptikum der klassisch-helvetischen Geschichtsmythologie.

In Anlehnung an den französischen Soziologen Claude Lévi-Strauss kann man die Nationalidentität als eine Art Bastelarbeit (bricolage) verstehen. Sie unterbreitet mittels eingängiger Sinn-Bilder nationalen Gemeinschaften ein Identifikationsangebot. Auch und gerade die touristischen Signalisationsschilder auf Schweizer Autobahnen eröffnen eine Art kollektiver Imaginationsraum.

Seit die Hoheit über die Nationalstrassen 2008 von den Kantonen auf den Bund übertragen wurde, herrscht das Bundesamt für Strassen (Astra) über das Bildangebot der Schnellstrassen. Das Amt hat dazu 2012 eine neue Weisung über die touristische Signalisation herausgegeben. Sie löste eine ältere Verordnung von 1979 ab.

Die Rahmenbedingungen sind genau abgesteckt: Farbe Braun (Pantone 168c), mindestens ein Drittel der Bildfläche. Und: Ohne Bewilligung des Bundesamts wird nichts aufgestellt. Da die Entwicklung der Schilder aber nach wie vor Sache der Kantone ist, spiegeln sich in den Darstellungen immer noch die regionalen Unterschiede der Gesuchsteller.

Text- und Bildelemente können grundsätzlich frei gewählt werden. «Die Schweiz ist ein kreatives Land. Jede Region hat ihre eigene Feder», sagt Beat Schlup, der die Signalisationskultur der Schweiz wie kein anderer kennt. Als Verkaufsleiter für den Bereich Hochleistungsstrasse bei der Signal AG, einem der grössten Signalisationstafel-Hersteller der Schweiz, begleitet er die Produktion von Signalisationstafeln schon seit den Anfängen. «Die ersten Tafeln haben wir Anfang der Achtzigerjahre aufgestellt», sagt Schlup im Gespräch.

Zunächst wurden ausschliesslich Schriftentafeln verwendet. Ein Zeuge davon ist die Tafel des Engelbergertals. Ein Identifikationsangebot für die breite Masse schon aus diesem Schriftzeugnis ableiten zu wollen, wäre übertrieben. Das war viel mehr ein Exklusivangebot für erinnerungsstarke Bildungsbürger, «Die wohnen hinterm Wald, sind Klosterleute vom Engelberg», so die Verse Friedrich Schillers im helvetischen Gründungsdrama «Wilhelm Tell».

Das war Identifikationsarbeit als Einzelwortanalyse. In der Folge änderte sich das schnell. Mit der technologischen Entwicklung des grafischen Gewerbes konnten auch einfach zu erfassende Sinn-Bilder umgesetzt werden. Die Tafeln wandelten sich zu identitätsstiftenden Bedeutungsträgern für die breite Öffentlichkeit. «Computer eröffneten in den späteren Achtziger- und Neunzigerjahren neue gestalterische Horizonte», so Schlup. Piktogramme, stilisierte Darstellungen und Fotografien haben eine neue Form der historischen Visualisierung der Schweiz hervorgebracht.

Das System basiert auf vorgeprägten Bildern der Schweizer Geschichte: Burgen, Kirchen, Alpen und Trachten reproduzieren in ihrer Gesamtheit den Mythos der «trutzigen» helvetischen Alpen- und Hirtennation. Bauernkinder laufen mit Geissen über die Tafel des Appenzellerlands, ein Bauer zeigt seine Reben auf dem Neuenburger Schild , die Alpen werden im Bündnerland inszeniert und die Kirchen dominieren die Tafeln von Zürich und St. Gallen. Es sind die Sujets der ältesten Demokratie der Welt mit ihren Tugenden Freiheitsliebe, Wehrhaftigkeit, Bodenständigkeit, Gottesfurcht und Traditionsbewusstsein. Die liberale Gründerzeit-Elite hatte daraus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Identität der modernen Schweiz «gebastelt».

Die touristischen Signalisationstafeln sind aber auch Werbemittel der Tourismusindustrie. Die Burg-, Berg- und Bauernwelt soll die Massen locken. «Touristische Signalisationstafeln für die Autobahn sind aus unserer Sicht sehr nützlich», sagt eine Sprecherin von Schweiz Tourismus. Schätzungsweise 250 bis 300 Tafeln sorgen auf dem gesamten Schweizer Autobahnnetz für eine regelmässige Stimulierung.

Dass man sich bei dieser Propaganda auf einfache und gut bekannte Motive der Schweizer Geschichte beruft, steigert die Effizienz: Die Bedeutungsinhalte sind rasch abrufbar, weil jedermann bekannt. Auch bei Tempo 120 können die Menschen noch zum Konsumsubjekt domestiziert und auf die kommerziellen Angebote der Tourismusbranche eintrainiert werden.

Deutlich wird das in der Westschweiz. Hier wird die konservative Bildwelt kindlich-frivol aufgeputscht und zur Vorlage für touristische Ausflugsprogramme für die ganze Familie. Comicartige Biber in Menschengestalt spielen Golf. Ein Bernhardiner-Hund mit heraushängender Zunge setzt sich für die Schönheiten der Täler des grossen St. Bernhards in Szene.

Die Realität der heutigen Schweiz ist von diesen verklärt-romantischen Sinn-Bildern weit entfernt. Auf der Betonwüste des Autobahn-Viadukts oberhalb des Genfersees quälen sich auf vier Spuren lange Kolonnen von Autos an unzähligen Baustellen vorbei: Staubig, schweissig und stressig ist die Autobahn-Schweiz.

Das wissen auch die Verantwortlichen in Bern. Tafeln, wie die von Uri, die mit schrillen Begriffen wie «cool!» oder «tell!» operieren, sind den Beamten ein Dorn im Auge. Sie könnten die Automobilisten ablenken und Unfälle provozieren. Das Astra will deshalb möglichst wenig darstellerische Exzesse auf den Tafeln. Gegen alte Mythen hat man nichts einzuwenden.

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