Am Mittwoch überraschte die neuste SRG-Umfrage über die SVP-Masseneinwanderungsinitiative Befürworter und Gegner: Nur noch 50 Prozent sind dagegen, 43 Prozent sind dafür, 7 Prozent sind unentschlossen. Wochen zuvor schien die Sache mit 55 Prozent Nein gegen 37 Prozent Ja bereits gelaufen – zumal Volksinitiativen in der Regel an Zustimmung verlieren, je näher der Abstimmungstermin rückt. Jetzt ist wieder alles möglich. Nächste Woche wird sich zeigen, welche Seite stärker mobilisieren konnte.

Ein Ja liegt in der Luft: Die Initiative trifft einen Nerv. Stimmbürger weit über die SVP hinaus finden, dass unser Land nicht jährlich 80 000 zusätzliche Einwohner erträgt. Mancher wird darum mit einem Ja ein Zeichen setzen. Viele Stimmbürger verstehen auch nicht, warum der Bundesrat erst wenige Wochen vor der Abstimmung Einwanderern den Zugang zu unseren Sozialwerken erschwert hat, wenn das doch schon lange möglich gewesen wäre.

Viele trauen dem Bundesrat in dieser Frage nicht, weil er 2002 im Abstimmungsbüchlein zur Personenfreizügigkeit geschrieben hat: «Wie die Erfahrungen in der EU zeigen, sind die Ängste der Referendumskomitees, die Einwanderung aus EU-Staaten in die Schweiz werde stark zunehmen, nicht begründet.»

Vieles spricht dennoch für ein Nein: Die Schweiz floriert, und es geht uns vor allem auch deshalb blendend, weil die Wirtschaft jene Leute findet, die sie braucht. Die Personenfreizügigkeit ist fester Bestandteil der bilateralen Verträge, und die sind etwas vom Besten, was die Schweiz je ausgehandelt hat. Wir haben den Fünfer und das Weggli, wir stehen politisch ausserhalb der EU, profitieren aber von allen ökonomischen Vorteilen, die eine Mitgliedschaft hätte.

Niemand kann die Reaktion der EU auf ein Ja zur SVP-Initiative voraussagen. Sicher ist bloss: Das 8-Millionen-Land Schweiz hat viel zu verlieren, die 500-Millionen-EU nicht. Die Schweizerinnen und Schweizer sind nicht bekannt dafür, dass sie an der Urne russisches Roulette spielen. Zudem empfehlen Wirtschaft und alle Parteien ausser der SVP eindringlich ein Nein. Das sollte Gewicht haben.

Was nun aber ebenso erstaunt wie die neuste Umfrage: Wir stecken mitten im wichtigsten Abstimmungskampf seit Jahren. Das Resultat bestätigt entweder unser Verhältnis zu Europa oder stellt es infrage. Darum ist die Bedeutung vergleichbar mit der EWR-Abstimmung von 1992. Damals befand sich das Land wochenlang in fiebrigem, aufgewühltem Zustand, und der beförderte 78,7 Prozent der Stimmbürger an die Urne.

Der aktuelle Abstimmungskampf jedoch erinnert mehr an eine nette Kadettenübung. Ungewohnt nett gibt sich auch die SVP. Ihre Inserate enthalten zwar umstrittene Statistiken. Die sind jedoch verglichen mit den Verbrechern und den schwarzen Schafen früherer Wahlkämpfe harmlos. Auch ihre Rhetorik bleibt flau, echte Redeschlachten suchte man bisher vergebens.

Vielleicht ist alles Taktik und die SVP sagt sich, dass sie mit einem moderaten Auftritt mehr Stimmbürger ausserhalb ihres Wahlsegments anspricht. Wahrscheinlicher jedoch ist dies: Die SVP fürchtet den eigenen Erfolg. Denn auch sie kann nicht wissen, was bei einem Ja passiert – doch sie allein würde sich die Verantwortung dafür aufbürden.

Ein SVP-Nationalrat sagte kürzlich im vertraulichen Gespräch: «Viele in meiner Partei hoffen auf ein knappes Nein.» Das wäre ein Achtungserfolg, und damit könnte die SVP bei allen weiteren Problemen, die die Einwanderung bereitet, alle anderen vor sich hertreiben. Zudem erhielte sie vom Volk die Legitimation, das Thema Zuwanderung weiter zu bewirtschaften – neue Vorstösse sind ja bereits angekündigt.

SVP-Nationalrat Christoph Blocher ist der einzige SVP-Exponent, der richtig viel Geld in den Abstimmungskampf investiert. Ihm nimmt man seine Überzeugung für ein Ja ab. Vielleicht wird er nach geschlagener Schlacht bilanzieren müssen: Die SVP hat eine Chance verpasst. Hätte sie ein bisschen mehr gekämpft, hätte sie siegen können.