Interview

«Ein Impfzwang ist nicht durchführbar»

Die Schweiz weist europaweit pro Kopf die meisten Masernfälle auf

Interview Masern

Die Schweiz weist europaweit pro Kopf die meisten Masernfälle auf

Wegen einer tiefen Impfquote weist die Schweiz europaweit pro Kopf die meisten Masernfälle auf. Was tun? Der Infektiologe plädiert für flächendeckendes Impfen, für den Homöopathen sind die Risiken einer Impfung zu gross.

Von Martin Rupf

Herr Mattmann, Herr Rossi, was spricht aus medizinischer Sicht für eine Masernimpfung, was dagegen?
Marco Rossi: Das Risiko einer schweren Erkrankung ist für mich zu hoch, als dass wir es einfach so hinnehmen sollten. Dies umso mehr, als wir über eine wirksame Impfung verfügen.
Peter Mattmann: Gegen die Impfung sprechen für mich die unbekannten Langzeitfolgen.

Was genau sind die Risiken?
Mattmann: Ich hatte in meiner Praxis schon Kinder mit Epilepsieanfällen, die am Tag der Impfung begonnen hatten. Im Spital hat es geheissen, das habe nichts mit Masern zu tun, was ich nicht glaube.
Rossi: Die Risiken von Masern sind noch viel höher: Mittelohr-, Lungen- oder gar Hirnhautentzündungen können auftreten. Letzteres führt in seltenen Fällen gar zum Tod.
Mattmann: Das sind Extremfälle. Ich habe letztes Jahr 120 Masernfälle ohne eine einzige Komplikation behandelt. Überhaupt bin ich der Meinung, dass man eine Mittelohr- oder eine Lungenentzündung nicht einfach auf eine Masernerkrankung zurückführen kann. Oft ist ein geschwächter Organismus die Ursache. Ich weigere mich, Masern als eine gefährliche Krankheit zu bezeichnen. Wer ein gesundes Immunsystem hat, für den ist Masern nicht gefährlicher als sonst ein Virus.
Rossi: Sie verharmlosen! Masern ist ein sehr aggressives Virus, welches im Extremfall zum Tod führen kann. Das belegen Statistiken und Zahlen aus der Schweiz, aber auch Zahlen von Ausbrüchen in Holland und in Italien - von den Entwicklungsländern ganz zu schweigen.
Mattmann: Was für Zahlen? Wir wissen doch gar nicht genau, wie viele Masernfälle es gibt; die Dunkelziffer ist sehr gross.

Welche erhärteten Kenntnisse gibt es zu den Nebenwirkungen der Masernimpfung?
Mattmann: Es gibt schlicht zu wenige aussagekräftige Studien für eine klare Aussage. Deshalb ist mir das Risiko einer Impfung auch zu gross.
Rossi: Es gibt eine vieljährige Erfahrung von Millionen geimpfter Menschen. Selbstverständlich ist es nicht möglich, vergleichende Studien (Impfung gegen Scheinimpfung) über 30 oder mehr Jahre durchzuführen. Doch nennen Sie mir irgendeine medizinische Massnahme, die keine Nebenwirkungen hat. Bekannt ist unter anderem, dass beim Geimpften in der zweiten Woche nach der Impfung hohes Fieber und selten Fieberkrämpfe auftreten können. Das ist zwar belastend, aber nicht bedrohlich. Und noch kurz zu Ihren Epilepsiefällen: Studien zeigen, dass ungeimpfte Kinder in derselben Altersklasse gleich oft von solchen Anfällen betroffen sind.
Mattmann: Diese Studien haben für mich den Sicherheitswert eines «Meersäulirennens an der Chilbi». In vielen Ländern sind über 90 Prozent aller Menschen geimpft - wie wollen Sie da noch eine verlässliche Aussage über die Ungeimpften machen? Zudem frage ich Sie, Herr Rossi, wie lange war die Beobachtungszeit dieser Studien?
Rossi: Es gibt rückblickende Studien über viele Jahre an sehr grossen Bevölkerungsgruppen. Andere Studien, die beispielsweise die Schwächung des Immunsystems nach der Impfung widerlegen, liefen über ein Jahr.
Mattmann: Eben! Das ist zu wenig.
Rossi: Das Argument der zu kurzen Zeit lasse ich nicht gelten. Wenn wir damit anfangen, können wir mit der modernen Medizin gleich aufhören. Es gibt keine Massnahmen, die bei der Einführung auf 30 Jahre hinaus als sicher beurteilt werden konnten.

Unterscheiden Sie bei Ihren Empfehlungen für oder gegen die Masernimpfung zwischen Kindern und Erwachsenen?
Mattmann: Erwachsenen rate ich die Masernimpfung auf jeden Fall - insbesondere jungen Frauen, die noch nie an Masern erkrankt sind und die ein Kind bekommen wollen. Lässt sich eine noch nie erkrankte Mutter nicht impfen, kommt der Säugling ohne Antikörper - also ohne so genannten Nestschutz - zur Welt und ist in seinen ersten Lebensmonaten stark gefährdet. Noch besser ist es natürlich, eine Mutter hat die Masern als Kind auf natürliche Weise durchgemacht. Dann gibt sie ihrem Baby noch mehr Antikörper mit.
Rossi: In dieser Frage bin ich mit Ihnen einig. Die Qualität der nach einer Impfung gebildeten Antikörper ist jedoch genau gleich gut. Bis zur Impfung im Alter von 9 bis 12 Monaten ist das Kleinkind durch den Nestschutz geschützt.

Wenn es dann geimpft wird, wie lange hält der Impfschutz?
Rossi: Mit zwei Impfungen ist man ein Leben lang immun. Wie jede medizinische Massnahme gibt es aber auch hier eine kleine Versagerrate, doch die ist sehr tief. Seit 2006, also seit Beginn der Luzerner Masernepidemie, wurden meines Wissens nur zwei Erkrankte registriert, die korrekt geimpft waren. Mattmann: An einen lebenslangen Schutz glaube ich nicht, denn wir wissen ja gar nicht, wie viele Antikörper es braucht. Einen lebenslangen, hundertprozentigen Schutz hat man nur, wenn man die Masern einmal durchgemacht hat.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) will die Masern in Europa bis 2010 ausrotten. Ist dieses Ziel realistisch?

Rossi: Ja, schauen Sie Finnland an. Dank einer hohen Impfquote konnte die Masern dort eliminiert werden.
Mattmann: Was heisst hier eliminiert? Das Masern-Virus kann in einzelnen Ländern für einige Jahre an der Zirkulation gehindert werden. Damit ist es aber nicht weltweit ausgerottet. Sollte es dann wieder auftreten, dann gnad Gott. Das Virus würde auf eine Bevölkerung treffen, die nicht mehr immun und darum schutzlos ausgeliefert wäre. Es käme zu Massenerkrankungen.
Rossi: Das sehe ich anders. Wenn alle Länder am gleichen Strick ziehen, ist es möglich, die Masern auszurotten.

Herr Mattmann, erachten Sie es nicht als egoistisch und unsozial, wenn sich jemand nicht impft und damit in Kauf nimmt, andere anzustecken?
Mattmann: Das ist eine ethische Frage. Dass eine ungeimpfte Person eine andere ungeimpfte Person ansteckt, passiert höchst selten.
Rossi: Es gibt Menschen, die sich zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können. Die sind auf einen so genannten Herdenschutz angewiesen; ihnen gegenüber ist es unverantwortlich und unfair, auf eine Impfung zu verzichten. Von einem Herdenschutz sprechen wir, wenn in der Bevölkerung genügend Menschen immun sind. Für Masern sind das 95 Prozent. Das Virus kann nicht mehr zirkulieren, weil es keine empfänglichen Individuen mehr findet. Damit sind auch die 5 Prozent nicht geimpfter Menschen geschützt.

Muss die Masernimpfung denn obligatorisch werden?

Mattmann: Wo ist das Problem? Wer Masern fürchtet, kann sich impfen lassen. Wer nicht impft, will sie durchmachen. Man muss respektieren, dass für gewisse Menschen das Risiko einer Impfung zu gross ist. Jeder, der sich gegen eine Impfung entscheidet, hat sich das im Normalfall ganz genau überlegt.

Rossi: Es würde sich lohnen, über die Wiedereinführung der Schulimpfung nachzudenken. So könnte man möglichst viele Kinder erreichen und impfen - vorausgesetzt natürlich, deren Eltern sind nicht dagegen. Ein eigentlicher Impfzwang ist in der Schweiz meines Erachtens nicht durchführbar. Mattmann: Und auch nicht nötig. Menschen, die sich gegen eine Impfung entschieden haben, befinden sich heute unter einem Dauerbombardement seitens der Behörden und der Medien. Damit die Impfquote erhöht werden kann, werden die Masern zum Schreckgespenst erhoben.

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