Peter Belart

Eine Gruppe Schweizer Journalisten hatte die Gelegenheit, nach Schweden zu reisen. Auf dem dicht gedrängten Programm standen Besichtigungen von verschiedenen Anlagen, die unter den Titel «Lagerung radioaktiver Abfälle» gestellt werden können. Ausserdem bestand mehrmals die Gelegenheit, mit massgebenden Persönlichkeiten vor allem aus der Politik und von Firmen zu sprechen, die sich mit der Lagerungs-Problematik konfrontiert sehen.

Schweden ist in diesem ganzen Prozess, der schliesslich zu Endlagern für radioaktive Abfälle führen soll, weiter als die Schweiz. Das Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle ist dort bereits seit 1988 in Betrieb; die Entscheidung für einen Endlager-Standort hochaktiver Abfälle dürfte in wenigen Monaten gefällt werden.

Der Bözberg ist «sehr geeignet»

Verschiedene Erfahrungen und Überlegungen, die in Schweden gemacht wurden, sind übertragbar auf die Schweizer Verhältnisse; anderes ist zumindest bedenkenswert. Wir im Aargau sind ganz besonders betroffen von der Thematik, befinden sich doch drei der von der Nagra eruierten möglichen Endlager-Standorte ganz oder teilweise in unserem Kanton: Der Standort «Nördlich Lägern» betrifft die Gemeinden Schneisingen, Siglistorf und Fisibach im Osten des Bezirks Zurzach; der Standort «Jura-Südfuss» umfasst unter anderem ein halbes Dutzend Gemeinden südlich und südwestlich von Aarau. Am deutlichsten «aargauisch» ist aber der Standort «Bözberg» im Zentrum des Bezirks Brugg. Er wird zudem von der Nagra als «sehr geeignet» eingestuft, selbst für hochaktive Abfälle. Diese Qualifikation hat sonst nur noch der Standort «Zürcher Weinland».

Das bedeutet: Tief unter dem Bözberg, mehrere hundert Meter unter der Oberfläche, könnten schwach-, mittel- und hochaktive Abfälle in einem so genannten «Kombilager» sicher verwahrt werden - für Jahrtausende. Grund genug, das schwedische Vorgehen und die dortigen Lösungsansätze genau zu studieren.

Die Absicht der Schweden

Schweden hat vor 38 Jahren mit der kommerziellen Produktion von Kernenergie begonnen. Im Moment sind 10 Kernkraftwerke in Betrieb, 3 davon in Forsmark (etwa 100 km nördlich von Stockholm) und ebenfalls 3 in Oskarshamn (etwa 250 km südlich von Stockholm). Rund 42% des gesamten Energiebedarfs wird in Schweden mit Strom von Kernreaktoren gedeckt (2008).

In Forsmark befindet sich das Tiefenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle; in Oskarshamn das Zwischenlager für hochaktive Abfälle. Als Endlager-Standort wird aus geologischen Gründen ebenfalls Forsmark oder Oskarshamn ins Auge gefasst. Definitiv entscheiden wird der schwedische Staat. Das Tiefenlager für hochaktive Abfälle soll ungefähr im Jahr 2023 den Betrieb aufnehmen.

Die Argumente in Schweden sind dieselben wie in der Schweiz. Schweden wie die Schweiz haben sich in der Vergangenheit für die Nutzung der Kernenergie entschieden. Dass dabei Abfälle entstehen, war allen bewusst. Die Schweden sagen: «Wir profitieren von der Kernenergie. Wir müssen uns deshalb auch der weniger angenehmen Seiten des Prozesses annehmen, eben der Entsorgung der Abfälle. Es geht nicht an, dass wir damit unsere Nachkommen belasten. Wer den Nutzen hat, soll auch die Lasten tragen.»

Sicher nicht in den Weltraum

In Schweden wie in der Schweiz gilt: «Wir entsorgen unsere Abfälle hier bei uns und exportieren sie nicht ins Ausland. Wir tragen die Verantwortung dafür, und wir wollen diese Verantwortung wahrnehmen.»

Kategorisch abgelehnt werden Gedankenspiele von Menschen, die die Abfälle in den Weltraum schiessen wollen. Dafür gibt es drei Gründe: Erstens geht es nicht an, den Weltraum mit unserem Abfall zu verschmutzen. Zweitens weiss man aus trauriger Erfahrung, dass es bei Raketenstarts schon verschiedentlich zu verheerenden Zwischenfällen gekommen ist. Was dabei mit der möglichen atomaren Fracht geschehen würde, mag man sich gar nicht vorstellen.

Drittens soll der Rohstoff, der nach dem Einsatz in den Kernreaktoren erst zu einem kleinen Teil «verbraucht» ist, nachfolgenden Generationen unter Umständen wieder als Energiequelle zur Verfügung stehen. Im Moment sind die technischen Möglichkeiten für eine weitere Nutzung noch nicht vorhanden. Aber die Informationsbeauftragte der schwedischen «Nagra», Inger Abrahamson, gibt schmunzelnd zu bedenken: «Schon einmal wurde ein Einstein geboren. Warum nicht ein zweites Mal?»

In Schweden wie in der Schweiz ist man sich einig in der Absicht, innert nützlicher Frist im eigenen Land die notwendigen Kapazitäten für die Endlagerung radioaktiver Abfälle bereit- zustellen. Dies muss unabhängig von der Frage geschehen, wie wir unseren Energiebedarf in Zukunft decken wollen. Die Abfälle existieren bereits! Sie fielen in der Medizin an, in der Forschung, in der Industrie und vor allem in den Kernreaktoren. Es ist unsere verdammte Pflicht, deren Lagerung an die Hand zu nehmen.