Fachhochschule Nordwestschweiz
«Ein einziger Campus würde alle Dimensionen sprengen»

Crispino Bergamaschi, Direktionspräsident der Fachhochschule Nordwestschweiz, zieht Bilanz über die neun Hochschulen. Die Zahl der Studierenden wächst ungebrochen. Das vergangene Jahr bringt einen Gewinn von 10 Millionen Franken.

Hans Fahrländer
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FHNW-Direktionspräsident Crispino Bergamaschi. HO

FHNW-Direktionspräsident Crispino Bergamaschi. HO

Herr Bergamaschi, bei Ihrem Amtsantritt 2011 haben Sie die Schaffung einer einheitlichen Hochschulkultur als ein Hauptziel formuliert. Neun Hochschulen, vier Trägerkantone, eine Kultur – geht das überhaupt?

Grossbrand: Schaden in Millionenhöhe

Das Interview mit dem FHNW-Direktionspräsidenten Crispino Bergamaschi wurde vor dem Grossbrand geführt, der in der Nacht auf gestern im noch nicht fertigen Campus-Neubau in Windisch (AG) wütete. Der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler (SVP) zeigte sich trotz des Brandes vorsichtig optimistisch: Wie geplant, solle der Betrieb im kommenden September aufgenommen werden. Gemäss ersten Schätzungen beziffert sich der Schaden auf 1 bis 3 Mio. Franken. Verletzt wurde beim Brand niemand. Der Feuerwehrmann, der bei den Löscharbeiten erschöpft zusammenbrach, konnte das Spital wieder verlassen. (nch)

Crispino Bergamaschi: Ich habe ein gutes Gefühl. In den ersten beiden Leistungsperioden seit 2006 galt es, den Fusionsprozess zu vollenden. Jetzt sind wir in der Post-Fusions-Periode. Und wir stellen fest: Da ist tatsächlich so etwas wie eine Grundharmonie spürbar, eine gemeinsame Kultur.

Wirtschaft, Technik, Pädagogik, Kunst, Musik – die Unterschiede könnten nicht grösser sein. Kann man aus so unterschiedlichen Hochschulen überhaupt eine Einheit schaffen?

Wir haben die Balance zwischen einer Überdachungsstrategie und autonomen Teilhochschulen gefunden. So wurde zum Beispiel die Kooperation mit der Musikakademie Basel verstärkt und damit ein weiterer Schritt zur Integration der Musikhochschulen vollzogen. Ein anderes «Reifezeichen»: Es gibt nun nicht mehr nur Ehemaligen-Vereine der Teilhochschulen, sondern auch eine Dachorganisation «Alumni FHNW».

Jeder Kanton baut einen eigenen Campus. Daraus könnte man ablesen: Jeder baut für sich, das Kantonale ist halt doch wichtiger als das Vierkantonale.

Ich würde eher sagen: Es ist toll, dass alle vier Kantone beträchtliche Summen in ihre FHNW investieren. Ein einziger Campus würde alle Dimensionen sprengen. Und wäre für uns auch deshalb das falsche Konzept, weil die Distanzen für die Studierenden sehr lang würden und viele in andere Hochschulen abwandern würden. Das Konzept mit den vier Leuchttürmen ist für uns genau richtig.

In Olten und Brugg-Windisch sollen die Campus-Bauten mit Beginn des neuen Studienjahres bezogen werden, Basel-Dreispitz ist ein Jahr später an der Reihe. In Muttenz aber hat man Verspätung. Eine Folge der vorübergehenden Mittel-Verweigerung durch den Landrat?

Nein. Das hat keinen Zusammenhang. Man kann auch nicht sagen, Muttenz habe «Verspätung». Die Planung ist hier einfach später angelaufen. Das Vorprojekt ist abgeschlossen, der Bezug ist für 2018 geplant.

Die FHNW – eine Erfolgsgeschichte. Sie wächst und wächst ...

Neuste Zahlen der Fachhochschule Nordwestschweiz

Die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) gehört den vier Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt und Solothurn. Die gemeinsame Trägerschaft wird in einem Staatsvertrag geregelt. 2012 war das erste Jahr der dritten dreijährigen Leistungsperiode und das zweite, das Direktionspräsident Crispino Bergamaschi aus Wohlen zu verantworten hatte. Die FHNW umfasste 2012 29 Bachelor-Studiengänge mit insgesamt 7893 Studierenden und 18 Master-Studiengänge mit 1543 Studierenden. In der Weiterbildung stellte die FHNW über 2800 Diplome aus. Die FHNW erwirtschaftete 2012 einen Gewinn von 10,4 Mio. Franken, dies bei einem Umsatz von rund 416 Mio. Franken. Von den gut 211 Mio. Franken Trägerbeiträgen, die 2012 an die FHNW flossen, zahlte der Aargau 81,3 Mio., Baselland 58,5 Mio., Basel-Stadt 39,5 Mio. und Solothurn 32 Mio. Franken. Auf Ende 2012 trat Peter Schmid (Muttenz) als Gründungspräsident der FHNW zurück. Neue Präsidentin des Fachhochschulrates ist Ursula Renold (Brugg), bisher Direktorin des inzwischen aufgelösten Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie. (FA)

Ja, 2012 ist die Zahl der Studierenden nochmals um 6 Prozent oder 500 auf knapp 9500 angestiegen.

... aber nicht alle, die bei Ihnen studieren möchten, können dies auch tun.

In der Tat übersteigt bei den Hochschulen für Musik, für Gestaltung und Kunst, für Soziale Arbeit und für Angewandte Psychologie die Nachfrage das Angebot. Aufnahmeprüfungen entscheiden, wer aufgenommen wird.

Hat es in der Hochschule für Technik immer noch Plätze frei?

Nicht mehr so viele. Der Zuspruch ist erfreulich. Informatik etwa oder Energie- und Umwelttechnik sind eigentliche «Renner» geworden.

Und in der Pädagogik? Es herrscht noch immer Lehrermangel.

Die PH hat seit dem Start vor sieben Jahren die Zahl der Studierenden auf heute rund 2800 verdoppelt. Den Lehrermangel beseitigen wir nicht von heute auf morgen. Aber die Entwicklung ist sehr erfreulich.

Hat sich das Konzept mit den Quereinsteigern, das heisst mit Kursen für erfahrene Leute aus anderen Berufen, bewährt?

Das war ein Auftrag der vier Trägerkantone an die PH. Wir mussten neben den normalen Studiengängen diese Sonderkurse aufbauen, eine Parforceleistung. Aus den Sonderkursen wird nun ein vollwertiges Studium. Unsere PH hat hier Pionierarbeit geleistet.

Es gab in einzelnen Trägerkantonen politische Vorstösse über die «richtige» Zusammensetzung einer Fachhochschule: Es gebe zu viele «weiche» Teile.

Als 1995 das Fachhochschulgesetz erarbeitet wurde, standen Wirtschaft und Technik klar im Vordergrund. 2003 wurde das Gesetz revidiert, die Bereiche Soziale Arbeit, Kunst, Musik etc. kamen dazu. Diese zwei «Leben» entsprechen also dem Willen des Gesetzgebers. Wir haben heute rund 4100 Studierende in den ursprünglichen Bereichen und 5400 in den anderen fünf. Das ist ein gutes Verhältnis. Und auch eine Antwort darauf, warum wir in den Hochschulen mit Zulassungsbeschränkung nicht einfach das Angebot vergrössern.

Ist die Zeit der angeforderten Nachtragskredite vorbei und die FHNW auch wirtschaftlich eine Erfolgsgeschichte?

Ja, wir schliessen das Jahr 2012 mit einem Gewinn von über 10 Mio. Franken ab. Einerseits haben wir die Kosten im Griff, anderseits konnten wir uns bei den Drittmitteln steigern. Besonders erfreulich: Aus Forschung, Weiterbildung und Dienstleistungen generierten wir über 100 Mio. Franken. Das sind rund 10 Prozent mehr als im Vorjahr.

Fliesst der Gewinn nun an die Trägerkantone zurück?

Nein, gemäss Staatsvertrag fliessen sie in die Bilanz der FHNW.

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