Eltern im Fokus

Ein Drittel aller Eltern spioniert die Kinder aus und liest ihre Mails

In der Schweiz lesen 43 Prozent der Eltern von 9- bis 10-jährigen Kindern die Mails und Facebook-Nachrichten, die ihre Kinder erhalten. Experten kritisieren das Verhalten der Eltern. Eine Pro-Juventute-Kampagne will die Erwachsenen sensibilisieren.

Erwachsene sind beruflich und privat gewieft im Internet unterwegs. Dies heisst aber nicht, dass sie auch verstehen, was ihre Kinder in der Onlinewelt erleben oder was ihnen dort widerfahren könnte.

Eltern stehen deshalb aktuell im Fokus von verschiedenen Sensibilisierungsbemühungen.

Pro Juventute lanciert heute eine Kampagne, die zum Ziel hat, Eltern dazu zu bringen, ihre Aufklärungspflicht in Bezug auf die Themen Sexualität und Sexualaufklärung auch in Bezug auf die Onlinewelt wahrzunehmen.

Der Youtube-Film «Liebe + Sex 2.0», in dem Jugendliche über verschiedene Onlinethemen aufklären, soll Eltern ermutigen, sich mit Cyberrisiken auseinanderzusetzen und diese mit ihren Kindern zu besprechen.

Jugendliche erklären ihre Welt im Internet

Wie gross das eigene Wissen über Cybermobbing, Sexting und Onlinesucht ist, können Eltern seit vergangener Woche auch anhand eines Facebook-Quiz des nationalen Programms Jugend und Medien überprüfen.

Dass Eltern aufgeklärt und sensibilisiert werden, hält Sarah Genner von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften für notwendig.

In Workshops, die Genner zum Thema Medienkompetenz geleitet hat, ist ihr aufgefallen, dass Eltern kaum genug kriegen konnten von Hintergrundinformationen über neue Medien, Facebook und Co.

Es gehöre zur Erziehungsaufgabe von Eltern, Werte bezüglich Umgang mit Mitmenschen, mit Ablenkungen oder auch Sexualität und Gewalt zu vermitteln, sagt Genner.

«Diese Aspekte erhalten mit den neuen Kommunikationsmitteln und dem Internet neue Dimensionen. Wenn Eltern zu wenig wissen über das Internet, können sie ihre Kinder in diesen Bereichen zu wenig begleiten und unterstützen.»

Überwachung zerstört Vertrauen

Wie genau Eltern ihre Kinder im Internet begleiten, zeigt ein noch unveröffentlichter Bericht des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, welcher der «Nordwestschweiz» vorliegt. Er wertet Schweizer Daten aus, die im Rahmen des internationalen Projekts EU Kids Online im Jahr 2012 erhoben worden waren.

«Die Studie zeigt, dass Eltern ihre Rolle als Begleiter im Internet wahrnehmen. Sie tun dies aber vor allem, indem sie die Internetnutzung einschränken und überwachen», sagt Thomas Vollmer vom Programm Jugend und Medien, welches die Studie in Auftrag gegeben hatte.

39 Prozent aller Eltern nutzen Software zum Filtern oder Blockieren bestimmter Websites. 29 Prozent der Eltern überprüfen E-Mail-Account oder Facebook-Nachrichten ihrer Kinder.

Überwachung ist in den Augen verschiedener Fachleute jedoch nicht der richtige Ansatz: «Kontrollen oder Verbote bringen gar nichts», sagt Daniela Melone von Pro Juventute.

«Zum einen ist das mit den heutigen Technologien gar nicht möglich. Zum anderen ist das keine Basis für ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Kind und Eltern.»

Für Sarah Genner gibt es Fälle, in denen es angezeigt ist, dass Eltern die Nachrichten des Kindes lesen, etwa, wenn das Kind in eine Cybermobbing-Geschichte verwickelt ist. «Aber auch dann gilt der Grundsatz: Die Nachrichten gemeinsam mit dem Kind anschauen und nicht hinter dem Rücken.»

Für Thomas Vollmer ist Überwachung einzig dann sinnvoll, wenn die Eltern danach mit dem Kind bestimmte Sachverhalte auch diskutieren und aushandeln.

Denn: «Wenn die Begleitung zu sehr auf Überwachung und Kontrolle ausgelegt ist, steigert dies die Medienkompetenz des Kindes noch nicht.»

Viel besser wäre es deshalb, sagt Vollmer, wenn die Eltern eine aktive Begleiter-Rolle wahrnehmen würden und mit den Kindern das Internet gemeinsam erleben.

Sexting-Aufklärungsvideo von Pro Juventute

Gemeinsam surfen

Genau das machen die Eltern aber zu wenig. Nur 59 Prozent aller Eltern sitzen gelegentlich mit dem Kind zusammen, wenn es im Internet ist.

Bei den Eltern der 9- bis 10-Jährigen sind es immerhin 73 Prozent. Das heisst aber auch, dass mehr als ein Viertel aller Eltern ihre Kinder im Alter zwischen 9 und 10 Jahren überhaupt nie beim Surfen begleiten beziehungsweise bloss auf Kontrollsoftware setzen, die beispielsweise das Aufrufen bestimmter Seiten verhindert.

«Das ist sicher nicht ausreichend», sagt Vollmer. «Wir empfehlen Eltern, ihre Kinder vor 9 Jahren immer ins Internet zu begleiten.»

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