Der 1. Juni 2016 soll in die Annalen der Schweizer Geschichte eingehen. Zur offiziellen Eröffnung des neuen Gotthard-Basistunnels werden allein 1200 geladene Gäste, darunter Staats- und Regierungschefs, der Bundesrat in corpore sowie 300 Medienschaffende aus dem In- und Ausland erwartet. Eine gebührende Verpflegung tut bei diesem Anlass not.

Doch nun das. Das Bundesamt für Verkehr (BAV), federführend bei der Organisation des Eröffnungstags, hat das im Kanton Luzern beheimatete Unternehmen F. Tobler AG nicht nur mit dem Catering auf der Nord-, sondern auch auf der Südseite des neuen Gotthard-Basistunnels beauftragt. Tessiner Mitbewerber hatten das Nachsehen.

Dass ein Luzerner Unternehmen bei einem solchen Anlass neben Erstfeld auch die Verpflegung am Südportal in Pollegio besorgt, stösst auf der Südseite des Gotthards mehr als sauer auf. Von einem «bitteren Apéro» spricht Nationalrat Fabio Regazzi (CVP), der gleich zu Beginn der kommenden Frühjahrssession eine Interpellation beim Bundesrat einreichen will. Für Grossrat Lorenzo Jelmini (ebenfalls CVP) handelt sich um eine «schallende Ohrfeige».

Ganz offenbar geht es ans Eingemachte. Der Reflex vom übergangenen Tessin macht sich breit. Selbst der Vorschlag, die offiziellen Feierlichkeiten zu boykottieren, ist aufgetaucht. Für Marco Bazzi, Chefredaktor des Nachrichtenportals «liberatv.ch», sind «Betonköpfe» im zuständigen Bundesamt in Bern für dieses kulinarische Desaster verantwortlich. Die Landvögte hätten wieder mal zugeschlagen.

Das BAV spricht von einer «haltlosen Kritik». Der Zuschlag an die Tobler AG sei erfolgt, weil diese in Bezug auf die massgebenden fünf Kriterien am besten abgeschnitten habe. Im Übrigen, so BAV-Sprecher Andreas Windlinger, «wird auch die Tobler AG vor allem lokale Spezialitäten auftischen.» Käse, Fleisch, Trockenfleisch, Reis, Bier, und anderes. Und natürlich Tessiner Wein. Caterer aus dem Südkanton kämen zudem bei einer Reihe von anderen Anlässen zum Zug.

Alles in Ordnung also? Auf der Südseite der Alpen hat man die bittere Pille noch nicht geschluckt. Sogar die Tessiner Kantonsregierung und die Tessiner Deputation an den eidgenössischen Räten befassten sich diese Woche mit dem «Catering-Skandal». Doch angesichts der Präzisierungen aus dem BAV wollte der Tessiner Regierungspräsident Norman Gobbi (Lega) die Polemik nicht zusätzlich anheizen. «Aber die Enttäuschung bleibt», sinnierte Gobbi während eines Treffens mit Journalisten in Bellinzona. Er zweifle nicht an der Professionalität des Luzerner Unternehmens: «Aber ein Risotto aus der Deutschschweiz, nun ja!» Nationalrat Fabio Regazzi gibt sich angriffiger: «Unabhängig von allen angewandten Kriterien ist diese Geschichte ein Affront für uns.» Seiner Meinung nach wurden die Offerten aus dem Tessin nur pro forma – und nur für den Anlass am Südportal – eingeholt.

Dabei bleibt die bittere Erkenntnis, dass auch Tessiner Caterer nicht unfehlbar sind. Zum Hauptdurchschlag des Ceneri-Basistunnels im Januar servierten sie nämlich italienischen Wein.