Bern

«Ein Bericht, der kaum aneckt»

Bildungsdiskussionen: im Grossen Rat Werner Hostettler (SVP) spricht mit dem Präsidenten der vorberatenden Kommission Roland Näf (SP; vorne l./r). Hinten diskutieren FDP-Grossrat Erwin Fischer und Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne, l./r.). sat

Grosser Rat

Bildungsdiskussionen: im Grossen Rat Werner Hostettler (SVP) spricht mit dem Präsidenten der vorberatenden Kommission Roland Näf (SP; vorne l./r). Hinten diskutieren FDP-Grossrat Erwin Fischer und Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne, l./r.). sat

Für die überarbeitete Bildungsstrategie für den Kanton Bern erntete Bernhard Pulver im Grossen Rat viel Zustimmung. Nach Jahren der Umstrukturierungen und Reformen äusserten sich die Parlamentarier zufrieden damit, dass der Erziehungsdirektor mit dem Bericht Ruhe und Kontinuität in die Bildungslandschaft bringe.

Samuel Thomi

Für einmal wars keine dieser gehässigten, heiss umkämpften Bildungsdebatten - geprägt durch Spardruck - wie sie der Grosse Rat in den letzten Jahren mehrfach erlebt hat. Der Grundsatz «Kopf, Herz und Hand» der überarbeiteten Bildungsstrategie 2005 für den Kanton Bern stiess im Kantonsparlament gestern auf viel Zustimmung. Darauf deutet nicht zuletzt die mit fünf Abänderungsanträgen tiefe Zahl der Verbesserungsvorschläge der vorberatenden Grossratskommission. Deren Präsident Roland Näf (SP/Muri) nannte die Bildungsstrategie denn auch «ein ausgezeichneter Bericht der kaum aneckt. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass er auf Kontinuität ausgerichtet ist.»

«Lehrer sind nicht Sozialarbeiter»

Namens der FDP fasste Franziska Stalder-Landolf (Bern) die Bildungsstrategie als «stabiles Instrument der Bildungspolitik und wertvolle Orientierungshilfe» zusammen. Sie trage denn auch «klar die Handschrift Pulvers». Sie mahnte aber, dass ihre Partei «nachwievor auch ein Bildungssystem will, das ‘managebar' sei». In die besonnene Debatte passte zudem, dass sich die FDP bereits in der vorberatenden Kommission einem Kompromiss anschloss, der es Gemeinden weiter offen lassen will, für welches Schulmodell sie sich entscheiden. Denn bisher setzten die Freisinnigen vorab auf Varianten mit stärkerer Selektion. Links-grüne Parteien dagegen forderten durchlässigere Schulsysteme für den ganzen Kanton um die Chancengleichheit zu wahren. Nach dem Kompromiss war denn auch absehbar, dass sich das Parlament gegen eine wissenschaftliche Evaluation der verschiedenen bernischen Schulmodelle aussprechen würde; erst recht nachdem Pulver von Kosten in der Höhe von «mehreren hunderttausend Franken» sprach.

Mehr Eigenverantwortung der Eltern

Zusammen mit der FDP sprach sich auch Therese Rufer (Zuzwil) namens der BDP «für mehr Eigenverantwortung der Eltern» aus. Dem hatte niemand wirklich etwas entgegen zu setzen und so wurde ein entsprechender Antrag von Daniel Steiner-Brütsch (EVP/Langenthal) in der Folge deutlich angenommen. Dagegen fiel ein Antrag Werner Hostettlers (SVP/Zollbrück) mit 74 zu 64 Stimmen durch, der unter «Massnahmen zur Unterstützung der Lehrpersonen» explizit die Eltern in die Pflicht nehmen wollte. «Unsere Lehrer sind doch keine Sozialarbeiter», mahnte der pensionierte Pädagoge. Die Ratsmehrheit argumentierte, das verstehe sich doch von selbst und müsse - wenn schon - auf anderem Weg erreicht werden.

Berner Forschernachwuchs fördern

Dass in die neue Bildungsstrategie auch die Personalpolitik und die verstärkte Vernetzung von Bildung und Kultur an der Volksschule aufgenommen wurde, hob Andreas Blaser (SP/Steffisburg) positiv hervor. Das waren Adrian Kneubühlers (FDP/Nidau) Stichworte: «Bekanntlich ist unser Bildungsdirektor nicht gerade dem Sport zugetan.» Nachdem der Breitensport von der Erziehungs- zur Polizei- und Militärdirektion transferiert wurde hoffe er, dass dieser «nun nicht weiter unter die Räder kommt». Bis jetzt leiste der Kanton nur für talentierte Jung-Spitzensportler wirklich etwas.

Pulver betonte, im Gegensatz zur letzten Bildungsstrategie heute weniger Projekte als prioritär eingestuft und so die Bildungspolitik weniger verzettelt zu haben. Dem hielt Hostettler entgegen, «das Papier» bilde «nur bedingt die Realität» ab. In der Praxis führten viele Reformen zu Problemen. Namentlich nannte er Harmos oder die Umsetzung des interkantonalen Frühfremdsprachen-Projekts Passepartout. Da komme ein Überblick wie die Bildungsstrategie zur richtigen Zeit, löse aber noch kein einziges Problem.

Grosse Einigkeit im Rat herrschte schliesslich bei der Frage nach der stärkeren Förderung des Forschernachwuchses aus der Schweiz. Obschon Pulver mahnte, es lehrten aktuell gleich viele Professoren aus der Schweiz in Deutschland wie umgekehrt, verlangt das Parlament vom Kanton, dass sich dieser speziell für den Forschernachwuchs einsetzt der auch hier ausgebildet wird.

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