Wir Schweizer nehmen uns bekanntlich ziemlich wichtig. Beim Bankkundengeheimnis, bei Steuerverhandlungen, bei anderen Gelegenheiten zum Rosinenpicken - der Schweizer will eine Sonderbehandlung. Er will mitbestimmen oder zumindest das Gefühl haben, er könne es. Das ändert sich auch nicht, wenn er im Ausland lebt - zumindest nicht bei den 135 000 der 700 000 Auslandschweizern, die von ihrem Stimm- und Wahlrecht Gebrauch machen. Das sind so viele wie noch nie. Insgesamt kandidieren für die Wahlen am 23. Oktober rund 80 Auslandschweizer; 2003 waren es noch 15.

Auf den ersten Blick ist es sympathisch, dass Auslandschweizer ihren Rechten und Pflichten als Demokraten nachgehen wollen. Das zeugt von Demokratie-Bewusstsein und einem gewissen Interesse, was in der alten Heimat passiert. Doch ist dem wirklich so? Was bringt die Stimme eines Auslandschweizers? Wäre es nicht sinnvoller, wenn an seiner Stelle ein seit Jahren in der Schweiz wohnhafter Ausländer wählen könnte?

«Entscheidung durch die Betroffenen»

Der deutsche Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker sagte einmal: «Demokratie heisst Entscheidung durch die Betroffenen.» Früher war klar, wer das war: die Bewohner einer Kommune, einer Stadt, eines Landes. Man ging zur Wahl, weil man sich betroffen fühlte oder weil es Tradition war. Die Entscheidungen fällten die Menschen, die die Entscheidungen, zu tragen hatten. Das Leben und das politische System waren überschaubarer. Das ist heute anders. Durch die Globalisierung leben die Menschen an verschiedenen Orten gleichzeitig.

Die Betroffenheits-Demokratie wird globalisiert und damit aufgeweicht. Die Volksentscheide werden von Nomaden (mit-)getroffen, die diese Entscheide meist nur bruchstückhaft zu tragen haben.

Ein Geschäftsmann aus Zürich, der seit Jahren in China lebt, kann noch so viel über die Schweiz lesen und hören - den Alltag einer in der Schweiz lebenden Person fühlt er nicht mehr. Weder die Situation im öffentlichen Verkehr, noch das Gespräch auf dem Markt, noch die jauchzenden Kinder auf dem Pausenplatz. Die Betroffenheit des Auslandschweizers reduziert sich auf seine Familienangehörigen und Freunde und eventuell auf seine Pläne, den Lebensabend wieder in der Schweiz zu verbringen. Seine Meinung basiert auf Informationen von Drittpersonen.

Leben im Ausland

Gleiches gilt für den Auslandschweizer, der für das Parlament kandidiert. Sein Leben ist nicht in der Schweiz, sondern im Ausland. Am Prozess der Meinungsfindung müsste er vorwiegend online teilnehmen. Alles andere wäre beim Geschäftsmann aus China ökologischer Unsinn. Fraktions-, Kommissionssitzungen, Sessionen - alles online? Schwer vorstellbar.

Ein Auslandschweizer sollte sich lieber dort engagieren, wo er ist. Denn dort ist er auch betroffen. Und wenn ihm die Schweiz wichtiger ist, dann soll er zurückgehen und dort für eine weltoffenere Politik sorgen, etwa der Einführung des Ausländerstimmrechts. Denn ein seit Jahren in der Schweiz lebender Ausländer mit zwei schulpflichtigen Kindern ist von einem Volksentscheid in seiner neuen Heimat unmittelbar betroffen. Der Geschäftsmann in China nicht.

* Roman Paganini lebt seit zwei Jahren in Argentinien und ist nicht im Wahlregister eingetragen.