75 Jahre Rütli-Rapport
Eigentlich wollte Guisan seinen Offizieren nur die Réduit-Idee erklären

Am 25. Juli 1940 rief General Henri Guisan seine Offiziere zum Rapport auf die Rütli-Wiese und erschuf damit einen Mythos.

Christoph Bopp
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Der Mythos vom 25.Juli 1940: General Henri Guisan spricht zu den Kommandanten der Schweizer Armee, die er zum Rapport aufs Rütli befohlen hat. THEO FREY/Keystone

Der Mythos vom 25.Juli 1940: General Henri Guisan spricht zu den Kommandanten der Schweizer Armee, die er zum Rapport aufs Rütli befohlen hat. THEO FREY/Keystone

KEYSTONE

Wunder soll es, das sagt uns ein populäres Lied, «immer wieder» geben. Eher Wunschdenken. «Richtige Wunder» sind äusserst selten. Wunder sind per definitionem Ereignisse, die man nicht erklären kann. Der Historiker Willi Gautschi, Verfasser der Biografie von General Guisan, schreibt zwar nur von «einer Art Rütli-Wunder» und meint vor allem die Wirkung, die vom berühmten Rütli-Rapport des Generals ausging. Das meint auch das Reden vom «Rütli-Mythos». Ein Ereignis, das die Stimmung entscheidend verändert hat. Auf dem Rütli selbst fand offenbar kein Wunder statt, kein Eidgenossengeist, der in die Militärs gefahren wäre. Aber später, beim Drüberreden, da ereignete sich das Wunder. Nicht selbstverständlich: Die Inszenierung war doch sehr berechnet und nicht schwer zu durchschauen.

Man glaubte wieder daran

Dass es sie gab, diese Wirkung, ist unbestritten. Auch wenn sie sich erst nach und nach einstellte. Aber auch Gautschi, der sonst eher nüchterne Historiker, schreibt, der Rütli-Rapport sei «zu Recht zum Begriff eines historischen Wendepunktes» geworden. Es mag spitzfindig klingen, aber Wendepunkte erkennt man erst im Zurückschauen. Und da bleibt der Blick dann eben nicht zufällig bei Ereignissen hängen, die sich dafür eignen. «Da wusste ich, dass jetzt nichts mehr schiefgehen kann . . .» – die Formulierung ist bereits verdächtig. Überhaupt nichts wusste man damals. Aber man glaubte wieder daran. Irgendwann. Und wann genau, ist ja dann auch nicht mehr so wichtig.

Kein Zweifel: Die Rütli-Idee war genial. Dass sie ursprünglich nicht von Guisan kam, spielt keine Rolle. Der Appell (oder appeal), den die idyllische Wiese verströmt, ist verlässlich. Jederzeit. Aber psychologisch liegt die Sache etwas anders, als der - politisch motivierte – Mythenjäger heute meinen mag. Es geht nicht um die Rückbesinnung, um die Vorväter, die Schiller auf der Wiese aufmarschieren liess. Nicht Schweizerart oder Eidgenossengeist muss man beschwören. Die Sache ist viel einfacher.

Die Grande Nation geschlagen

Blenden wir zurück. Die Umstände sind bekannt. Frankreich, mit der stärksten Armee der Welt, wie man damals glaubte, ist zusammengeklappt, pulverisiert von den deutschen Panzern und Stukas. Auf Frankreich hat man in der Schweiz gebaut. Klammheimlich und gegen alle Neutralität hat man die Verbindung gesucht und Hilfsabsprachen getroffen. Das ist jetzt hinfällig.

Was nun? Die einen sagen: Der Krieg ist vorbei, jetzt müssen wir schauen, wie wir uns arrangieren. Die anderen sind nicht so sicher. Aber ausser den Engländern auf ihrer Insel, die gerade mit Müh und Not die Reste ihrer geschlagenen Truppen aus Dünkirchen evakuiert haben, ist niemand mehr da, der Hitler stoppen könnte. Die Verantwortlichen in der Schweiz machen sich keine Illusionen. Unsere Piloten sind zwar kampfeslustig und gut; aber Hitler und Göring toben, dass man auf deutsche Flugzeuge schiesst. Die Schweizer Regierung und die Armeespitze weichen zurück – und geben sogar Grenzverletzungen zu, die es wahrscheinlich nicht gegeben hat.

Am Radio redet Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Was davon in Erinnerung hängen bleibt, ist das Wörtchen «Anpassung» und «Anpassen». Er ist kein Fröntler, kein Nazi-Sympathisant. Aber das Vertrauen des Volkes hat er nicht. «Me sött de Pileh goh la», witzeln die Leute. Seine Sorgen um die Zukunft des Landes sind aber nicht unberechtigt. Jetzt ist Erntezeit und die Wirtschaft ruft: Man beschliesst, grosse Teile der Armee zu demobilisieren. Schliesslich herrsche jetzt rund um die Schweiz Frieden, sagt Pilet-Golaz am Radio.

Die rettende Idee vom Réduit

Dass unsere Armee nicht gerade auf der Höhe ist, ist vielen bewusst. Nicht nur ausrüstungsmässig und technisch, was da auf die Soldaten zukommt, hatte man bisher nicht in den Ausbildungsreglementen. Da taucht die nicht ganz neue Idee des «Réduit» wieder auf. Die Armee dort kämpfen lassen, wo sie eine Chance hat. Mit den Alpen im Rücken, in den engen Tälern der Voralpen. Es ist nicht Guisans Idee und er war auch nicht ihr Haupt-Propagator. Aber allmählich setzt sie sich durch. Für uns heute ist sie ein Geniestreich und wir stehen staunend vor den Kavernen, den Bunkern und den Geschützen aus den Schiessscharten.

Damals war das ein Schlag in die soldatische Tradition. Nicht ganz einfach, das den Leuten zu vermitteln. Aber aus der «Grenzbesetzung 1914/18» wurde schliesslich der «Aktivdienst 1939–45». Der Soldat schützt nicht mehr, er führt einen Kampf auf Distanz um die Idee der «freien Schweiz». Wozu Schneefelder und Gletscher verteidigen, wenn vorne Frau und Kind schutzlos sind?, so fragten sich die Leute. Und auch unter den hohen Offizieren sind die Meinungen geteilt – und sie schwanken.

Die Stimmung auf jeden Fall ist auf allen Ebenen miserabel. In der Armee, bei den Kadern wie den Mannschaften, aber auch in der Öffentlichkeit. Man gewinnt immer mehr den Eindruck, unsere Führung wolle gar nicht kämpfen. Defätismus macht sich breit. Das «Es nützt ja doch nichts» – so nennt Guisan seinen Hauptfeind – herrscht in den Köpfen.

Auch in der Schweizer Armee spürt man das. Der Nachrichtenoffizier Hauptmann Alfred Ernst schreitet zur Tat. Er sucht verwandte Geister, die Widerstand leisten wollen, auch wenn die Führung klein beigibt. Am 18. Juli 1940 bietet Guisan die Offiziere aufs Rütli auf. Am 21. Juli treffen sich die «Verschwörer» in Luzern. Auch der Rütli-Rapport überzeugt sie nicht. Erst im August fliegen sie auf. Aber da ist die Stimmung schon am Umschlagen. Schliesslich werden sie nur disziplinarisch mit Arrest bestraft, es gibt keine Anklage wegen Hochverrat.

So weit die Lage vor dem 25. Juli 1940.

Was bewirkte das Rütli?

Psychologisch lässt sich die Wirkung des Rütli-Rapports am besten erklären, wenn man in ihm «etwas Neues» sieht. Das Rütli ist nicht der Ort der erinnerten Vergangenheit, sondern eine Stätte, wo «sich Neues ereignet». Das war der zündende Kern. Dass es gelang, den Rückzug ins Réduit als «die neue Idee» zu verkaufen, darin liegt das Geheimnis. Guisan war sich des Problems bewusst. Der Soldat bewege sich ins Réduit mit dem Gedanken, was er zurücklasse. Die gut ausgebaute Stellung, die Familie, die Heimat. Da müsse man anpacken.

Appelle und Erklärungen zum Widerstand hat es bereits gegeben. Das war nicht das Neue. Anfang Juni bereits erlässt Guisan einen Armee- und einen Tagesbefehl, der eindringlich erklärt: Wir kämpfen. Formuliert hat ihn übrigens Ulrich Wille jun., sonst eher nicht der Freund des Generals. Er ist auch für das Réduit, möchte sogar noch mehr Konzentration der Kräfte. Allerdings auch mit Rücksicht darauf, dass die Wirtschaft sich jetzt um die Aufträge aus Deutschland kümmern solle.

Der Rütli-Rapport eröffnete eine Perspektive. «So könnte es gehen.» Natürlich sieht man im Rückblick nur den Willen zum Widerstand. Da kann man stolz darauf sein.

Der Kosten-Nutzen-Kalkül

Aber die Sache ist mehrdeutig. Eine rationale Strategie beruht auf dem Kalkül, dass man die Schweiz aus dem Krieg heraushalten kann, wenn man entweder die Kosten für den Fall oder den Profit für den Nicht-Fall erhöht. Das Réduit müsste dann eine «dissuasive Wirkung» erzeugen (so sah man es dann auch im Kalten Krieg). «Wenn ihr kommt, sind die Transitlinien kaputt.» Und es müsste auch zeigen, dass der Nutzen grösser ist, «wenn ihr uns in Ruhe arbeiten lässt». Am 9. August 1940 schloss der Bundesrat ein Abkommen mit Deutschland. Es ging vor allem um Wirtschaft.

Moralisch ist die Widerstand-Seite natürlich attraktiver. Sie pflegt man – bis heute. Über die andere Seite schwieg man lieber – zum Teil bis heute.

Natürlich greift alles ineinander. Arbeitsplätze, Lohn und Brot und Bunker. Nicht zuletzt wurde die Rütli-Rapport-Wirkung auch befeuert durch die Reaktion der Achsenmächte. Die sahen in der Guisan-Rede einen «Akt der Volksaufhetzung» und verlangten Abbitte. Die bekamen sie auch. Am 26. August 1940 erklärte der Bundesrat den Gesandten Deutschlands und Italiens, die sich beschwert hatten, es sei dann nicht so gemeint gewesen. Und Aussenminister Pilet-Golaz fügte inoffiziell hinzu, er hoffe, dass der General jetzt nicht mehr rede. Kein PR-Büro hätte das besser hinkriegen können.

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