Ehemaliger Terrorist
Ehemaliger Terrorist: «Es lohnt sich nicht, für Allah zu sterben»

Ein junger Araber zieht als Gotteskrieger in den Irak-Krieg, um gegen US-Soldaten zu kämpfen – dann konvertiert er zum Christentum und flieht in die Schweiz. Er warnt andere davor, im Namen des Islam töten zu wollen.

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Sultan

Sultan

Schweiz am Sonntag

Von Katia Murmann

Der Mann, der sich Sultan nennt, sollte schweigen. Das wäre besser für ihn, sicherer, er müsste dann nicht um sein Leben fürchten. Aber Sultan will reden, und so sitzt er in einem Café in Zürich und erzählt. Ein junger Mann mit dichtem schwarzem Haar, der aus braunen Augen aufmerksam seine Umgebung beobachtet, so sieht ein guter Schwiegersohn aus, mag man denken. Und ein ehemaliger Terrorist.

Sultans Geschichte beginnt vor zehn Jahren in seiner Heimat, einem Land im Nahen Osten, in dem die USA immer wieder gegen Terrororganisationen kämpfen. Es ist eine Geschichte, die stellvertretend steht für die vieler anderer junger Männer in den Ländern des Nahen Ostens, die Geschichte von einem, der unbedingt ins Paradies wollte. Und es ist die Geschichte einer radikalen Umkehr.

Sultan ist 16, ein Kind aus einer traditionellen Familie, nicht wahnsinnig religiös, als er über Freunde die Mitglieder einer islamischen Bruderschaft kennen lernt. Der Junge findet Gefallen am Zusammenhalt in der Gruppe, an deren Ideen und an der radikalen Rhetorik. Von Kämpfen ist die Rede, davon, dass ein guter Muslim Ungläubige töten müsse, dass er nur so den Weg ins Paradies finde.

Am Vormittag geht Sultan zur Schule, am Nachmittag und Abend liest er den Koran. «Ich habe gelernt, dass der Islam das Wichtigste sein muss in meinem Leben», sagt Sultan. «Ich wollte für meine Religion kämpfen. Und sterben.»

ALS US-SOLDATEN im März 2003 in den Irak einmarschieren, steht Sultan bereit: Zusammen mit anderen Mitgliedern der islamischen Bruderschaft reist er in den Irak, erst nach Bagdad, dann in die Städte Falludscha und Ramadi. Das Ziel der Gotteskrieger ist es, möglichst viele US-Soldaten zu töten. Drei Wochen lang ist Sultan im Krieg, dann schmuggeln ihn die Muslimbrüder nach Syrien. Von dort aus kehrt er in seine Heimat zurück, schmiedet weiter Pläne, um seinen Weg ins Paradies zu finden, nimmt Touristengruppen ins Visier, die seine Heimat bereisen, sie will er töten und so als Märtyrer sterben - obwohl er mittlerweile mit einer Cousine verheiratet ist und zwei kleine Kinder hat.

Gleichzeitig missioniert Sultan. Auch das gehört zu den Pflichten eines guten Muslims, andere zum wahren Glauben zu bekehren. Im Frühling 2008 trifft er eine Christin, Geschäftspartnerin seines Vaters. «Ich habe ihr von Allah erzählt, wollte, dass sie Muslimin wird», sagt er - aber die Frau will nicht. Stattdessen erzählt sie Sultan von ihrem Gott, der von Krieg und Kampf nichts wissen wolle, der alle Menschen liebe und der keinen zwinge, einen anderen Glauben anzunehmen.

«So etwas hatte ich noch nie gehört», sagt Sultan. «Mir wurde doch immer gesagt, dass Gott nur Muslime liebt.» Der Terrorist beginnt, sich mit dem Christentum zu befassen, im Internet findet er genug Informationen, von christlichen Missionswerken auf Arabisch verfasst. Nach drei Tagen weiss Sultan: Das ist es, er will Christ werden, aber er denkt nicht daran, welche Folgen das für ihn hat.

Stolz erzählt Sultan seiner Familie von seinem Schritt, seinen Freunden, er ist naiv. Nur seine Frau und sein Bruder haben Verständnis für ihn, alle anderen klagen, ihr Sohn, ihr Freund, ein Ungläubiger, einer der abgefallen ist vom wahren Glauben. Darauf steht im Islam die Todesstrafe. Die Familie seiner Frau drängt sie, ihn zu verlassen. Doch sie will nicht, will lieber mit ihrem Mann zum Christentum konvertieren. Das bezahlt sie mit ihrem Leben: Ihr eigener Vater, so erzählt Sultan und blickt mit leeren Augen an die Decke, habe seine Frau mit einem Messer erstochen.

Aus Angst um sein Leben flieht Sultan schliesslich, er, der es kaum erwarten konnte, ins Paradies zu kommen, will jetzt doch leben. Seine beiden Töchter muss er bei den Eltern zurücklassen. Er geht wieder nach Syrien, wird von Schleppern schliesslich in die Schweiz gebracht. Hier sitzt er jetzt, in einem Café in Zürich, der Christ und ehemalige Terrorist, 25 Jahre alt. Er sieht älter aus.

SULTAN HAT IN der Schweiz Asyl beantragt, als verfolgter Christ, einer von schätzungsweise 200 Millionen weltweit. Noch hat er keinen Bescheid bekommen. Seine Geschichte will er erzählen, auch wenn er von Muslimen angefeindet wird, sogar Drohungen erhält, weil er nicht mehr an Allah glaubt.

Aber Sultan hat jetzt einen neuen Auftrag: Er weiss, dass heute noch immer Jungen aus seiner Heimat in den Krieg gegen die Ungläubigen ziehen. Er schüttelt den Kopf: «Ich möchte diese Leute warnen: Sie sollen nicht töten. Es lohnt sich nicht, für Allah zu sterben.»