Das Gruppenbild erinnert an eine Aufnahme an einer Töchterschule: elf Nationalrätinnen und eine Ständerätin posieren vor einer Bücherwand. Artig falten sie die Hände, sittsam sind die Beine drapiert. Prominent ins historische Bild gerückt ist aber vor allem einer: der Fotograf – ein Mann. Die Damen sind die ersten Parlamentarierinnen, die vor 46 Jahren ins Parlament einzogen. Erst mit der Einführung des Wahl- und Stimmrechts 1971 erhielten sie Zugang zur Politik. Waren die Frauen der ersten Stunde dort willkommen? Wie erlebten sie Sexismus und strukturelle Benachteiligung? Vor zwei Wochen erschütterte die Stalking-Affäre um den Walliser CVP-Nationalrat Yannick Buttet das Bundeshaus. Sie führte so weit, dass die Verwaltungsdelegation am letzten Mittwoch eine Checkliste verteilen liess, damit die Politiker in Zukunft sexuelle Belästigung von harmlosen Flirts unterscheiden können.

Hanna Sahlfeld-Singer war 1971 nicht nur die erste SP-Nationalrätin des Kantons St. Gallen, sie war auch die erste Parlamentarierin, die im Amt Mutter wurde. Damit die heute 74-Jährige politisieren durfte, musste sie auf ihren Beruf verzichten. In der früheren Bundesverfassung war ausdrücklich ein Verbot für Pfarrerpersonen im Parlament verankert. «Als Frau und Pfarrerin kam ich mit einem gesunden Misstrauen nach Bern», erinnert sich Sahlfeld-Singer. «Ich wusste, dass mich der kleinste Skandal ruinieren würde.» Um keine Angriffsfläche zu bieten, gab sie sich strikte Regeln: Kein Alkohol und abends frühzeitig zurück ins Hotel. «Einmal luden mich einige Herren der CVP-Fraktion zu einem Essen ein», erzählt sie. Sahlfeld-Singer bestand darauf, dass diese eine Kollegin ihrer Fraktion mitnahmen. «Das schaffte die nötige Distanz.»

Auf allen Ebenen

Ruth-Gaby Vermot-Mangold absolvierte die ganze politische Ochsentour: Die SP-Frau war Berner Stadträtin, Grossrätin, Nationalrätin und Europarätin. Nach zwölf Jahren im Nationalrat trat sie 2007 zurück. «Jede Frau war und ist von Sexismus betroffen», sagt die 76-Jährige rückblickend. Sexismus habe verschiedene Gesichter: «Zum Beispiel wurden Frauen mit Kindern in der Politik immer kritisiert. Mein Mann war in den 70er-Jahren Hausmann. Da gab es doppelte Häme: Der arme Mann muss staubsaugen, während seine Frau Karriere machen will, hiess es.»

In der Politik gehe es um Macht. Die sexistische Schiene werde dazu genutzt, Frauen davon abzuhalten, sich aktiv für ihre Karriere einzusetzen. «Es hiess: ‹Du bist viel attraktiver und für die Gesellschaft nützlicher, wenn du dich um die Kinder kümmerst›.» Um gegen diese Abwertung zu kämpfen, würden Frauen viel Lebensenergie verschwenden. Mit anderen Frauen setzte sich Vermot-Mangold Ende der 90er-Jahre dafür ein, dass die Polizei eine Hotline einrichtete. Denn Politikerinnen, die sich mit heiklen Dossiers beschäftigten, würden oft bedroht. «Die Sicherheitskräfte nahmen uns lange nicht ernst. Es hiess: übertreibt mal nicht.» Hinweisen von Männern hingegen sei sofort nachgegangen worden.

Eine Alt-Politikerin, die nicht genannt werden möchte, nennt ein anderes Beispiel struktureller Benachteiligung: «Frauen müssen mehr beweisen als Männer», sagt sie. Oft habe sie beobachtet, wie Männer das Couvert mit den Unterlagen erst an der Sitzung selbst öffneten «Als Frau konnte ich es mir nicht leisten, unvorbereitet an eine Sitzung zu gehen.»

Im neunköpfigen Dübendorfer Stadtrat war die CVP-Politikerin Rosmarie Zapfl ab Ende der 70er-Jahre das einzige weibliche Mitglied. «Ich wurde von meinen Kollegen oft nicht wirklich ernstgenommen», sagt sie. Bei Auseinandersetzungen im Gremium sei es kaum je um die Sache gegangen, stets sei auf sie als Frau gezielt worden. So erinnert sich Zapfl daran, wie ihr Antrag als Vorsteherin des Tiefbauamtes auf Tempo 50 innerorts von einem Regierungskollegen mit den Worten abgekanzelt wurde: ‹Dich hätte ich für eine rassigere Frau gehalten, Rosmarie›.» Vorher habe er sie einige Male von Kopf bis Fuss mit seinen Blicken taxiert. Mit Verkehrspolitik habe das nichts mehr zu tun gehabt.

Auf jeder politischen Ebene sei sie mit Sexismus konfrontiert gewesen, sagt die 78-jährige CVPlerin. «Als arrivierte Politikerin im Nationalrat genauso wie Jahrzehnte zuvor als Einsteigerin im Dübendorfer Gemeinderat.» Auch innerhalb ihrer Partei habe sie einen schweren Stand gehabt: Nachdem sie sich für einen EU-Beitritt starkgemacht hatte, wurde sie von einem Kollegen vor der Fraktion beschimpft und weder Fraktionschef noch Bundesrätin hätten sie vor dem Gremium unterstützt, obschon diese eigentlich ihrer Meinung waren, erzählt Zapfl. «Ich wurde fallen gelassen wie eine heisse Kartoffel. Ich konnte nicht auf Männerseilschaften zählen wie meine Kollegen.»

Veränderung in den Köpfen

In ihrer Generation seien fast alle Frauen Opfer von sexuellen Übergriffen geworden, sagt sie. Es habe damals keine wirksame Möglichkeit gegeben, sich dagegen zu wehren. «Wer auf einem Polizeiposten Strafanzeige einreichen wollte, wurde als Flittchen angesehen», so Zapfl. «Es herrschte die Meinung vor: Wer Jeans trägt, ist selbst schuld.» Entsprechend sei ihre Generation bereits erzogen worden.

Als kleinen Fortschritt wertet es Rosmarie Zapfl, dass mittlerweile auf höchster politischer Ebene über Stalking und sexuelle Übergriffe gesprochen wird. Vor allem die Einrichtung einer Beratungsstelle begrüsst die Alt-Nationalrätin. «Doch wenn in den Köpfen kein Umdenken stattfindet, nützt keine Beratungsstelle und kein Gesetz.»

73 Parlamentarierinnen politisieren heute im Bundeshaus. Gemessen an der Bevölkerung sind Frauen noch immer stark untervertreten. Nicht zuletzt dank der #MeToo-Kampagne reagiert die Öffentlichkeit heute zwar sensibler auf das Thema Sexismus. Besiegt ist er deswegen aber noch lange nicht.