«Ehe für alle»
EVP begründet ihre Nein-Parole mit der Samenspende für lesbische Paare – lediglich ein Scheinargument?

Sozial- und wirtschaftspolitisch links, gesellschaftspolitisch rechts: Die Evangelische Volkspartei ist ein Unikat in der Parteienlandschaft. Die «Ehe für alle» lehnt die EVP mit Verweis auf die Samenspende für lesbische Paare ab. Werden damit ethische Argumente vorgeschoben, um ein konservatives Nein zur rechtlichen Gleichstellung homosexueller zu legitimieren?

Christoph Bernet
Drucken
Teilen
«Rote Linien»: EVP-Parteipräsidentin Lilian Studer bei sich zuhause in Wettingen AG (Juli 2021).

«Rote Linien»: EVP-Parteipräsidentin Lilian Studer bei sich zuhause in Wettingen AG (Juli 2021).

Britta Gut

Seit sich die CVP mit der BDP zur Partei «Die Mitte» zusammengeschlossen hat, ist sie die letzte Partei der Schweiz mit einem religiösen Bezug im Namen: die Evangelische Volkspartei (EVP). Dieser Bezug macht die Abstimmung über die «Ehe für alle» vom 26. September für die Partei zu einer besonderen Angelegenheit. Die offizielle Parteihaltung ist klar: Ende Juni sagten die Delegierten klar Nein zur «Ehe für alle».

Doch ganz eindeutig ist die Sachlage nicht. Immerhin hatten in der Vergangenheit zwei der drei EVP-Nationalräte im Grundsatz die «Ehe für alle» befürwortet. Dennoch lehnten sie das Geschäft bei der Schlussabstimmung im Dezember 2020 ab, weil das Parlament die Samenspende für lesbische Paare in die Vorlage einbaute.

Damit sei «eine rote Linie überschritten», schreibt der Zürcher Nationalrat Nik Gugger auf Anfrage. Wie Ratskollegin und Parteipräsidentin Liliane Studer hatte sich Gugger für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ausgesprochen.

«Samenspende als Teil der Vorlage kommt einigen gelegen»

Von einer überschrittenen «roten Linie» war auch bei der Delegiertenversammlung die Rede. Die «Ehe für alle» selbst wäre eine zivilrechtliche Angelegenheit zwischen zwei Menschen, schrieb die Partei in einer Medienmitteilung. Doch die Samenspende für lesbische Paare widerspreche der Verfassung. Diese sehe die Fortpflanzungsmedizin auch bei heterosexuellen Paaren nur als «Ultima Ratio» bei Unfruchtbarkeit vor.

Doch gab wirklich die Samenspende den Ausschlag? In einem Gastbeitrag in der neuen Ausgabe der Mitgliederzeitung der Stadtberner EVP stellt Parteimitglied und Theologiestudentin Evelyne Baumberger diese Darstellung in Frage.

Die Formulierung in der Mitteilung dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Mehrheit der Partei tatsächlich gegen die «Ehe für alle» sei, schreibt sie. In Gesprächen und in den sozialen Medien gewinne sie den Eindruck, dass «es einigen gelegen kommt», dass die Samenspende Teil der Vorlage sei: «So müssen sie nicht offen ‹Nein› zur Gleichstellung von lesbischen und schwulen Paaren sagen.»

«Man läuft Gefahr, als homophob zu gelten»

Auf Anfrage betont Baumberger, sie habe den parteiinternen Meinungsbildungsprozess als sehr positiv wahrgenommen: «An einem Fokustag wurden etwa die verschiedenen Ansichten auf sehr respektvolle Art diskutiert und das Thema ausgiebig und abgestützt auf die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse beleuchtet.» Sie sei deshalb überrascht gewesen, als eine im Anschluss durchgeführte Befragung unter 2000 Parteimitgliedern ergab, dass doch fast zwei Drittel «Nein» oder «Eher Nein» zur «Ehe für alle» sagen.

Baumberger vermutet, die Betonung der Ablehnung der Samenspende habe mit der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Paaren zu tun:

«Bei einem Nein zur ‹Ehe für alle› läuft man schnell Gefahr, als homophob zu gelten. Deshalb rücken einige die ethisch umstrittene Samenspende in den Fokus.»

Die Samenspende als vorgeschobener Grund für die Ablehnung? Das lässt EVP-Generalsekretär Roman Rutz nicht gelten: «Sie ist auf jeden Fall der Hauptgrund für das Nein unserer Basis.» Eine Mehrheit habe die Kernvorlage ohne Samenspende in der Mitgliederumfrage 2020 abgelehnt, weil schon damals klar gewesen sei, dass das Parlament in einem nächsten Schritt die Samenspende ermöglichen wolle: «Viele wollten deshalb schon zum ersten Schritt Nein sagen.»

«Wir sind Brückenbauer, keine Hinterwäldler»

Die EVP ist seit ihrer Gründung 1919 fast durchgehend mit mindestens einem Sitz im Nationalrat vertreten. Sie stützt sich auf eine treue Stammwählerschaft aus freikirchlichen und reformiert-landeskirchlichen Kreisen. In der Sozial-, Wirtschafts- und Asylpolitik und beim Umweltschutz stimmen ihre Vertreter oft gemeinsam mit SP und Grünen. In gesellschaftspolitischen Fragen wie der Drogenlegalisierung oder der Fortpflanzungsmedizin finden sie sich oft im gleichen Lager wie die SVP oder die konservativ-religiöse EDU wieder.

«Wir sind Brückenbauer»: EVP-Generalsekretär Roman Rutz (Archivbild 2018).

«Wir sind Brückenbauer»: EVP-Generalsekretär Roman Rutz (Archivbild 2018).

Mareycke Frehner

Die EVP werde auch zukünftig aus einer ethischen, christlichen Perspektive Politik machen «und auch bei medizinischen Fortschritten kritische Fragen stellen», sagt Rutz. Sie sei im politischen Zentrum verankert und arbeite gut mit anderen Parteien zusammen: «Wir sind Brückenbauer und keine Hinterwäldler am Rand der Gesellschaft.»

Aktuelle Nachrichten