Nach dem Eklat um die Edelweisshemden zeigt sich nicht nur in der Sekundarschule in Gossau ZH: Jugendliche tragen Nationalitätskonflikte zum Teil auf Whatsapp aus.

Garderoben-Eklat in Gossau: Zehn Jugendliche waren mit traditionellen Schwinger-Hemden in der Schule. Die Lehrerin hat dies verboten, da es rassistisch sei. (Tele Züri vom 13.12.2015)

Für Jugendliche ist die Identifikation mit der Herkunft und dem Herkunftsland besonders wichtig. Gemäss Experten spielt sich die Suche nach dem «Ich» nicht nur im öffentlichen Leben, sondern zunehmend in der virtuellen Welt ab. Auf Whatsapp, einer Applikation, mit der Nachrichten ausgetauscht werden können, verschicken sich Jugendliche Wappentiere. Auf Facebook posten sie ihr neues Edelweiss-Tattoo. Digitale Medien werden zunehmend zur Separation kultureller Zugehörigkeiten genutzt.

Wie das funktionieren kann, zeigte sich am Freitag vor einer Woche in Gossau ZH. Ein Aufruf in einer Whatsapp-Gruppe forderte die Sekundarschüler zum Tragen der Edelweisshemden auf. Die Nachricht in der Whatsapp-Gruppe sehen nur die eingeladenen Teilnehmer. Tags darauf marschierten zehn Schüler im Edelweisshemd ins Klassenzimmer. Die Lehrerin war nicht begeistert. Sie forderte die Schüler auf, die Kleider zu wechseln. Es kam zum Eklat, das Edelweisshemd wurde zum Hemd des Anstosses.

Die Whatsapp-Gruppe, in der sich die Schüler organisiert hatten, nennt sich «die wahren Schweizer». Gegenüber dem Onlineportal «Watson» sagt eine Klassenkameradin der Edelweisshemd-Träger: «Jeder weiss, dass die, die in dieser Gruppe drin sind, Ausländer hassen.»

«Die wahren Schweizer» ist nicht die einzige Whatsapp-Gruppe, in der nach Nationalitäten unterschieden wird. «Whatsapp-Gruppen existieren zu allen möglichen Themen», sagt Philippe Wampfler, Lehrer und Social-Media-Experte. «Wenn Jugendliche Nationalitäten oder Rassismus diskutieren, tun sie dies auch auf Whatsapp.» Als Lehrer macht Wampfler die Erfahrung, dass Schweizer Jugendliche im Schnitt in 15 bis 20 solcher Gruppen gleichzeitig interagieren. Darunter auch jene, in denen nach Nationalitäten unterschieden werde.

Nur ein Stück Stoff oder mehr? Die Zürcher Lehererpräsidentin Lilo Lätzsch und SVP-Ständerat Peter Föhn über das Edelweisshemd an Schulen und weshalb eine Uniform keine Lösung ist.

Welche Rolle Nationalität in den Whatsapp-Gruppen spielt, ist noch wenig erforscht. Olivier Steiner, Soziologe an der Fachhochschule Nordwestschweiz mit dem Schwerpunkt digitale Medien, berichtet von Interviews mit Schülern, die zeigen, dass es an Schweizer Schulen oft zu Gruppenbildungen entlang nationaler Herkunft kommt. «An solchen Schulen bleiben die Schüler mit Migrationshintergrund und die Schweizer unter sich.»

Steiner vermutet ein Stadt-Land-Gefälle. Denn eine Studie aus London zeigt, dass in urbanen Räumen die Begegnung mit vielfältigen Kulturen in sozialen Netzwerken für die Jugendlichen eine Bereicherung darstellt. Steiner sagt: «In urbanen Räumen erlernen Jugendliche in digitalen Medien kulturelle Vielfalt. In ländlichen Gebieten könnten Whatsapp und Co. eher als Mittel zur Abgrenzung genutzt werden.»

Was sind die Folgen solcher Chats? Daniel Süss, Medienpsychologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sagt: «In einem Whatsapp-Chat kann es zu einer Enthemmung kommen. Im Chat werden Dinge gesagt, die von Angesicht zu Angesicht nicht ausgesprochen würden.» In einer Whatsapp-Gruppe ist nur, wer eingeladen ist. Das Geschriebene entzieht sich den Blicken von Lehrpersonen oder Eltern. «Lehrer sollten mit ihrer Klasse über solche Chats sprechen und Vereinbarungen treffen. Auch sollte es Diskussionen über Werthaltungen geben, und, mit welchen Werten sich Schüler identifizieren.»

Störer: Schweiz am Sonntag