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EDA unterstützt britisches Hilfswerk Oxfam wieder – erlässt für Mitarbeiter aber ein Sexverbot

Das britische Hilfswerk Oxfam sorgte 2018 für Negativschlagzeilen, da Oxfam-Mitarbeiter auf Haiti eigene Bordelle betrieben.

Das britische Hilfswerk Oxfam sorgte 2018 für Negativschlagzeilen, da Oxfam-Mitarbeiter auf Haiti eigene Bordelle betrieben.

Das EDA stellte die Zahlungen an das Hilfswerk Oxfam 2018 ein, nachdem sexueller Missbrauch publik wurde. Heute fliesst das Geld wieder. EDA-Mitarbeitende im Ausland dürfen derweil nicht mehr für Sex bezahlen.

Der Skandal um das internationale Hilfswerk Oxfam schlug 2018 hohe Wellen: Vor einem Jahr wurde bekannt, dass Mitarbeiter der Entwicklungsorganisation Oxfam in Haiti Frauen ausbeuteten und Sex als Gegenleistung für Hilfe in der Not verlangten.

Sieben Jahre lang hatte die Organisation versucht, alles unter dem Deckel zu halten. Doch einmal ins Rollen gekommen, nahm der Skandal immer grössere Ausmasse an: Sex­orgien mit Oxfam-Mitarbeitenden auf Haiti, während des Wiederaufbaus nach dem schweren Erdbeben von 2010, in einer eigens dafür angemieteten Villa. Prostituierte im Tschad, Vergewaltigungen im Südsudan.

In gewissen Fällen soll Nothilfe nur gegen sexuelle Gefälligkeiten geleistet worden sein, es sollen auch Kinder unter den Opfern gewesen sein. Ein ehemaliges Oxfam-Kadermitglied sagte im Fernsehen aus, die Oxfam-Leitung habe ihre Sorgen über eine «Kultur des sexuellen Missbrauchs» unter Mitarbeitern im Ausseneinsatz nicht ernst genommen.

Seit 2018 flossen acht EDA-Millionen

Das Bekanntwerden des Skandals hatte weitreichende Konsequenzen: Ranghohe Vertreter, unter anderem die Vizechefin des britischen Oxfam-Ablegers und der Chef, Mark Goldring, mussten zurücktreten. Die Organisation verlor Tausende Spenderinnen und Spender.

Auch die Schweiz war betroffen: Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat sich im Zeitraum zwischen 2013 und 2017 mit 20,4 Millionen Franken an Oxfam-Projekten beteiligt. Das Geld floss in unterschiedliche Länder, unter anderem Jemen, Irak, Tschad und die palästinensischen Autonomiegebiete.

Dabei handelte es sich hauptsächlich um Entwicklungshilfeprojekte der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), aber auch um solche der EDA-Abteilung für menschliche Sicherheit, die Frieden und Menschenrechte fördern soll.

Das EDA teilte im Februar 2018 schliesslich mit, die Zahlungen würden per sofort sistiert – und forderte eine «lückenlose Aufklärung». Seither ist es still geworden um Oxfam. Und auch das EDA, das die Zahlungen sistierte, kommentierte seither keine weiteren Schritte bezüglich Aufklärung der Missstände und weiterer Zusammenarbeit.

Jetzt wurde auf Anfrage von CH Media bekannt: Hinter den Kulissen zahlt das EDA weiter. Bereits am 15. Mai 2018 floss wieder Geld an die Organisation. Fast 8 Millionen Franken hat das EDA seit 2018 an Oxfam gezahlt.

Man habe, so sagt das EDA auf Anfrage, Informationen über die mutmasslichen Vorfälle sowie bereits eingeleitete und geplante Massnahmen zum Schutz vor sexueller Belästigung, Ausbeutung und Missbrauch von der Organisation eingeholt. «Aufgrund dieser Analyse kam das EDA zum Schluss, dass Oxfam weiterhin ein vertrauenswürdiger und professioneller Partner ist.»

Verhaltenskodex für Diplomaten

Seit August 2018 gelten nun auch für EDA-Mitarbeiter neue Regeln. Das Aussendeparte­ment verfügt seither über einen Verhaltenskodex für Mitarbeitende im Ausland, der jede Form der Belästigung, einschliesslich sexueller Belästigung, untersagt.

Auch explizit verboten sei «die Ausbeutung von Menschen, die sich in einer Notlage oder einer Abhängigkeit be­finden, und die Praxis der ­sexuellen Ausbeutung, einschliesslich der Kauf von sexuellen Dienstleistungen», schreibt das EDA in seinem Statement. Inwieweit diese Regelung für EDA-Mitarbeitende auch in ihrer privaten Zeit im Ausland gilt und ob wirklich alle Mitarbeitenden gleich davon betroffen sind, hat das EDA nicht weiter beantwortet.

Im Juli 2019 habe sich die Deza ausserdem mit 29 anderen Gebern auf Empfehlungen zur Beendigung von sexuellen Übergriffen geeinigt. Seit Juli 2018 erhielt das EDA mehrere Berichte über die Umsetzung des 10-Punkte-Massnahmenplans von Oxfam. Die Organisation informiere «systematisch und frühzeitig seine Geldgeber, also auch das EDA, über (Verdachts-)Fälle von Fehlverhalten in Ländern, in denen der Geber Oxfam-Projekte unterstützt», heisst es weiter.

Das EDA unterstützt zurzeit Oxfam-Projekte in rund einem Dutzend Krisengebieten, unter anderem im Irak, Burkina Faso, Mali, Syrien und der Republik Kongo. Das britische Hilfswerk, in England eine Institution, die vor Bekanntwerden der Vorfälle ein hohes Ansehen genoss, verfügt über ein Jahresbudget von 520 Millionen Franken.

Auch andere Hilfswerke haben ähnliche Probleme

Sexuelle Übergriffe in Krisengebieten durch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen betreffen nicht nur Oxfam: Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat allein 2017 insgesamt 146 Hinweise auf mögliches Fehlverhalten einzelner Mitarbeitenden erhalten.

In der Folge mussten 19 Mitarbeiter entlassen werden. Die Vereinten Nationen haben mehr als hundert Fälle dokumentiert, in denen sich Blauhelm-Soldaten aus Sri Lanka an Minderjährigen in Haiti vergingen und sie schwängerten, sagte Autorin Linda Polman im «Stern».

Sie berichtet seit Jahrzehnten aus Krisengebieten und sagt: Die Misere betreffe nicht nur eine Organisation, sondern viele. Das Problem, wie so oft, sei ein systemisches. Machtmissbrauch von Männern an Frauen, die in eine Abhängigkeit geraten.

Und die Hilfswerke-Industrie mit einem Jahresumsatz von 150 Milliarden Dollar – und keinem Interesse, Spenderinnen und Spender zu verlieren, wegen ein paar schwarzer Schafe, die den Ruf ruinieren.

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