Ein Wissenschafter ausser Rand und Band. Der Schweizer Biochemiker Betrand Zobrist entwickelt einen Virus, der die Menschheit genetisch verändert und dazu führen soll, dass 50 Prozent der Menschen unfruchtbar werden.

Die Bevölkerungsexplosion wird gestoppt, ohne dass jemand sterben muss.

Betrand Zobrist, der geniale, aber gefährliche Wissenschafter mit grosser Angst vor der Überbevölkerung ist (zum Glück) nur eine Figur in Dan Browns aktuellem Thriller «Inferno».

Zwar wird im Ecopop-Vereinsmagazin das Buch - obschon «Trivialliteratur und sicher kein literarischer Höhenflug» - zur Lektüre empfohlen.

Es soll «Ecopop-Muffel» für das Thema Überbevölkerung sensibilisieren. Doch Benno Büeler, Präsident des Initiativkomitees, sind solche Selbstausrottungsfantasien ein Graus.

Dass sie einst Realität werden, will er auf jeden Fall verhindern. Seine Mission lautet deshalb, die Zahl der Menschen «mit Vernunft» zu reduzieren. Und jetzt «pro-aktiv» zu handeln.

Die Ecopop-Initiative ist das Mittel dazu. Sie will die Zuwanderung in der Schweiz auf 0,2 Prozent der Wohnbevölkerung beschränken. Bei einer Bevölkerung von acht Millionen könnten netto noch 16 000 Ausländer einwandern.

Zudem sollen zehn Prozent der Gelder der Schweizer Entwicklungshilfe für die Förderung der freiwilligen Familienplanung eingesetzt werden (siehe Kasten).

Benno Büeler, Agronom und Mathematiker, macht in sanftem Tonfall deutlich, dass die Initiative eigentlich nichts anderes als eine Abrechnung mit der Umweltpolitik der letzten Jahre ist.

Alle ökologisch relevanten Faktoren hätten sich verschlechtert: Die Siedlungsfläche und der Energieverbrauch haben zugenommen, das Artensterben geht weiter.

Die Wirtschaft habe auf die Verbesserung der Technologien gesetzt, die Grünen auf Verhaltensänderungen beim Menschen.

Doch: «Ökologische Gehirnwäsche funktioniert nicht», sagt Büeler. Die Politik müsse den Menschen nehmen, wie er sei. Er redet von der Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen. Von staatlicher Umerziehung hält er nichts - und damit auch nicht von der Grünen Partei, der er selbst einmal angehört hat.

Doch auch die «Kuschelumweltorganisationen» wie Pro Natura kommen nicht gut weg. Büeler redet plakativ. Nennt Beispiele.

So kritisiert er die aktuelle Amphibien-Kampagne der Pro Natura. «Was nützen mehr Tümpel und Weiher, wenn daneben eine neue Wohnsiedlung oder eine neue Fabrik entsteht?», fragt Büeler rhetorisch: «Die wirklich grossen Probleme werden nicht gelöst», ist er überzeugt. «Stattdessen fühlen wir uns gut, wenn wir ein LED-Lämpchen einschrauben.»

Die grosse Wende in der Umweltpolitik will Ecopop also schaffen. Die Initiative soll bewirken, was die Politik der kleinen Schritte verfehlt hat. Der wichtigste Faktor sei ausser Acht gelassen worden: der Mensch.

«Wir können nicht mehr ignorieren, dass die Anzahl Menschen eine Rolle spielt.» Für den Doktor der Mathematik alles eine Frage der Logik und Rationalität.

Entsprechend gibt es auch eine Formel dazu: Umweltbelastung gleich Anzahl Menschen mal Pro-Kopf-Verbrauch mal technische Effizienz. Alle diese Faktoren seien wichtig, sagt Büeler.

Es gehe nicht um ein Entweder-oder. Doch der Technikfortschritt reiche bei weitem nicht mehr aus und den Pro-Kopf-Konsum drastisch zu senken, stehe im Widerspruch zu einer freiheitlichen Wertvorstellung. Bleibt als erfolgsversprechendster Ansatzpunkt für Ecopop eben die Anzahl Menschen.

Kommt hinzu, dass die Bevölkerung eine träge Masse ist und deren Beeinflussung Zeit braucht. Die UNO rechnet in ihrem mittleren Szenario, dass die Weltbevölkerung bis Ende dieses Jahrhunderts von sieben auf elf Milliarden Menschen ansteigen wird. Es ist nicht die einzige Zahl, die einem im Gespräch mit Benno Büeler um die Ohren fliegt. Zahlen als Beleg für den wissenschaftlichen Ansatz.

1,5 Kinder gebärt eine Frau in der Schweiz im Durchschnitt. Für die Mitglieder von Ecopop ist das eine gute Nachricht. Denn eine Fertilitätsrate von 2,1 wäre notwendig, damit die Bevölkerung stabil bleiben würde - wenn es denn keine Zuwanderung gäbe. Mit anderen Worten: Das Bevölkerungswachstum in der Schweiz ist in erster Linie ein Zuwanderungswachstum. Und deshalb setzt dort die Ecopop-Initiative an. Dank einer tieferen Einwohnerzahl sollen die «natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft sichergestellt sein», wie es im Initiativtext heisst.

Kritiker wenden ein, dass das Umweltproblem global angegangen werden muss. Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen, sagt: «Ob jemand in Baden-Württemberg lebt oder in der Schweiz, ist für die ökologische Belastung irrelevant.»

Für Büeler hingegen geht es darum, dass die Schweiz selbstverantwortlich handelt und aktiv wird. Und damit auch die ökologischen Lebensgrundlagen in anderen Teilen der Welt besser werden, will die Initiative die freiwillige Familienplanung in Entwicklungsländern fördern.

Etwas plakativ ausgedrückt: In der Verfassung soll verankert werden, dass der Bund in Afrika Kondome für 200 Millionen Franken jährlich verteilt. Was für Kritiker ein Akt des Imperialismus darstellt, ist für Ecopop die Verwirklichung des UNO-Menschenrechts auf freiwillige Familienplanung. Die 80 Millionen ungewollten Schwangerschaften pro Jahr sind für die Initianten ein «Potenzial, das auf der Strasse liegt»: «Wir können eine Win-win-Situation schaffen, indem wir den Frauen ihre Würde zurückgeben und gleichzeitig das Bevölkerungswachstum bremsen.»

Ökofaschisten hat Staatssekretär Yves Rossier die Initianten genannt (und sich später entschuldigt). SP-Nationalrätin Maria Bernasconi schrieb öffentlich von «eugenischen Zielen» der Initianten.

Da nimmt sich der Vorwurf der «Fremdenfeindlichkeit» von Nationalrätin Aline Trede (G/BE) fast schon nett aus. Büeler weiss, wo die wunden Punkte seiner Organisation liegen.

Er spricht die Rassismus-Vorwürfe aus dem links-grünen Lager offensiv an und deutet sie um als Zeichen der Diskussionsverweigerung. Dabei kommen die Vorwürfe nicht von ungefähr.

In den 70er-Jahren gehörte Valentin Oehen, Politiker der Nationalen Aktion und späterer Mitgründer der Schweizer Demokraten, dem Vorstand von Ecopop an.
Glatteis erkennt Büeler sofort. Er ist mediengewandt, weiss, wo er angreifbar ist. Der Frage nach seinem persönlichen ökologischen Fussabdruck weicht er aus.

Früher, da habe er in seinem Umfeld als radikal gegolten: keine Flugreisen, kein Auto und lieber das Fahrrad als der öffentliche Verkehr. Zudem habe er bewusst wenig verdient, um nicht in diese Konsumspirale zu kommen.

Das war, bevor Büeler für einen internationalen Versicherungskonzern gearbeitet hat. Es war die Zeit, als er nach seinem zweiten Studium noch eine Dissertation anhängte.

Heute zählt sich Büeler zum «Mittelfeld», was den Fussabdruck anbelangt. Seiner Meinung nach widerspricht seine Lebensweise den Initiativzielen indes nicht.

Weil in seiner Erzählung der Geschichte die Wende mit kleinen Schritten alleine nicht gelingt. Büeler weiss weiter, dass es schwer zu vermitteln ist, dass er drei Kinder hat. So fügt er an, dass diese von zwei verschiedenen Frauen stammen.

Mit anderen Worten, seine persönliche Familienplanung trägt statistisch gesehen nicht zum Bevölkerungswachstum bei. Aber ohnehin findet Büeler: «Die Frage der Anzahl Kinder kann nicht auf einer individuellen Basis betrachtet werden.»

Die persönliche Freiheit markiert für Benno Büeler die Grenze der grünen Politik. Er bevorzugt einen Rückgang des Bevölkerungswachstums in Afrika, wo der Ressourcenverschleiss weit geringer ist als in der westlichen Hemisphäre. Nicht dank Bildung oder wirtschaftlichem Fortschritt. Nein, dank Kondomen.