Syrienkrieg
«Easyjet-Dschihad»: Per Billigflieger in den Syrien-Krieg

Nie war es für Schweizer Dschihadisten einfacher, in die Schlacht zu ziehen, sagt ein ETH-Sicherheitsforscher. Dem Nachrichtendienst bereiten jedoch mehr diejenigen Personen Sorgen, welche aus dem heiligen Krieg zurückkehren.

Daniel Fuchs
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Mit Kalaschnikow auf dem Sowjet-Geschütz: Ein dänischer Dschihadist in einem syrischen Trainingscamp.key

Mit Kalaschnikow auf dem Sowjet-Geschütz: Ein dänischer Dschihadist in einem syrischen Trainingscamp.key

«Zehn Schweizer Dschihadisten in Syrien» – so lautete die gestrige Schlagzeile. «Unpräzis», sagt der Sprecher des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB), Felix Endrich.

Man habe unbestätigte Informationen von zehn Schweizern, die sich derzeit in Syrien oder auf dem Weg dorthin befinden.

Ob Gotteskrieger oder Reisende, welche die Opposition unterstützen, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen oder Abenteurer sei unklar. «Gut möglich», sagt hingegen der Dschihad-Forscher Lorenzo Vidino: Nie sei es einfacher gewesen, Gotteskrieger zu werden.

Das habe mit praktischen Gründen zu tun, so der Forscher am Center for Security Studies der ETH Zürich.

«Easyjet-Dschihad» nennt er das Phänomen: «Wenn Sie wollen, dann besteigen Sie frühmorgens den Billigflieger in die Südtürkei. Läuft alles rund, stehen Sie bereits am selben Abend an der Grenze zu Syrien.»

Vorläufiger Höhepunkt

Aus dem sicheren Westeuropa direkt in den Heiligen Krieg – mit vorher geknüpften Kontakten fast schon ein Kinderspiel, wie das Teenageralter einiger Kämpfer beweist.

Der NDB überwacht Aktivitäten wie solche Kontaktaufnahmen. Doch die Überwachung ist schwierig. Zudem: Einem Dschihadisten, gegen den keine Ausreisesperre vorliegt, eine Reise zu verbieten ist nicht möglich.

Nicht jene, die ausreisen, bereiten Geheimdiensten Sorgen, sondern die Rückkehrer. Endrich vom NDB: «Unser Auftrag ist definiert: Er dient unter anderem der Terrorabwehr. Rückkehrer aus Gebieten des Dschihads sind gefährlich, weil sie hierzulande rekrutieren oder sogar einen Terrorakt planen könnten.»

Das Phänomen habe mit dem Syrienkrieg einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, sagt der ETH-Forscher Vidino.

Zahlen für die Schweiz würden zwar verhältnismässig gering ausfallen, doch müsse man auf der Hut sein: «Die Krieger wurden im Westen radikalisiert.» Sei es in einer Moschee, wo eine radikale Auslegung des Islams gepredigt wird, unter Freunden oder im Internet. In Trainingscamps oder im Krieg würden sie weiter radikalisiert.

Die Bieler Connection

Richtig in die Schlagzeilen gerieten die jungen Dschihadisten aus der Schweiz mit einem Todesfall von 2006:

Ein junger Tunesier, genannt Abu Saad al-Tunisi, starb in den Reihen der Kaida im Irak.

Al-Tunisi war als Teenager mit seiner streng religiösen Familie nach Biel gekommen. In der Schule integrierte er sich schlecht. Er soll sich im Internet und in einer Moschee radikalisiert haben.

Die gegenteilige Vorgeschichte liefert der Fall des Palästinensers Majd N. Als 8-Jähriger erhielten er und seine Familie politisches Asyl.

Der Junge schrieb gute Schulnoten und integrierte sich nach aussen hin gut. Unbemerkt soll er sich im Internet und in derselben Bieler Moschee wie al-Tunisi radikalisiert haben.

Im Februar 2012 flog Majd N. nach Nairobi, wo er Kontakt zur somalischen al-Shabaab-Miliz aufnahm. Später besuchte er Trainingscamps und kämpfte an der Seite der Shabaab-Milizen in Somalia. Zurück in Kenia geriet er in Haft. Die Schweizer Behörden belegten ihn daraufhin mit einer Einreisesperre und entzogen ihm den Flüchtlingsstatus.

Einige der Gotteskrieger sind im Teenager-Alter, wenn sie aufbrechen. Andere sind älter. Einige tun es aus jugendlichem Unsinn, andere sind gefährlich. «Bei manchen Rückkehrern genügt eine psychologische Betreuung, andere müssen eng überwacht werden», fordert Lorenzo Vidino.

Länder wie Dänemark oder Belgien sind stärker betroffen als die Schweiz. So beschäftigen die Gotteskrieger die höchsten politischen Ebenen: Gestern diskutierten die EU-Innenminister, wie den potenziell gefährlichen Rückkehrern zu begegnen ist.

Auch der Schweizer EU-Botschafter nahm am Treffen teil. Unter Schweizer Vorsitz wollen die Mitglieder der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) das Thema Ende April in Interlaken diskutieren.