Durch Lehrermangel leidet die Schulqualität

Vier von fünf Lehrpersonen der Schule Aargau befürchten eine Einbusse der Unterrichtsqualität. Der Bildungsdirektor sagt, die meisten Themen seien mit der Lohndekrets-Revision in Arbeit.

Hans Fahrländer

Warum ist das Interesse am Lehrerberuf eingebrochen? In seiner Volksin-itiative «Für eine Schule mit Lehrpersonen» hat der Aargauische Lehrerinnen- und Lehrerverband (ALV) aufgezeigt, wie seiner Ansicht nach junge Leute wieder in die Schulzimmer zurückzuholen sind: Nachführung der zurückgefallenen Löhne, Verstetigung des Anstellungsgrades, Reduzierung der Pflichtstundenzahl, Schaffung von Karriereperspektiven.

Eine Umfrage unter den ALV-Mitgliedern hat nun den Befund bestätigt: Die Lehrpersonen sorgen sich nicht nur um ihre eigenen Lebensbedingungen in diesem Job, sie sorgen sich auch um die Schule als Ganzes, um die Unterrichtsqualität.

Gegen jährliche Schwankungen

Die Umfrageergebnisse überraschen allenfalls in ihrer Deutlichkeit:

• 81,7% der Lehrpersonen, die den Fragebogen retourniert haben, sehen die Qualität der Schule in Gefahr.

• Rund 40% spüren die Folgen des Lehrermangels in ihrer Arbeit.

• 44,1% vermissen Laufbahnmöglichkeiten im Lehrerberuf.

• 90,9% halten es für sehr wichtig oder wichtig, Klassenlehrpersonen um eine Lektion zu entlasten.

• Für 87,9% ist ein Anstellungsgrad ohne jährliche Schwankungen sehr wichtig oder wichtig.

• Für 80,5% ist eine Erhöhung des Anfangslohnes sehr wichtig oder wichtig, 87,9% wünschen sich eine gleichmässige Erhöhung der ganzen Lohnkurve.

• Schon fast sowjetisch: 95,6% der Lehrpersonen wünschen sich einen jährlichen Teuerungsausgleich.

Kanton muss «auf Signale achten»

Für Kathrin Nadler, stellvertretende Geschäftsführerin des ALV, ist klar: «Der Kanton muss seine Verlässlichkeit als Arbeitgeber erhöhen. Dass aargauische Lehrpersonen im Schnitt 25% Überzeit leisten, schreckt viele Interessenten ab. Und der Teuerungsausgleich wurde derart vernachlässigt, dass eine Lehrperson heute real weniger verdient als vor 20 Jahren. Der Kanton tut gut daran, auf Signale wie diese Umfrage zu achten.»

«Gewerkschaftliche Basisarbeit»

Und – achtet der Kanton darauf? Wir fragten Bildungsdirektor Alex Hürzeler. «Es ist zu akzeptieren, dass der ALV im Vorfeld der Revision des Lohndekrets gewerkschaftliche Basisarbeit betreibt, um Druck auf die politischen Entscheidungsträger auszuüben», kommentiert Regierungsrat Hürzeler die Umfrage. Dem ALV sei ja bekannt, dass alle angesprochenen Themenkreise – mit Ausnahme der Laufbahnmöglichkeiten – im Lohndekret behandelt würden, also nicht nur Lohnfragen, sondern auch Anzahl Lektionen, Anstellungsgrad etc. Dabei hätten sich allerdings «die vorgeschlagenen Massnahmen am finanziell Möglichen zu orientieren».

«Verschiedene Entwicklungsmöglcihkeiten»

Die Laufbahnmöglichkeiten sieht Hürzeler nicht so eingeschränkt wie der ALV: «Der Lehrerberuf bietet verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten, Richtung Schulleitung, Fachlehrkraft, Heim- oder Sonderschulung. Die Ausbildung ist durchlässig. Auch bietet der Lehrerberuf Teilzeitmodelle wie sonst kaum eine Branche.»

Ist Hürzeler überrascht, dass so viele Lehrpersonen um die Qualität der Schule fürchten? «Die Umfrageergebnisse zeigen vor allem, dass sich die Lehrpersonen stark mit ihrer Arbeit identifizieren.» Die Schule Aargau sei grundsätzlich eine gute Schule. Vom ALV erwartet Hürzeler, «dass es gelingt, gemeinsam konstruktive Lösungen zu finden».

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