Familien
«Du Schatz, was gibts denn heute zum Znacht?»

Nicht fehlende Krippenplätze sind das erste Problem berufstätiger Mütter – es ist der Haushalt, den sie allein machen,

Sibylle Stillhart
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Eine Freundin, kinderlos, Sektionschefin bei der Bundesverwaltung, gestand kürzlich, dass ihr Freund sie jeweils gegen Abend anrufe und sich erkundige, was sie am Abend zusammen essen könnten. Wenn sie vorschlage, man könne ja wieder einmal Sushi kaufen, willige er sofort ein. «Super Idee!», klinge es dann aus der Leitung, «dann bitte für mich vor allem Lachs und vergiss nicht, genügend Sojasauce zu kaufen!» Obwohl sie pendelt, erst gegen sieben Uhr abends am Hauptbahnhof in Bern ankommt und deshalb um einiges später zu Hause eintrifft, als ihr Lebenspartner, komme es ihm nicht im Traum in den Sinn, einmal dafür zu sorgen, dass etwas Essbares im Haus wäre, klagt sie. «Er macht das ja nicht extra», beeilt sie sich zu sagen. «Es ist einfach so, dass er dem nicht so viel Wert beimisst.»

«Dem» – damit ist stellvertretend Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen und Aufräumen gemeint. Oder einfach: Hausarbeit. Und die meisten Frauen, die mit einem Mann zusammenleben, können problemlos in den ewig gleich klingenden Kanon mit einstimmen: Ja, Frauen machen mehr im Haushalt. Und nein, Männern fällt es halt einfach nicht so auf, wenn beispielsweise Tomaten im Kühlschrank schimmeln, ihre verschmutzten Socken wochenlang auf dem Sofa liegen oder der bereitgestellte Abfallsack reisst und den Boden mit Milchpfützen und Sirupflecken übersät. «Mein Mann», berichtet eine Bekannte, «hat extra die Hausschuhe angezogen, damit er sich wegen des umgekippten Kehrichtsacks nicht die Socken dreckig macht.» Niemals wäre es ihm aber eingefallen, die Sauerei zu beheben.

Cornelia, Gymi-Lehrerin in Zürich und Mutter zweier kleiner Töchter, ist jedes Mal angespannt, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt. Mit ihrem Mann, ebenfalls einem Lehrer, teilt sie sich sowohl Erwerbs- als auch Hausarbeit. «Wie sieht es wohl heute in der Wohnung aus?», frage sie sich bang, während sie vom Schulhaus auf die S-Bahn eile. Denn: «Wenn mein Mann die Kinder betreut, sieht es praktisch immer aus, als ob zu Hause eine Bombe eingeschlagen hat.» Öffne sie die Haustüre und stehe dann im Wohnzimmer, blicke sie ihr Mann, auf dem Boden kniend, verdutzt an. «Schon so spät?», meint er, im Geiste auf der Suche nach dem fehlenden Puzzle-Teilchen. Das Baby schläft und die Dreijährige ist gerade daran, die Schublade im Elternschlafzimmer auszuräumen. «Mama!», begrüsst sie die Mutter dann stürmisch. «Guck!» In ihren schokoladenbefleckten Händen hält sie Cornelias Lieblingsbluse. Mama kann sich gerade noch aus ihrem Mantel schälen, dann beginnt auch schon das Baby zu schreien, derweil der Mann ganz erwartungsfroh fragt: «Du Schatz, was gibts denn heut zum Nachtessen?»

Eine andere Freundin, Juristin, mittlerweile Mutter von drei Kindern, berichtet, dass ihr Mann, ein Diplomat, kürzlich für seine Familie kochen musste, weil sie dringend ein paar E-Mails beantworten musste. Nach langer Evaluation entschied er sich für Tortellini. (Die im Beutel.) «Schaaaatz», rief es irgendwann aus der Küche. «Wo sagst du, haben wir die Teller versorgt?» Seine Frau rieb sich die Augen. «Die Teller?» (Nicht etwa «Garam Masala» oder der aus Indien importierte Chilli.) «Jaaaa, die Teller», flötete es aus der Küche. Es klang gut gelaunt, offenbar war es ihm gelungen, die Tortellini in das kochende Wasser zu schütten. «Auf einen Schlag wurde mir damals bewusst, dass sich mein Mann schleichend aus sämtlichen Haushaltsarbeiten zurückgezogen hat.»

In Zeiten, wo sowohl Frau als Mann arbeiten gehen, sich «gemeinsam» um den Nachwuchs kümmern, ist es plötzlich nicht mehr ganz so eindeutig, wer zu Hause was erledigt. Wenn sich schon beide Elternteile Erwerbs- und Familienarbeit teilen, wäre es eigentlich klar, dass die Hausarbeit entsprechend aufgeteilt würde. Doch die Realität sieht anders aus. Das zeigt eine repräsentative Umfrage, welche die deutsche Familienministerin Kristina Schröder im Herbst 2012 der Öffentlichkeit präsentierte. Auf die Frage, wer zu Hause die Arbeit erledige, antworteten 70 Prozent der Mütter, dass sie das weitgehend alleine übernähmen. Besonders frappierend: Selbst von den Vollzeit berufstätigen Müttern haben noch 51 Prozent gesagt, die Hausarbeit würden sie weitgehend allein erledigen.

In der Schweiz sieht es nicht anders aus: Frauen sind nach wie vor hauptsächlich zuständig für Haus- und Familienarbeiten und müssen ihre Erwerbssituation diesen Gegebenheiten anpassen, während sich der Beitrag der Männer an die Haus- und Familienarbeit nur geringfügig an die familiären Gegebenheiten anpasst, heisst es in einer Auswertung des Bundesamts für Statistik (BfS) aus dem Jahre 2003. Anders ausgedrückt: Frauen kümmern sich hauptsächlich um Haushalt und Kinder, während sie zusätzlich einer Teilzeit-Arbeit nachgehen. Männer arbeiten Vollzeit.

Wohlgemerkt: Wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Das Frauenstimmrecht ist 40 Jahre alt. Jede der oben zitierten Frauen ist mit dem Bewusstsein aufgewachsen, einen Beruf zu erlernen, zu studieren und ja, dann vielleicht einmal auch noch Kinder zu haben. Für sie alle war klar, dann einen Mann zu haben, der mit ihnen die Hausarbeit teilt und mindestens die Hälfte der Kinderbetreuung übernimmt.

Warum das heute noch immer nicht klappt, ist schwierig zu beantworten. «Das Leben zu zweit ist für die Frauen immer noch mit sozialen und kulturellen Kosten verbunden, und zwar ebenso bei der Aufteilung der Hausarbeit und der Kindererziehung wie bei der Entwicklung ihrer beruflichen Karriere und ihres Einkommens», schreibt die französische Philosophin Elisabeth Badinter in ihrem kürzlich erschienenen Buch «Der Konflikt – die Frau und die Mutter». «Denn mit der Ankunft eines Kindes erhöht sich vor allem die Anzahl der Stunden, welche die Frau mit dem Haushalt verbringt, während der Mann, sobald er Vater ist, mehr Zeit in seinen Beruf investiert.»

«Unsere Männer sind eben anders sozialisiert worden», meint Gymi-Lehrerin Cornelia. «Allerdings weigerte ich mich als Teenager auch, in der Schule kochen zu lernen, obwohl das zum Pflichtprogramm der Mädchen gehörte.» Und trotzdem sei sie es heute, die sich trotz 70-Prozent-Stelle vorwiegend um Haushalt und Küche kümmere. Eine logische Erklärung dafür hat sie nicht. «Ich bin ratlos.»

Klar: Männer haben aufgeholt. Es gehört heute bei vielen Jungvätern zum guten Ton, dass sie einen Tag zu Hause bleiben, das Baby in den Schlaf wiegen und im Tragetuch spazieren führen. 69 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen sind überzeugt, dass sich Väter heute deutlich mehr an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen. Aber damit hat es sich auch bereits. Dass abends kein Nachtessen auf dem Tisch steht, wenn die Frau von der Arbeit kommt, realisieren besagte Männer nicht. Auch nicht, dass im Kühlschrank gähnende Leere herrscht, die Wohnung nicht aufgeräumt ist und die Kinder, trotz vorgerückter Stunde, noch nicht im Pyjama stecken. Tatsächlich denken Männer aber, dass sie, wenn sie sich tagsüber um die Kinder gekümmert haben, ihren Teil zur gleichberechtigten Arbeitsaufteilung geleistet hätten.

Fies daran ist, dass viele Männer nicht so arglos sind, wie sie tun. Die oben beschriebenen Männer sind keine Waschlappen, die sonst nichts auf die Reihe kriegen. Sie sind aufgeklärte Zeitgenossen, die sowohl politisch interessiert sind als auch wissen, welcher Autor sich auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis befindet. Sie stehen in ihrem Beruf ihren Mann, geben alles, um vorwärtszukommen. Umso erstaunlicher ist es, dass, sobald sie die Haustüre aufschliessen, für sie ganz andere Gesetze gelten. Zusammen mit dem Mantel hängen sie ihren Ehrgeiz an der Garderobe auf. Daheim ist es ihnen egal, nicht mehr den Rudelführer spielen zu müssen. Sie sind Meister darin, sich taub zu stellen, wenn der Piepston das Ende des Waschgangs der Spülmaschine ankündigt; oder sie klettern blind über den Waschberg, der dringend in die Waschküche gebracht werden müsste. Erstaunlicherweise verspüren sie auch erst dann Hunger, wenn das Essen bereits auf dem Tisch steht.

Spricht man Männer auf ihre Mitarbeit im Haushalt an, reagieren sie meistens gelangweilt, beim Nachhaken defensiv und, wenn man nicht locker lässt, aggressiv. «Ich helfe viel», meinte beispielsweise ein Nachbar. Nachträglich klärte mich seine Frau auf: «Viel» bedeute für ihren Mann, wenn er etwa die Herdplatte ausschalte oder das Licht lösche, bevor er sich schlafen lege. Ein befreundeter Architekt meinte, man müsse den Männern halt etwas mehr Zeit geben. Die Emanzipation habe so viele Dinge auf den Kopf gestellt, da sei es doch kein Wunder, dass das starke Geschlecht Mühe mit dem Tempo habe. Vielleicht sei ein Mann deshalb nicht so fix wie eine Frau (die ja mit dem Staubwedel auf die Welt kommt).

Felix,Kommunikationsberater, wird beim Thema Haushalt generell wütend. Er, der einmal die Woche auf seine Tochter aufpasst, erledige an seinem Vatertag den Wocheneinkauf, putze die Wohnung und koche so viel, dass seine Frau das Essen an den restlichen Tagen nur noch in die Mikrowelle stellen müsse. Er wisse nicht, weshalb sich die Frauen dauernd beklagen, wohl weil man es ihnen einfach nie recht machen könne. «Oder sie haben halt die falschen Männer geheiratet.» Dass er allerdings unter der Woche in einer anderen Stadt lebt und nur gerade mittwochs und an den Wochenenden bei seiner Familie ist, erwähnt er nur widerwillig.

Sind wir ehrlich: Müssten sich Männer ausschliesslich um Haushalt und Kind kümmern, wären Hausarbeiten längst professionalisiert und industrialisiert worden. Mittags kochen? Mann holt das gekochte Essen für seine Familie aus der nahe gelegenen Bio-Quartierküche, die kindergerechtes und leckeres Essen zum Mitnehmen anbietet. Waschen? Dafür gäbe es einen Lieferservice: Abends Wäschekorb rausstellen, damit in zwei Tagen die gebügelte Wäsche vor der Türe liegen kann. Einkaufen? Gut, dafür gibt es mittlerweile die Online-Dienste verschiedener Detailhändler. Putzen? Jede Familie hat nicht nur Anspruch auf Krippenplätze, sondern auch auf eine (subventionierte) Putzfrau. (Damit werden die zahlreich schwarzarbeitenden Raumpfleger legalisiert und kommen erst noch in den Genuss attraktiverer Arbeitsbedingungen.)

Was den Familienartikel betrifft, über den wir morgen abstimmen: Es ist selbstverständlich, dass erwerbstätige Väter und Mütter auf eine Infrastruktur zurückgreifen können, die sowohl qualifizierte Krippenplätze als auch Tagesschulen garantiert. Noch erleichternder für die arbeitstätige Frau wäre ein Mann, der zu Hause mit anpackt.

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