Flims

Dritte Station – Flims Laax Falera: Allein gelassen im Luxus

flims (6)

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Den Ort hatten wir am Anfang gar nicht auf dem Plan. Der Wirt des «Alpina» in Leukerbad aber kannte hier einen zweiten Walliser, einen «ganz speziellen Typ». Er hatte recht.

Nicht erstaunlich, aber rätselhaft bleibt es doch: Warum sind Orte, gebaut aus edelstem Material, am Ende doch steril? Warum ist dieser Jahresdurchhänger, genannt Zwischensaison, erst hier ein schwer erträglicher Zustand, eine Willensübung für den versprengten Promeneur, nirgendwo tröstlich, bedrückend fürs Gemüt? Hätten wir hier nicht Ueli Grand getroffen (60), wir wüssten nicht, ob sich davon zu erzählen lohnt.

Grand ist eine sofort ins Auge springende Figur. Nicht wegen seines entfernt an Rasputin erinnernden Barts und Blicks. Sondern wegen seiner sofort als unverwechselbar erkennbaren Art. «Knorrig» nennt man solche Typen fälschlicherweise oft. Mit «Knorrigkeit» allein hätte dieser Mann nie solchen Erfolg gehabt (und dabei auch nie eine exquisit feine Zunge bewahrt für Rauchfleisch, Käse und Wein). «Die meisten Würste», sagt er, «sind nichts als Gewürz.»

Ueli Grand will nicht mehr anbieten, das aber gut. Besser als selbst der verwöhnte Gaumen glaubt. Bergrestaurants und Hütten (Startgels, Naraus, Segnes) gehören zu seinem Unternehmen, seit drei Jahren auch die Ustria da Vin «Grandis» in Laax, mitten in den «Rocks», einem Ensemble aus Valserstein und Edelholz. Aussen, ohne Betrieb, hallt Flughafenmusik über die nur vom Wind bewegte Plaza. Innen erklingt Softjazz. Erlesene Weine in Vitrinen umhüllt eine altargleiche Aura. Am Feuer lernen Angestellte, wie man bei Raclette und Rauchfleisch alles richtig macht. Man erwartet einen Business-Mann, es erscheint ein Bergler. Zeit hat Ueli Grand, aber augenscheinlich nur mässig Lust zum Gespräch. Das trügt vielleicht; man muss jedenfalls gut auf seine Ironie hören.

31 Jahre ist der Walliser schon in Flims. Er sagt: «Ich machte überall Gastronomie. Da lernst du freilich nie etwas, wenn du nichts davon behalten kannst. Ich baute alles von unten auf: 17 Stunden am Tag, keinen freien Tag während der Saison. Schreiben Sie das, das lesen die Leute gern. Nein, die Zwischensaison mag ich nicht. Man braucht seine Ruhe. Ich aber habe den Rummel gern. Sich erholen kann so grausam langweilig sein. Nach vier Monaten Hochsaison oben denke ich manchmal, ich hätte unten etwas verpasst. Komm ich runter, ist alles genau gleich. Ohne die Vinothek hier käme ich wohl nie mehr runter. Ich tanke lieber Kraft mit Gästen. Manchmal mache ich Ferien im Appenzell. Die Leute dort gefallen mir, sie sind ehrgeizig und arbeitsam. Nun – ich weiss nicht, was richtig ist, Ruhe ober Betrieb.»

Der Hotelier am Joggen

Ueli Grand führte vorher das Hotel «Chesa». Ein junger Flimser übernahm es, auch er mit einem offenen Feuer im Restaurant, für jene Atmosphäre, die der Gast nur als angenehm empfinden kann. Als wir vor der Türe stehen, ist er im Begriff, joggen zu gehen. Nur drei seiner einstigen Klassenkollegen, sagt er, seien noch in Flims, alle anderen abgewandert. Ausser der Gastronomie gäbe es kaum Möglichkeiten.

Flims (2800 einheimische Einwohner) bläht sich um Weihnachten auf das Fünffache auf. Beinahe wütend wird an allen Ecken und Enden weiter gebaut. Sieht das am Ende noch einladend aus? So, wie es wenig einladend bereits heute von diversen Aussichtspunkten aus wirkt? Zur Entwicklung äussert sich niemand. Da und dort deuten Flimser eine geheime Furcht an – wie vor einem Schicksal, eine Art Bergsturz. (mad.)

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