Doris Fiala hat eine schwere Woche hinter sich. Die Delegierten der Stadtzürcher FDP haben der bekannten Nationalrätin die Nomination zur Stadtratskandidatin am Dienstagabend zum zweiten Mal verweigert. Doch Fiala wäre nicht Fiala, wenn sie sich davon zermürben liesse. Beim Interview am Donnerstagmorgen im Bundeshaus zeigt sich die 60-jährige Präsidentin der FDP Frauen kampfeslustig. Im Hinblick auf kommende Bundesratswahlen fordert sie von ihrer Partei verbindliche Zusagen. Fiala hat ein Ziel: Es soll möglichst bald wieder eine freisinnige Frau in der Landesregierung sitzen.

Frau Fiala, Sie sind Präsidentin der FDP Frauen. Sind Sie auch eine Feministin?

Doris Fiala: Ich versuche das Wort Feministin zu vermeiden. Der Begriff ist bei bürgerlichen Wählern negativ belastet. Ich bezeichne mich als liberale Kämpferin für die Frauen.

Weshalb nicht Feministin?

Viele Leute klinken sich aus, wenn von Feministinnen die Rede ist. Dabei haben wir ihnen viel zu verdanken: Hätte es in den Siebzigerjahren keine Feministinnen gegeben, müssten wir vielleicht heute noch um das Frauenstimmrecht kämpfen.

Das Parlament bestimmt in drei Monaten die Nachfolge von Didier Burkhalter. Der FDP-interne Favorit ist ein Mann, obwohl die Frauen im Bundesrat derzeit mit zwei von sieben Sitzen klar untervertreten sind. Stört Sie das?

Die FDP hat tatsächlich Handlungsbedarf. Die Frage stellt sich, warum wir in den 28 Jahren seit Elisabeth Kopps Rücktritt keine Frau mehr in die Landesregierung geschickt haben, warum die Zahl unserer Frauen im Nationalrat zurückgeht und warum wir nur eine Ständerätin haben. Wenn unsere Partei Frauen als Wählerinnen dazugewinnen will, braucht sie mehr weibliche Vorbilder!

Mit der Nomination von Ignazio Cassis zum Bundesratskandidaten würde die FDP die regionalen Interessen des Kantons Tessins jedoch über die Interessen der Frauen stellen.

Ich würde die beiden Ziele nicht gegeneinander ausspielen. Ich finde Ignazio Cassis eine hervorragende Persönlichkeit und einen super Fraktionschef! Das Tessin ist seit bald zwei Jahrzehnten nicht mehr im Bundesrat vertreten. Die Kohäsion in diesem Land hängt auch von der Einbindung der Sprachminderheiten ab.

Und wenn Sie sich festlegen müssten?

Ich lasse mich nicht auseinanderdividieren. Wenn ich wünschen könnte, würde ich eine Tessiner Frau zur Nachfolgerin von Didier Burkhalter machen.

Eine Tessiner Kandidatin, die echte Chancen hat, gibt es vermutlich nicht. Die ehemalige Regierungsrätin Laura Sadis ist schon mehrere Jahre weg von der politischen Bildfläche. Also verzichten Sie zugunsten von Ignazio Cassis auf eine FDP-Bundesrätin.

Sadis ist eine herausragende Politikerin. Doch die FDP Frauen gehen strategisch vor. Ich kann mir vorstellen, unsere Interessen dieses Mal zurückzustellen. Bei der nächsten Vakanz werden wir aber ohne Wenn und Aber einen Sitz im Bundesrat einfordern ...

… also sobald Johann Schneider-Ammann zurücktritt?

Genau. Mein Ziel ist es, dass die FDP bei der Nachfolge von Johann Schneider-Ammann zwei Frauen zur Wahl stellt. Damit auf jeden Fall eine Bundesrätin gewählt wird.

Was sind die Anforderungen an Didier Burkhalters Nachfolger?

Was sind die Anforderungen an Didier Burkhalters Nachfolger?

Bern - 15.06.17 - Welche Anforderungen müssen die Kandidaten für die Nachfolge von Bundesrat Didier Burkhalter erfüllen? Und gilt der Tessiner FDP-Nationalrat Ignazio Cassis bereits als Favorit? Auf diese Fragen antworten die Nationalrätinnen und Nationalräte Doris Fiala (FDP/ZH), Roberta Pantani (Lega/TI), Eric Nussbaumer (SP/BL), Valérie Piller Carrard (SP/FR) und Albert Rösti (SVP/BE). Cassis wollte sich heute nicht äussern.

Eine ziemlich deutliche Forderung.

Sonst wird es immer wieder einen Grund geben, warum gerade jetzt keine Frau zum Zug kommen soll. Wir haben sehr gute Politikerinnen in unserer Partei, die dem Amt einer Bundesrätin gewachsen sind. Denken Sie an die junge Westschweizer Nationalrätin Isabelle Moret, an die Waadtländer Regierungsrätin Jacqueline de Quattro oder die Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh. Es darf keine Ausreden mehr geben. Wir wollen ein klares Bekenntnis von unserer FDP.

Auf ihrer Kandidatinnen-Liste fehlen die Inner- und die Ostschweiz.

Da muss ich nicht lange überlegen: Unsere Parteipräsidentin Petra Gössi aus dem Kanton Schwyz, aber auch die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter wären beide ausgezeichnete Kandidatinnen.

Wie wollen Sie erreichen, dass dann tatsächlich eine dieser Frauen gewählt wird?

Wir müssen bessere Seilschaften bilden. Die Männer haben nur schon zahlenmässig einen Vorsprung. Parlamentarier wählen vorzugsweise Kandidaten, die sie bereits in ihrem eigenen Umfeld aus der Nähe erlebt haben. Karin Keller-Sutter beispielsweise hatte bei den Bundesratswahlen 2010 einen Nachteil, weil sie als damalige St. Galler Regierungsrätin im Bundeshaus zu wenig gut vernetzt war.

Müsste sich die FDP nicht erst einmal mit ihrer ersten Bundesrätin, Elisabeth Kopp, versöhnen?

Frau Kopp hat mit der FDP längst Frieden geschlossen. Wenn die FDP bald wieder eine Frau in den Bundesrat wählen würde, wäre die Versöhnung perfekt.

Sie haben diese Woche selber eine schmerzhafte Niederlage erlebt: Die FDP Zürich nominierte statt Ihnen einen Mann als offiziellen Kandidaten für die Stadtexekutive.

Es waren sechs Stimmen, die den Ausschlag gegeben haben. Ich würde es mir zu einfach machen, wenn ich meine Niederlage mit dem Frauenargument rechtfertigen wollte. Ich sass zwar sieben Jahre im Gemeinderat, war Präsidentin der Stadtzürcher FDP, bin aber seit 2007 als Nationalrätin in Bern und damit sehr weit weg von den Köpfen und Herzen der Partei. Da haben andere Mechanismen gespielt. Vielleicht bin ich einigen zu forsch und zu direkt.

Der Faktor Frau spielte keine Rolle?

Ich glaube eher nicht. In der Vergangenheit hat es aber durchaus Fälle gegeben, wo dies der Fall war: Als die ehemalige Ständerätin Christine Beerli 2003 für den Bundesrat kandidierte und gegen Hans-Rudolf Merz unterlag, war der Faktor Frau für sie bestimmt kein Bonus. Auch für Frau Keller-Sutter war es kein Vorteil, eine Frau zu sein, als sie 2010 gegen Johann Schneider-Ammann das Nachsehen hatte.

Der Frauenanteil in den Schweizer Legislativen und Exekutiven ist teilweise wieder am Sinken. Wie erklären Sie sich das?

Wenn Frauen bei Nominationen und Wahlen regelmässig unter die Räder kommen, ist das kein gutes Signal an den Nachwuchs. Karrieresprünge müssen möglich sein. Es ist aber so, dass man Frauen in der Tendenz schwerer für eine Nationalratskandidatur begeistern kann als Männer. Eine Frau muss sich immer die Frage stellen: Habe ich neben meiner Karriere und den Kindern überhaupt noch die Kraft, in der Politik eine Ochsentour von der Schulpflege bis ins Bundeshaus zu machen? Viele setzen dann verständlicherweise auf den Beruf.

Wie lautet Ihr Gegenrezept?

Die Frau ist naturgegeben im Nachteil. Wir sind es, die schwanger werden. Deshalb sollten Männer bereit sein, sich in der Partnerschaft mehr einzusetzen, damit ihre Frauen im Beruf und in der Politik Karriere machen können. Die Digitalisierung und Homeoffice bieten hier für beide Geschlechter grosse Chancen.

Braucht es nicht einfach mehr Kinderkrippen?

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss vorangetrieben werden, ja. Doch es wäre ein Fehler, wenn wir uns nur auf subventionierte Krippenplätze fokussieren. Das ist die linke Sichtweise auf das Problem. Wir haben in der Schweiz in den letzten Jahren 55 000 solche Betreuungsplätze geschaffen – mehr Frauen haben wir deswegen nicht im Parlament.

Wie lautet die liberale Alternative zu Krippenplätzen?

Leistung muss sich wieder lohnen. Wenn in einer Familie beide, Mann und Frau, arbeiten, darf es nicht sein, dass die Steuerprogression den Lohnzuwachs wegfrisst. Ein erster Schritt Richtung mehr Vereinbarkeit wäre die Einführung der Individualbesteuerung, also dass beide Ehepartner separat besteuert werden. Subventionierte Krippenplätze allein genügen nicht, es braucht eine echte Wahlfreiheit.

Sie haben zwei erwachsene Töchter. Haben sie es besser oder schlechter als Sie in jungen Jahren?

Ich sage ihnen immer: Solltet ihr mal Kinder bekommen, hört nicht ganz auf zu arbeiten. Heute kann es sich eine gut ausgebildete Frau meist nicht mehr leisten, einfach sechs Jahre ausschliesslich bei den Kindern zu bleiben, so wie ich das gemacht habe.

Ist da auch Reue?

Überhaupt nicht. Ich habe mich in einer anderen Zeit für diesen Weg entschieden. Ich war eine leidenschaftliche Mutter. Ich glaube, heute hätte ich es schwerer. Ich finde es ungerecht, wenn die Frauen meiner Generation – ich bin jetzt 60 – auf die jetzige Generation schliessen. Es hat sich sehr viel verändert. Wir müssen für die jungen Frauen kämpfen.

Stehen auch die Unternehmen in der Verantwortung?

Eine Firma, die heute ein attraktiver Arbeitgeber sein will, kann sich der Frauenförderung nicht verschliessen. Wer den Zeitgeist verkennt, den bestraft das Leben. Als eine meiner ersten Amtshandlungen als Präsidentin der FDP Frauen habe ich eine breite Umfrage bei Schweizer Firmen lanciert. Wir haben gefragt, wie die betriebsinterne Frauenförderung aussieht, welche Karrieremöglichkeiten bei Teilzeitmodellen existieren und ob auch Homeoffice möglich ist.

Was sind die Resultate?

Wir haben noch nicht alle Antworten erhalten. Aber: Börsenkotierte Firmen machen bereits sehr viel in diesem Bereich.

Das sind doch Lippenbekenntnisse.

Ich habe mit mehreren grossen Konzernen gesprochen, die das Ziel der Mitarbeiterdiversität direkt bei der Personalabteilung angesiedelt haben. Es ist wahnsinnig viel im Fluss. In der Politik hinken wir der Wirtschaft wahrscheinlich hinterher.

Eine handfestere Methode für mehr Frauen in Führungspositionen wären Quoten.

Ich bin Nationalrätin und Mitglied in zwei Verwaltungsräten. Ich musste nicht darum bitten, als Frau aufgenommen zu werden, und wäre ungern eine Quotenfrau. Darum bin ich gegen Quoten.

Noch im Jahr 2012 forderten die FDP Frauen eine Frauenquote.

Ich kann nicht für meine Vorgängerinnen sprechen. Die Realität zeigt, dass die FDP Frauen mit dieser Forderung nicht weitergekommen sind. Die Lösung von Justizministerin Simonetta Sommaruga finde ich demgegenüber harmloser: Wenn Unternehmen in regelmässigen Abständen Rechenschaft zur Situation der Frauen in ihrem Betrieb ablegen müssen, ist das motivierend.

Das klingt nach einer versteckten Quote.

Wenn eine Firma Rechenschaft ablegen muss, wie viele Frauen sie beschäftigt und warum es allenfalls zu wenige sind, ist das keine Quote.

Aber es ist mehr bürokratischer Aufwand – daran haben liberale Politiker normalweise keine Freude.

Das kann sein. Bei börsenkotierten und grossen Unternehmen – nur sie wären von der Regelung betroffen – ist die Frauenförderung sowieso ein Thema mit grossem Stellenwert. Diese Firmen können es sich nicht erlauben, so zu tun, als wäre Diversität kein Thema. Der Zusatzaufwand hält sich in Grenzen.

Ihre Vorgängerinnen in der Führung der FDP Frauen galten als links-liberal. Wird die Gruppierung nun nach rechts rutschen?

Ich empfand meine Vorgängerinnen als progressiv, nicht links. Als Präsidentin werde ich mich sicher dagegen wehren, dass alles vom Staat verordnet wird. Quoten und Gesetze sind nicht der einzige Weg, um Frauen mehr Karrieremöglichkeiten zu verschaffen. Es gibt sehr erfolgversprechende liberale Alternativen.

Die Themenführerschaft liegt bei der Frauenförderung jedoch bei den linken Parteien. Zum Beispiel bei Juso-Präsidentin Tamara Funiciello – sie erzielt mit ihren Aktionen regelmässig eine grosse öffentliche Resonanz. Von den FDP Frauen hört man hingegen fast nichts.

Schauen Sie, wenn die linken jungen Frauen das Gefühl haben, das Verbrennen von Büstenhaltern sei im Jahr 2017 ein adäquates Vorgehen, dann tut es mir leid. Wenn sie nicht so jung wäre, würde ich sagen, Frau Funiciello sei in den 70er-Jahren stecken geblieben.