Riskantes Vergnügen
Doppelt so viele Schlittelunfälle wie vor zehn Jahren

In der letzten Woche sind in den Schweizer Bergen gleich zwei Menschen beim Schlitteln ums Leben gekommen. Der traurige Trend zeigt: Die Zahl der Schlittelunfälle in der Schweiz steigt von Jahr zu Jahr.

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Keystone

Ein achtjähriger Bub aus Gryon VD prallte am Silvestertag mit seinem Bob in einen Heuschober, eine 21-jährige Schülerin aus Schafisheim AG stürzte drei Tage zuvor in Grindelwald mit dem Schlitten 20 Meter einen Abhang hinunter - beide sind gestorben.

So tragisch die Unfälle endeten - sie zeigen, dass Schlitteln immer häufiger unterschätzt wird. Dies unterstreicht auch ein Blick auf die Unfallzahlen der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). Waren es im Jahr 2000 noch rund 6000 Schlittelunfälle, kam es 2008 bereits zu rund 12 000 Unfällen. Mehr als die Hälfte davon betrifft Kinder.

Unkompliziert und günstig

Welcher Schlitten ist der richtige?

Der «Davoser» ist ein Klassiker unter den Holzschlitten und immer noch sehr beliebt. Der Nachteil bei Schlitten mit abgerundeten Kufen ist die fehlende Bodenhaftung. Wenn es eisig oder der Schnee hartgepresst ist, drehen sich Schlitten mit runden Kufen rasch und können deshalb nur schwer durch Kurven gesteuert werden.

Der Plastikbob ist geeignet für weichen und nassen Schnee und flache Hänge. Doch auf fester und eisiger Unterlage ist er sehr gefährlich. Der Bob wird dann sehr schnell und kaum steuer- oder bremsbar, weil die Bremskrallen aus Plastik absolut ungenügend sind. Wenn, dann sollten die Krallen aus Metall sein. Die schwersten Unfälle ereignen sich, wenn Kinder entweder mit dem Bob gegen einen festen Gegenstand prallen oder aus dem Bob in ein Hindernis geschleudert werden.

Immer mehr in Mode kommt der Rodel. Er besitzt schräg auf der Unterlage aufliegende Kufen. Damit lassen sich exaktere Kurven ziehen und Könner carven sogar über die Schlittelbahn. Auch bei eisigem Untergrund hält ein guter Rodel die Spur. Der Nachteil beim Rodel: Er ist schneller und verleitet einige Schlittler zum Rasen. (jep)

Zudem seien in den letzten Jahren Schlittelbahnen wie Pilze aus dem Boden geschossen. «Und auch immer mehr Berghotels und Restaurants bieten einen fahrbaren Untersatz an, damit die Gäste ins Tal brettern können.»

Das Problem dabei: Viele unterschätzen die Geschwindigkeit und/oder überschätzen ihr Fahrkönnen. «Die meisten halten Schlitteln für ein Freizeitvergnügen und vergessen, dass es sich um einen Wintersport handelt für den man gut ausgerüstet sein muss», so Moning.

Gleich gefährlich wie Ski und Snowboard

Wie eine Studie der Unfallchirurgie des Kantonsspitals Chur aus dem Jahr 2009 zeigt, ist Schlitteln gleich gefährlich wie Skifahren oder Snowboarden. Laut den Daten, die das Spital in zwei Wintern zusammengetragen und auswertet hat, sind die Verletzungen, die sich Schlitterinnen und Schlittler zuziehen oft gravierend. Es kommt zu Schädel- und Hirnverletzungen, Rückenverletzungen bis hin zu Wirbelbrüchen sowie Brüchen der Vorderarme, der Sprunggelenke und der Beine.

«Todesfälle hat es bis jetzt zum Glück eher selten gegeben», sagt Moning vom bfu. Durchschnittlich komme es jedes zweite Jahr zu einem tödlichen Schlittelunfall. In diesem Winter liegt die Quote also schon über dem Schnitt.

Doch wie kann man Schlittelunfälle verhindern? Laut Moning ist die Ausrüstung besonders wichtig. «Hohe Schuhe mit dicken Sohlen sind für das Bremsen unabdingbar.» Auch bei der Schlittenwahl gibt es laut dem Experten einige Punkte zu berücksichtigen (siehe Box). Und gerade für Kinder bis 16 sei ein Helm ein Muss. «Ein Helm verhindert zwar den Unfall nicht, aber die Verletzungen sind weniger gravierend.» Im Vergleich zu den Skifahrern und Snowboardern, bei denen die Helmtragequote heute bei 76 Prozent liegt, Tragen bei den Schlittlern nur rund 10% einen Kopfschutz (bfu 2008).(jep)