Löhne
Doch keine Diskriminierung: Die Pirouette der Arbeitgeber

Der Arbeitgeberverband zweifelt an der Statistik zur Lohndiskriminierung der Frauen, um staatliche Eingriffe zu verhindern. 2009 tönte es noch ganz anders.

Doris Kleck
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Der ehemalige Arbeitgeberdirektor Thomas Daum (vorne) akzeptierte die Studien zur Lohnungleichheit – unter seinem Nachfolger Roland A. Müller zweifelt der Verband die Ergebnisse an.

Der ehemalige Arbeitgeberdirektor Thomas Daum (vorne) akzeptierte die Studien zur Lohnungleichheit – unter seinem Nachfolger Roland A. Müller zweifelt der Verband die Ergebnisse an.

Keystone

Der Aufschrei der Wirtschaftsverbände war laut, als Bundesrätin Simonetta Sommaruga Massnahmen zur Umsetzung der Lohngleichheit zwischen Mann und Frau bekannt gab.

Die Landesregierung will Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern verpflichten, alle drei Jahre eine Lohnanalyse durchzuführen und diese extern überprüfen zu lassen. Im Geschäftsbericht muss publik gemacht werden, ob es eine Lohndiskriminierung gibt – und, falls ja, welche Massnahmen dagegen ergriffen werden.

Von «unnötigen Zwangsmassnahmen gegen Lohndiskriminierung» sprach der Schweizerische Arbeitgeberverband.

Dabei zog der Verband auch das Ausmass der Lohndiskriminierung in Zweifel: «Zuerst muss Klarheit herrschen, ob nicht ein grösserer Teil der Lohnungleichheit mit objektiven Faktoren erklärt werden kann», sagte Geschäftsleitungsmitglied Daniella Lützelschwab vor einer Woche gegenüber der «Nordwestschweiz».

Gemäss dem Bundesamt für Statistik verdienten Frauen 2012 in der Schweiz 19 Prozent weniger als Männer. Die Hälfte des Lohnunterschiedes lässt sich objektiv begründen aufgrund des Alters oder der Hierarchiestufe. Der Rest ist nicht durch objektive Faktoren erklärbar – es wird deshalb vermutet, dass eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes vorliegt.

In der Privatwirtschaft wird die Diskriminierung mit 8,7 Prozent beziffert, was im Durchschnitt 677 Franken pro Monat entspricht.

Basis des Lohngleichheitsdialogs

Die Kritik des Arbeitgeberverbandes an den statistischen Grundlagen erstaunt die Gewerkschaften. Christina Werder, Zentralsekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), hält fest, dass der Arbeitgeberverband die Zahlen des Bundesamtes für Statistik in der Vergangenheit nie angezweifelt, sondern immer mitgetragen habe: «Die Diskussion über die Zahlen ist nicht nachvollziehbar», sagt Werder.

Tatsächlich bildete das vom Bundesamt für Statistik festgestellte Ausmass der Lohndiskriminierung die Grundlage für den Lohngleichheitsdialog der Sozialpartner. Dieser hatte zum Ziel, dass Unternehmen auf freiwilliger Basis ihre Löhne überprüften und sich verpflichteten, Ungleichheiten zu beseitigen.

Bei der Lancierung des Lohngleichheitsdialoges 2009 sagte der damalige Arbeitgeberdirektor Thomas Daum: «Klammert man die objektiv begründeten Differenzen aus, so verbleibt nach den Analysen der Statistiker noch ein Lohnunterschied zwischen Mann und Frau von 7 bis 8 Prozent, der mit dem heute vorgestellten Projekt angegangen werden soll.»

Wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam «mittels anerkannter statistischer Methoden» diskriminierende Lohnunterschiede identifizieren, sei das eine gute Voraussetzung, um Gegenmassnahmen zu ergreifen. Der Bundesrat hat den Lohngleichheitsdialog mittlerweile für gescheitert erklärt, weil in fünf Jahren nur 51 Unternehmen daran teilgenommen haben.

Nicht auf dem neuesten Stand?

Von einer Pirouette will der Arbeitgeberverband nichts wissen. Daniella Lützelschwab weist die Kritik zurück: «Es gibt heute begründete Zweifel daran, ob die bisherige Methodik zur Analyse der Lohndiskriminierung auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis beruht oder ob nicht zusätzliche Indikatoren für Lohnunterschiede berücksichtigt werden müssten.»

Dazu gehören für Lützelschwab beispielsweise Berufs- und Führungserfahrung, Weiterbildungen oder Sprachkenntnisse. Sie verweist darauf, dass der Bundesrat das Bedürfnis erkannt habe, dass bei der Methodik Transparenz geschaffen werden muss. Tatsächlich empfiehlt der Bundesrat ein Postulat von Nationalrat Ruedi Noser (FDP/ZH) zur Annahme, das einen entsprechen Bericht verlangt – um einen «Konsens über die angewandte Methode sicherzustellen».

Der Bundesrat hält in der Antwort auf das Postulat allerdings auch fest, dass die Methode international anerkannt und auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft sei. Gedeckt wird diese Aussage durch eine neue Nationalfondsstudie, die zum Schluss kommt, dass Frauen bereits beim Berufseinstieg weniger verdienen als Männer: Für sieben Prozent des Unterschiedes fanden die Forscher keine objektiven Gründe – er müsse wohl mit Diskriminierung erklärt werden.

Gewerkschaftssekretärin Werder wertet den Statistikstreit deshalb als Verzögerungstaktik, um die angekündigten Massnahmen des Bundesrates zu verhindern.

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