Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Sie hatte eine Bilderbuchkarriere hingelegt: Sich als Betriebsökonomin eine Führungsposition im Bereich Versicherungs- und Bankdienstleistungen erarbeitet. Eine Abteilung geführt und nebenbei noch ein Nachdiplom-Studium im Eiltempo absolviert. Doch dann wurde die junge Ostschweizerin schwanger und musste zweieinhalb Monate liegend und teilweise im Spital verbringen. «Sobald ich nicht die gewohnten 150 Prozent liefern konnte, häuften sich die ­unangenehmen Situationen», erzählt die 36-jährige Mutter. Um nicht zwischen Kind und den Mitarbeitern entscheiden zu müssen, gab sie nach dem Mutterschaftsurlaub ihre Führungsposition ab. Sie bekam eine andere Funktion, war ­zuletzt strategische Mitarbeiterin in der Geschäftsleitung. Mit einem Arbeitspensum von achtzig Prozent.

Einmischung und kritische Bemerkungen

Doch die zugesicherte Flexibilität blieb aus. Stattdessen gab es immer wieder Diskussionen. Kam sie morgens ­später, weil sich ihr Kind nicht wie ein Gegenstand in der Tagesstätte abgeben liess, erntete sie kritische Bemerkungen. Auch Einmischungen waren keine Seltenheit: Sie bekam Ratschläge, wie das Kind möglichst schnell abzustillen sei. Und den Tipp, strenger mit ihrem Baby zu sein. Als eines Tages Kind und Mutter krank waren, kam es zum Eklat. Sie sagte, dass sie nicht mehr könne und ihr Pensum weiter reduzieren möchte. ­Diesen Wunsch wies der Arbeitgeber ­zurück. Und überreichte ihr die Kündigung – nach acht Jahren im Unternehmen. Weil ihre Branche klein ist und sie berufliche Nachteile befürchtet, möchte sie nicht fotografiert werden oder ihren Namen in der Zeitung lesen. Sie ist kein Einzelfall.

Fachkräftemangel führt zu familienfreundlicheren Strukturen

Zahlen einer im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen durchgeführten Studie vom Juli 2017 bestätigen, dass die Mutterschaft Frauen im Arbeitsleben benachteiligt: Mehr als jede zehnte Frau erhielt nach ihrem Mutterschaftsurlaub die Kündigung. Im schlimmsten Falle betreffe eine direkte oder eine provozierte Kündigung sogar jede fünfte Frau, so die Einschätzung dieser Studie. Bald 50 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts, 35 Jahre, nachdem die erste Frau Bundesrätin wurde, 23 Jahre nach Inkrafttreten des allgemeinen Gleichstellungsgesetzes an der Arbeitsstelle und 13 Jahre nach der Einführung der Mutterschaftsversicherung kehren immer mehr junge Mütter nicht mehr zur Arbeit zurück– unfreiwillig. Wie ist das möglich?

Das traditionelle Rollenmuster ist in den Köpfen verankert

«Jahrzehntelang haben Frauen Männern den Rücken frei gehalten. Und so die Karrieren der Männer ermöglicht», sagt Gudrun Sander, Titularprofessorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Sie verantwortet die Management-Weiterbildung für Wiedereinsteigerinnen an der Universität St. Gallen. Das traditionelle Rollenmodell sei heute immer noch in den Köpfen. Teilweise bestehen immer noch stereotype Rollenbilder wie etwa «Mütter sind unzuverlässig. Ist das Kind krank, lassen sie alles liegen und stehen.» Die Kinderbetreuung werde häufig als alleinige Aufgabe der Frau angesehen.

Kaum qualifizierte Jobs in kleinen Pensen

Oft ist das Pensum das Problem. Es gibt wenig Möglichkeiten, mit einem kleinen Pensum qualifizierte Tätigkeiten auszuüben. «Eine Frau muss bereit sein, mindestens 60 Prozent zu arbeiten», so Regula Schmid, Präsidentin der Schlichtungsstelle für Klagen nach dem Gleichstellungsgesetz Kanton St. Gallen. «Wir sind in einer Umbruchphase. Mit der gewohnten schweizerischen Gemächlichkeit tut sich was,» so Schmid. Der Fachkräftemangel werde zu einem Wertewandel und zu familienfreundlicheren Strukturen führen, von dem Männer wie Frauen profitieren, sagt Sander. «Spätestens, wenn das medizinische Versorgungssystem kollabiert, weil sich niemand mehr findet, der ein Arztpensum von einer 80-Stunden-Woche übernehmen will.»

Umdenken in der Unternehmenskultur nötig

Die Kraft, sich gegen ihren Arbeitgeber zu wehren, hat der jungen Frau gefehlt, als sie vor einem Jahr gekündigt wurde. Doch sie will arbeiten, hat zahlreiche ­Bewerbungen geschrieben – aber nur ­Absagen bekommen. Doch untätig zu bleiben, ist für sie keine Option. Sie setzt sich für das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. In Zusammenarbeit mit dem Verein Wilder Osten, der Fachkräfte auf die Ostschweiz aufmerksam machen will, prüft sie, welche Projekte in diesem Bereich sinnvoll sind. Ein Label für familienfreundliche Unternehmen oder an eine Partner­börse für Jobsharing-Partnerinnen. Mit einem internationalen Unternehmen in der Ostschweiz startet sie demnächst einen Pilotversuch. Ihr Ziel: Führungskräfte zu sensibilisieren. Personalprozesse zu verändern. Und Arbeitsplatzsicherheit für Mütter zu gewährleisten. «Es braucht vor allem ein Umdenken in der Unternehmenskultur», sagt sie.