Der Mann ist auf Mission. Das Unrecht, das den Mitgliedern der Schweizer Geheimtruppe P-26 widerfahren sei, müsse beseitigt werden. Felix Werner Nöthiger (75), ein Einmann-Stosstrupp, der in der Mehrzahl spricht, wenn er seine Aktionen beschreibt, hat sich die vergangenen dreizehn Jahre dieser Aufgabe verschrieben. Das Ziel ist nun vor Augen, die drei Säulen der Rehabilitierung stehen. Seit dieser Woche ist der zweite, der wissenschaftliche Pfeiler verankert: Historiker Titus Meier hat seine knapp 600-seitige Dissertation «Widerstandsvorbereitungen für den Besetzungsfall» publiziert und darin Nöthigers Ansatz über «die Mär von der Schweizer Geheimarmee» («NZZ») auf den Punkt gebracht. «Wir haben ihn unterstützt», sagt Nöthiger zur Arbeit mit Meier.

Nöthiger meint schon lange zu wissen, wie es wirklich war mit dem Geheimtrupp, der 1990 nach dem Bericht der Parlamentarischen Untersuchungskommission PUK und der Enttarnung ihres Chefs Efrem Cattelan 1990 aufgeflogen ist. 400 Eidgenossen waren rekrutiert, militärisch ausgebildet und zu strengster Geheimhaltung verpflichtet worden, 400 weitere standen in Reserve. 100 Millionen Franken, versteckt im Kostenstellenlabyrinth des Bundes, kostete die Scharade. Mandatsträger aller Parteien waren vertreten. Nöthiger gehörte nicht dazu, jedoch Freunde von ihm. Mit seinem Aktivismus hätte er wohl auch nicht dem Persönlichkeitsprofil entsprochen, das Cattelan suchte.

Ein Film für Oberst Bachmann

Nöthiger sieht sich nicht Cattelan, sondern dessen Vorgänger Oberst Albert Bachmann verbunden. Der 2011 verstorbene Ex-Geheimdienstchef war mit Schimpf aus dem Amt verjagt worden. Nöthiger meint aber, Bachmann habe die wesentliche Grundlage für die legitime Widerstandsbewegung nach englischem Vorbild entworfen. Viereinhalb Stunden Filmmaterial mit dessen Ausführungen hat er noch in der Hinterhand, um dem Verstossenen zu gegebener Zeit ein Denkmal zu setzen.

Doch zunächst galt sein Bemühen den Mannen und Frauen, die sich nicht gegen die öffentliche Vorverurteilung wehren konnten. «Wir haben erreicht», sagt Nöthiger, «dass ihnen der Bundesrat 2009 erlaubte, sich zu äussern und damit zu wehren.» Zunächst im Bundeshaus und dann in zahlreichen Kantonen organisierte er Veranstaltungen, die den Eindruck hinterliessen, der Staat entschuldige sich offiziell bei den P-26-Mitgliedern. Das ausgehändigte Zertifikat war mit «Eidgenossenschaft» überschrieben, war aber ein privates Produkt seiner Organisation «Résistance Suisse 1940– 1990». Sechs Jahre weibelte er für die altgewordenen P-26-Mitglieder, dann stand die erste Säule für die angestrebte Geschichtsumdeutung.

Der dritte Pfeiler, die Errichtung von Erinnerungsstätten für die «Résistance Suisse», ist ebenfalls weit vorangeschritten. Ein erster Museumsort im Festungswerk Oberer Buchberg ist bereits zugänglich. Ein zweiter im P-26-Bunker «Schweizerhof» in Gstaad wurde im vergangenen Jahr eröffnet, aber gleich wieder bis ins Jahr 2041 geschlossen. Dies sei eine Auflage des Bundes, behauptet Nöthiger.

Festungsanlagen sind es, die nicht nur am Anfang standen von Nöthigers P-26-Passion, sondern die auch zeigen, in welchen historischen Zusammenhängen er sich eingegraben hat.

Die abgeschlossene Ausbildung Nöthigers ist die eines Primarlehrers. Ohne Abschluss habe er Geschichte und Archäologie studiert, bei den Burgen und ihren Ruinen ist er hängengeblieben. Mit 25 kaufte er vom Kanton Graubünden für kein Geld die Ruine Haselstein ob Zillis und baute sie nach eigenen Forschungsvorstellungen wieder auf. Zur ersten Burg kamen mit den Jahren 14 weitere dazu, die sein Verein Pro Castellis betreut.

Burgen des Mittelalters waren Repräsentations- und Wehrbauten, für Nöthiger sind sie vor allem Zweites. Sein Interessensprung von den alten Festungen zu den neuzeitlichen Bunkern war denn ein kurzer. Und als im zürcherischen Flaach das Gerücht ging, ein Rotlichtkönig wolle die örtliche Festung in ein Bordell umwandeln, war er als Retter zur Stelle und die Militärhistorische Gesellschaft des Kantons Zürich zur Akquisition von Geldern gegründet. Er sagt: «Ich kann einfach schlecht Nein sagen.»

Am Anfang dabei: Dietrich Bührle, Patron der Waffenschmiede Oerlikon. Woher seither die Millionen stammen, die Nöthiger für die Käufe und Sanierungen beibringt, ist sein Geheimnis. Zufällig habe er beim Erwerb der Festung Oberer Buchberg erfahren, sie sei ein Warenlager der P-26 gewesen. Der Bogen zur neuen Lebensaufgabe war damit gespannt.

Für Sicherheit und Heimat

Hauptberuflich war Nöthiger nur kurz als Lehrer, dann im Militär- und Sicherheitsbusiness tätig. Zunächst für den Kanton Zürich, dann für die Privatwirtschaft. Abgeworben sei er worden, sagt Nöthiger. In Schlapphut- Manier bleiben seine Angaben unbestimmt. Grossunternehmen habe er in Sicherheitsfragen beraten. Sicher gehörte die Migros-Bank dazu, was ihn in Medienberichten zum Bankdirektor machte. Bis vor kurzem war er Gesellschafter bei der Tacite GmbH und damit Partner des tschechischen Sicherheitsexperten Ivo Moroz, der heute von Prag aus die Risk-Management-Firma Screening Solution führt.

Er sei in seinem ganzen Leben gerannt, sagt Nöthiger. Nun werde es Zeit, einen ruhigeren Gang einzulegen. So richtig mag er selbst nicht daran glauben. Neu ist er im Stif- tungsrat der Morgartenstiftung, die als Zweck hat, «als Treuhänderin der schweizerischen Schuljugend das Schlachtgelände (...) vor jeglicher Verunstaltung zu bewahren». Auf dem Malojapass wartet eine Festungssperre darauf, von ihm in ein Museum umgewandelt zu werden. Das Projekt P-26 hat er zum Abschluss gebracht. Auf Mission ist er geblieben.