Gesellschaft
Dieser Rentner lebt seit 28 Jahren allein – und ist doch alles andere als einsam

Der 76-jährige Rentner wohnt seit 28 Jahren allein, obwohl er einen Lebenspartner hat. Wie es ihm ergeht und warum er nicht einsam ist.

Nicola Imfeld
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«Wer gemeinsam wohnt, kann genauso einsam sein wie ein Alleinwohnender. Es kommt auf die Einstellung an», findet Dölf Frey.

«Wer gemeinsam wohnt, kann genauso einsam sein wie ein Alleinwohnender. Es kommt auf die Einstellung an», findet Dölf Frey.

Sandra Ardizzone

Ein dreistöckiges Haus in einem Familienquartier in Aarau. Die Fassade erstrahlt in senfgelber Farbe. Hier wohnt nicht etwa eine fünfköpfige Rasselbande. Hinter der Haustür ist nur ein Schuhpaar zu finden. In der Stube steht nur ein Fernsehstuhl. Im Badezimmer gibts nur eine Zahnbürste. Der Besitzer des Hauses ist Dölf Frey, 76. Er lebt hier seit 28 Jahren. Allein. Bewusst allein. Und glücklich allein.

Nicht nur die Fassade ist ein Farbtupfer. Seine Küchenwand ist orange, sein Sessel gelb – Farben, die zum Gemüt von Frey passen. Egal ob er über seine unzähligen Reisen sinniert oder von seiner Krebskrankheit berichtet, Frey hat immer ein Lächeln aufgesetzt. Ein ehrliches Lächeln.

Über seine Lippen kommen Sätze wie: «Ich bin ein Spinner» oder «Ich war nie normal». Er meint damit sein Jugendliches «Ich». Er war nie dabei, wenn seine Kumpels wieder einmal auf Sauftouren gingen oder um die Häuser zogen. «Ich musste schon damals nicht in Gesellschaft sein, nur um der Gesellschaft willen», sagt Frey.

Freunde auf der ganzen Welt

Wenn man auf Google ein Synonym für «allein» sucht, spuckt die Suchmaschine Wörter aus wie: einsam, zurückgezogen, verwaist, isoliert. Adjektive, die nicht zum Aarauer passen. Zu seinen unzähligen Reisen um den Erdball ist er zwar immer allein aufgebrochen und nach Monaten – oder manchmal nach Jahren – auch allein wieder zurückgekehrt. «Aber dazwischen habe ich viele Menschen kennen gelernt. Asiaten, Australier, Amerikaner. Ich habe heute auf der ganzen Welt Freunde», sagt Frey und hebt den Zeigefinger: «Ich bin ein geselliger Typ.»

Dölf Frey zog schon als Jugendlicher nicht etwa in eine WG, sondern allein in eine Wohnung. Er wohnte bisher nur einmal mit jemandem zusammen: Ende der 80er-Jahre mit seinem Lebenspartner Peter. Das habe auch gar nicht schlecht funktioniert, erzählt er. Doch Peter wollte nach gut zwei Jahren mehr Freiheiten, ist wieder ausgezogen.

Die beiden leben nun seit knapp drei Jahrzehnten räumlich getrennt, ihre Partnerschaft habe darunter aber nicht gelitten, so Frey. Im Gegenteil: «Wir telefonieren dreimal täglich und sind immer füreinander da. Es würde wohl den meisten Beziehungen guttun, wenn man sich nicht ständig auf die Füsse tritt.»

Krebs soll nichts verändern

Allein leben und nie einsam sein, geht das wirklich? Freys Credo: «Es gibt auf dieser Welt nichts Unschönes, das ist nur Illusion.» Der Rentner hat diese Lebenseinstellung verinnerlicht. Nur wenn er über seine Krebserkrankung spricht, lässt er durchblicken, dass ihm manchmal Peters physische Anwesenheit fehlt. «Als ich im Jahr 2012 die Diagnose erhielt, habe ich mir gesagt: Dölf, der Krebs wird nur zum Thema, wenn du Schmerzen hast.»

Dies sei glücklicherweise nur selten der Fall. Wenn, dann greift Frey sofort zum Telefonhörer, ruft Peter an. Oder er wendet sich an seine Nachbarn, mit denen er ein sehr gutes Verhältnis pflegt. «Ich bin bestens sozialisiert und habe auch andere Kontakte als Peter», sagt Frey. Wenn er nachmittags durch die Aarauer Altstadt schlendere, kenne er fast jeden.

Andere Menschen in seinem Alter seien oft griesgrämig und unglücklich. «Ich beobachte das. Und meistens leben diese Personen zusammen mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin.» Freys Fazit: «Wer gemeinsam wohnt, kann genauso einsam sein wie ein Alleinwohnender. Es kommt auf die Einstellung an.»

Dass er als Einpersonenhaushalt finanzielle Nachteile hat (siehe auch «Nachgefragt» rechts), kümmert ihn wenig. Dank seiner beruflichen Vergangenheit bei der Kantonspolizei Aargau erhalte er eine «ganz ansehnliche Rente». «Aber natürlich geraten wir bei Politikern etwas in Vergessenheit. Zuerst kommen immer die Familien und Alleinerziehenden», sagt Frey. Für diejenigen, die es finanziell nicht so gut haben, würde er sich eine stärkere Lobby wünschen. Aber auch hier kommt Frey wieder auf seine Lebenseinstellung zurück: «Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.»

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