Gotthard-Basistunnel
Dieser Mann hat Geschichte geschrieben – er kroch als Erster durchs Loch

Der Österreicher Hubert Bär war der erste Mensch, der den neuen Basistunnel durchquerte; mit der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, trat der Mineur vor sechs Jahren ins Freie. Heute ist er arbeitslos.

Daniel Fuchs
Merken
Drucken
Teilen
Hubert Bär war der Erste, der durch den Gotthard-Tunnel kroch.

Hubert Bär war der Erste, der durch den Gotthard-Tunnel kroch.

Sandra Ardizzone

Hier riecht der Berg staubig und nach Kreide. Hubert Bär geht zu einem Gesteinshaufen, nimmt einen faustgrossen Brocken, wiegt ihn in der Hand hin und her. Dann schlägt er den Stein ein paar Mal auf einen grösseren Felsbrocken, testet so die Beschaffenheit. Es ist Kalkstein, extrem weich. Zufrieden setzt sich Bär gemäss den Anweisungen der Fotografin hin.

Artikel-Serie Gotthard

Am 1. Juni 2016 wird der Gotthard-Basistunnel eröffnet. Mit 57 Kilometern Länge ist er der längste Bahntunnel der Welt. Mit Blick auf diesen historischen Moment beleuchten wir übers Wochenende das Thema in einer einzigartigen Artikelserie. Sie finden die einzelnen Beiträge nach der Publikation auch zum Nachlesen in unserem Online-Dossier "Gotthard".

Mangels Tunnelbaustellen trifft die «Nordwestschweiz» den 63-jährigen Bär in einem Kalksteinbruch bei Netstal in der Nähe von Glarus. Dort ist der Österreicher angemeldet, weil er zuletzt für das nahe Kraftwerk Linthal gearbeitet hat. Die Kalkgrube kommt uns geeignet vor, um den Mineur in seinem Element zu zeigen. Rein optisch könnten die Steinbrocken aus dem Gotthard stammen. Wäre der Gotthard aus Kalkstein statt aus Gneis, er hätte an Sissi weniger Verschleiss verursacht.

Sissi – in Anlehnung an ihre bekannteste Kaiserin nannten Bär und seine österreichischen Kumpel die Tunnelbohrmaschine so. Die Italiener haben im alten Gotthard-Bahntunnel geschuftet, den neuen haben vor allem Österreicher gebaut. Bär war Vortriebspolier und Schichtleiter über einen 30-köpfigen Trupp. «Nur zwei, drei waren nicht Österreicher.»

Er und seine Mannschaft haben den Gotthard-Basistunnel von Bodio bis Sedrun gebohrt. Über 30 Kilometer. Elf Jahre verbrachte Bär im Loch. Im Herbst 2010 durchschlug Sissi bei Sedrun das letzte Stück Gneis. Hubert Bär trug als Erster die Schutzpatronin der Tunnelbauer, die heilige Barbara, durch die Öffnung.

Der Bau des neuen Gotthard-Basistunnels seit 1992:

Vor allem um die stark befahrenen Autostrassen zu entlasten, entschloss der Bund, ein Bahnnetz durch die Alpen zu bauen: Die Neue Eisenbahn-Alpentransversale, kurz NEAT, war geboren.
20 Bilder
Auch die Landschaft soll geschützt werden, wie das in der Alpeninitiative 1994 gefordert wurde.
Und schliesslich hat das Ganze auch praktische Gründe: Die Zugfahrt nach Mailand verkürzt sich auf weniger als 3 Stunden: Bild der Mailander Scala.
Zürich und Lugano rückten 45 Minuten näher zusammen.
So sieht der Gotthard Basis-Tunnel, der am 1. Juni 2016 eröffnet wurde, von innen aus.
Adolf Ogi war während seiner Zeit als Bundesrat federführend für das NEAT-Projekt...
Er hat viel Werbung gemacht und erhielt 1992 vom Volk die Erlaubnis, Basis-Tunnels durch den Lötschberg und den Gotthard/Ceneri zu bauen.
Die Schweizer sind fasziniert von dem Projekt: Dem NEAT-Projekt wird ein eigenes Museum...
... sowie spezielle Briefmarken gewidmet...
... wie Handarbeit der Bauarbeiter.
... und Werbung bis nach Zürich gemacht.
Lange war das Gebiet eine einzige Baustelle.
Grosse Maschinen kamen dabei genau so zum Zug...
Der zum Projekt gehörige Lötschberg-Basistunnel wurde 2007 eröffnet.
Die Bohrmaschine "Sissi" durchbrach am 15. Oktober 2010 in Sedrun (GR) die Oströhre; die Weströhre folgte am 23. März 2011. Adolf Ogi (links) gratuliert seinem Nachfolger Moritz Leuenberger.
Historischer Moment: Bundespräsident Johann Schneider-Ammann weiht den neuen Gotthard-Tunnel ein. Links SBB-Chef Andreas Meyer, rechts: Doris Leuthard 1. Juni 2016
Mit dabei waren auch zahlreiche hohe Persönlichkeiten wie der frühere französische Präsident François Hollande und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel.
Was für ein grosser Moment! Die ersten Züge sind durch den neuen Gotthard-Basistunnel gefahren
Die Eröffnungsshow
Der Ceneri Basis-Tunnel, ein weiteres Projekt der Alpentransversale, soll derweil 2020 fertiggestellt sein.

Vor allem um die stark befahrenen Autostrassen zu entlasten, entschloss der Bund, ein Bahnnetz durch die Alpen zu bauen: Die Neue Eisenbahn-Alpentransversale, kurz NEAT, war geboren.

Keystone

Ein Arbeitsleben auf Wanderschaft

Bär hat wenig Zeit. Gleich muss er zum örtlichen RAV, ehe er sich auf die sechsstündige Rückfahrt ins Dorf Stall im heimischen Oberkärnten macht. Seit seiner Mitarbeit am Kraftwerk Linthal ist Bär arbeitslos.

Im Auto erzählt der Kärntner über ein Arbeitsleben auf Wanderschaft. «In Österreich habe ich Tunnel gebaut, in Sizilien, Neapel, sogar im Irak und im Iran», erinnert er sich. Seit 1974 – manchmal war er wochenlang von zu Hause weg. «Die eigene Tochter hat mich gar nicht wiedererkannt, als sie noch klein war.»

Das Geld lockte Bär in den Tunnel. Die Arbeit unter Tag war gut bezahlt. «Zehn Jahre, dachte ich zuerst. Wollte ja nur die Hypothek unseres Hauses damit abbezahlen.» Doch dann liess ihn der Tunnel nicht mehr raus: «Es war nicht mehr nur das Geld, das Tunnelfieber hatte mich erfasst.»

Miner Hubert Bär mit der Heiligen Barbara, der Schutzheiligen der Mineure. Miner Hubert Bär mit der Heiligen Barbara, der Schutzheiligen der Mineure.

Miner Hubert Bär mit der Heiligen Barbara, der Schutzheiligen der Mineure. Miner Hubert Bär mit der Heiligen Barbara, der Schutzheiligen der Mineure.

Keystone

Es führte ihn letztlich in die Schweiz. Erst war Bär anderthalb Jahre im Lötschberg-Basistunnel am Werk. Dann riefen ihn die Gotthard-Bauherren an. Sie brauchten einen erfahrenen Mann in Bodio. «Der längste Tunnel der Welt – eine solche Gelegenheit bekommst du nur einmal im Leben», dachte er sich, sagte zu – und nahm gleich das halbe Heimatdorf mit.

In Kärnten leben viele Familien vom Tunnel- und Bergbau. «Als es am Gotthard losging, blieben unsere Frauen daheim allein mit dem Pfarrer, dem Bürgermeister und dem Postboten», sagt Bär lachend.

Der Gotthard-Basistunnel bricht alle Rekorde. Auch für Bär war er der Höhepunkt seines Arbeitslebens. Die Schichten hatten es in sich. Zu Beginn waren es jeweils acht Tage am Stück, unterbrochen von jeweils drei freien Tagen, später waren es 10-Tages-Schichten à zehn Arbeitsstunden, dafür gab es dazwischen fünf Arbeitstage frei. Dann ist Hubert Bär jeweils nach Hause gefahren zu seiner Frau. Zuerst in Biasca, später in Faido leistete er sich eine Mietwohnung, um nicht im Arbeitercamp wohnen zu müssen. «Ich konnte so besser abschalten», erklärt er. Ferien gab es nur einmal im Jahr. Im August ruhten am Gotthard jeweils für drei Wochen die Baumaschinen.

Die drei (Alt) Bundesräte über den Pioniergeist der Schweizer:

Die Arbeit war hart. Neun Arbeiter kamen bei den Arbeiten im Gotthardtunnel ums Leben. Bei Unfällen mit Fahrzeugen, Maschinen, erschlagen von Steinbrocken. Bärs Trupp war nicht direkt betroffen. «Ein Handbruch und eine Fingerquetschung», erinnert sich Bär. Nirgendwo aber fanden Tunnelarbeiter bessere Arbeitsbedingungen vor als im Gotthard und in der Schweiz, sagt er. Und besseren Lohn: «Fast das Doppelte wie in Österreich, 6000 bis 8000 Franken brutto gab es jeden Monat.»

Die Schönheit des Gotthards ging immer auch einher mit den Gefahren, die von ihm ausgingen:

Schon lange, bevor Autos und Züge den Gotthard durchquerten, erklommen Postkutschen den Pass.
19 Bilder
Am 5. September 1980 wurde der Gotthard-Tunnel für den Automobil-Verkehr geöffnet.
Eines der berühmtesten Bilder des Gotthards: Die "Serpentine", die geschlängelte Autostrasse am Gotthard.
Auch Zugbegeisterte lieben den Gotthard...
... genau so wie Velofahrer. Auch die Tour de Suisse führte insgesamt 37-mal über den Pass.
Auch die Lausbuben aus "Mein Name ist Eugen" überqueren den Pass auf ihren Fahrrädern.
Schliesslich ist auch die Umgebung am Pass sehr ansehnlich... Wunderschönes Wolkenspiel auf dem Gotthard Pass :-)
... und sogar nachts bietet sich hier ein schöner Anblick.
Der Gotthard lässt die Menschen nicht los: Er wurde schon in Spielfilmen behandelt (Szene aus: «Kampf am Gotthard»)
Allerdings machte der Strassentunnel immer wieder mit Unfällen auf sich aufmerksam: Archivbild des Brands im Jahr 2001, bei dem zwei Lastwagen aufeinanderprallten. Wegen der hohen Temperaturen...
... konnte die Feuerwehr tagelang nicht zum Unfallort vordringen. 11 Menschen starben, Teile des Tunnels stürzten ein. Zwei Monate lang blieb der Tunnel daraufhin geschlossen.
Im Bahnverkehr kam es zu Unfällen.
Das Wetter spielt dem Gotthard bisweilen übel mit, ob durch Regen...
... oder Schnee.
Und die Naturgewalt am Gotthard darf nicht unterschätzt werden: Immer wieder kommt es zu Felsstürzen.
Die bekanntesten Bilder des Gotthards sind jene von stau-verstopften Strassen vor den Ferien... Wie jede Ostern staut sich der Verkehr am Gotthard.
... wobei sich die Opfer oftmals zu helfen wissen und die Geduld nicht verlieren.
Der Gotthard lässt die Schweizer nicht los: Ab Sommer 2016 wird der so genannte "Gotthard-Monolith" im Landesmuseum in Zürich dauerausgestellt sein...
... und das Werbeplakat für die Eröffnung macht den Gotthard zum Sinnbild der Schweiz.

Schon lange, bevor Autos und Züge den Gotthard durchquerten, erklommen Postkutschen den Pass.

Bärs Sissi durchbohrte auch den Fels unterhalb der berüchtigten Piora-Mulde. Die Planer und Arbeiter waren nervös. Probebohrungen hatten auf katastrophale Verhältnisse hingewiesen. Doch es kam anders: Der Vortrieb war tiefer unten, als der Grossteil des bröselnden Piora-Gesteins überhaupt hinreichte. Nur heiss war es da, erinnert sich Bär. 38 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von über 90 Prozent. «Immer wieder gab es Wassereinbrüche. Es war 41 Grad heiss, das ist selbst zum Duschen zu heiss.»

All der Dreck, nun das Licht

In der Schweiz hatte sich die Politik ein teures Projekt mit grossen Unsicherheiten geleistet. An vorderster Front stand Adolf Ogi, mit dem Hubert Bär bis heute befreundet ist. Bär schwärmt von Ogi, der aus seiner Sicht ein Ausnahmepolitiker war. «Ein feiner Mensch. Ganz anders als die Politiker üblicherweise ticken. Die denken doch nur an sich.»

Nach dem Durchstich wurden Bär und die Kärntner nicht mehr gebraucht. Sissi wurde abgebaut. Und wie unter Tunnelbauern üblich, zogen die Kärntner weiter. Zum nächsten Tunnel. Bär selbst erhielt von 2013 bis 2015 eine Anstellung in der Bauaufsicht beim Axpo-Wasserkraftprojekt Linthal, weshalb er bis heute eine Wohnung zuhinterst im Glarnerland mietet. Und an diesem Tag für einen Termin aufs Glarner Arbeitsamt muss. «Ich tingelte immer von Anstellung zu Anstellung. Doch nun nehme ich das Arbeitslosengeld gerne in Anspruch.»

Im Sommer lässt sich Bär auf ein letztes Engagement im Umfahrungstunnel von Küssnacht SZ ein. Danach will der 63-Jährige in Frühpension. «Bevor Dreck und Staub meinem Körper den Rest geben.» Noch ist er bei guter Gesundheit. Hoch über seinem Heimatdorf besitzt er zwei Almhütten, zu denen er sich im Winter ab und zu mit Tourenski begibt. «Zum Ausgleich», sagt er.

Die Fotos sind im Kasten. Wir fahren zur Baugrube raus. «Diese Arbeit hier draussen wäre nichts für mich», sagt Bär, als er den Bauhelm ablegt. «Viel zu hell!»

Erleben Sie den Tunnel, den Hubert Bär mitgebaut hat, vor seiner Eröffnung am eigenen Leib: