Im ersten Gang fährt Armin Capaul in seinem Subaru den steilen Waldweg hoch, vorbei an moosbewachsenen Steinen und hohen Bäumen. Die Reifen quietschen, Kieselsteine spicken weg. «Habe ich Journalisten an Bord, fahre ich immer diesen Weg», sagt Capaul. «Damit sie merken, dass ich Bergbauer und nicht Landwirt bin. Ein Bergbauer ist dankbar für alles, was er bekommt.»

Dann, nach ein paar Minuten, öffnet sich der Wald, und wir sind da, wo Armin und Claudia Capaul und einer ihrer Söhne zu Hause sind mit 9 Kühen, 3 Rindern, einem Stier, 7 Ziegen, einem Geissbock, 23 Schafen, einem Schafbock, 2 Eseln, 2 Hunden und ein paar Katzen. Auf dem Hof Valengiron, weit hinter Moutier im Berner Jura, 930 Meter über Meer, im «Tal im Schoss», wo das Handy keinen Empfang hat und Capaul «gerade deshalb so viele gute Ideen».

Frau, Tochter, Söhne – alle halfen

Hier hat er seinen Kampf gestartet, der ihn nächste Woche nach Bern zur Bundeskanzlei führen wird. Am Mittwoch übergibt er mehr als 100 000 Unterschriften für seine Hornkuh-Initiative, mit der er Kühen und Ziegen Hörner und Würde zurückgeben will. Der 64-Jährige hat geschafft, was ihm kaum jemand zugetraut hatte: Quasi im Alleingang stellte er eine Volksinitiative auf die Beine.

Unzählige Medienanfragen und Bestellungen für Unterschriftenbögen hat Ehefrau Claudia, die Telefonbeauftragte der Familie, entgegengenommen. Der eine Sohn hat den Hof geführt, der andere die Website und die Tochter den Facebook-Auftritt betreut, während der Vater durch die Schweiz tourte, um mit Vorträgen in Restaurantsälen und Gemeindezentren oder mit Infoständen an Volksfesten und Gemüsemärkten für sein Anliegen zu werben.

Längst vermitteln Postkarten, Schokoladenverpackungen und Heidi-Filme ein falsches Bild: In der Realität haben heute neun von zehn Schweizer Kühen keine Hörner mehr, Ziegen geht es nicht viel besser. «Ich habe meinen Tieren versprochen, etwas zu ändern», sagt Capaul, und es klingt, als wolle er sich dafür entschuldigen, dass er Bundesbern seit Jahren auf Trab hält.

Globus-Krawallant wird Biorebell

Vor fünf Jahren schrieb er den ersten Brief ans Bundesamt für Landwirtschaft. Sein Vorschlag: ein Franken pro Tag und behornte Kuh. «Doch Verwaltung und Politik wollten nicht auf mich hören», sagt Capaul. Also liess er zwei verständnisvolle Politiker Motionen vorbringen, die in Stände- und Nationalrat hochkant scheiterten, und lancierte eine Petition, die in Bern bald in einer Schublade verschwand. Also musste die Volksinitiative her, das letzte, stärkste direktdemokratische Instrument. «Du spinnst doch», sagte seine Frau zuerst. Irgendwann half sie begeistert mit.

Optisch erinnert Capaul mit seinem weissen, zerzausten Bart an Peter «Cool Man» Steiner, den Hitparadenstürmer der Neunzigerjahre. Auch Capaul ist ein perfekter Werbeträger, auch er ist sich seiner Wirkung bewusst. Für «Spiegel TV» kuschelte er mit einer Kuh; im «Blick» beschwerte er sich, weil es der Pöstler im verschneiten Januar nicht täglich zum Hof schaffte; dem Strassenmagazin «Surprise» zeigte er die Musikkassetten, die er beim Stallputzen seinen Tieren vorspielt. «Ich tanze dann zu Pink Floyd, Beatles und Deep Purple», sagt er. «Und die Kühe bewundern mich dabei.» Ihre Befindlichkeit ist ihm wichtiger als alles andere. Bei unserem Besuch nützt kein Bitten des Fotografen: «Die Kühe sind im Stall und schlafen», so Capaul. «Fotografieren Sie die Ziegen.»

Zum Hippie sei er als Jugendlicher geworden, erzählt Capaul. «Als ich im Sommer 1968 hörte, dass die Polizei beim ‹Globus-Provisorium› in Zürich grundlos auf junge Leute einprügelt, dachte ich mir: ‹Denen muss ich helfen.›» Kurzerhand verschwand er vom Hof, wo er eine Bauernlehre absolvierte, und stellte sich der Gewalt entgegen. Seither lebe er «für Flowerpower, Peace and Love», sagt er, der keine Fremdsprachen mag. Seit 20 Jahren wohnt der Bündner, der im Zürcher Industriequartier aufgewachsen war, mit seiner Familie in Valengiron. Französisch aber spricht er kein Wort.

Doch nicht nur deshalb sind Capauls Einzelgänger. Zwar werde er kaum je offen angefeindet, erzählt der Mann mit der passenden Mailadresse «biorebell». Doch dass Bauern seiner Hornkuh-Initiative wenig abgewinnen könnten, momol, das spüre er schon. «Dabei will ich ihnen doch gar nicht verbieten, ihre Kühe zu enthornen», sagt er. Viele Bauern entfernten die Hörner, weil sie dann mehr Tiere auf weniger Platz zusammenpferchen könnten. Deshalb sollen jenen Bauern, die auf «ganze Kühe» setzen, Subventionen zukommen. Anreize statt Verbote.

Im Initiativtext wird kein genauer Betrag genannt. Capaul stellt sich 500 Franken pro Jahr und Kuh respektive 100 Franken pro Jahr und Ziege vor – am liebsten rückwirkend ab 2010, dem Jahr, als er sich per Brief ans Bundesamt wandte. Insgesamt brauche es nicht mehr Subventionen für die Landwirtschaft, stellt Capaul klar. «Der aktuelle Betrag muss bloss anders verteilt werden.»

Kuhhorn sei keine tote Materie, sagt er. Nur die äusserste Schicht sei aus Horn, im hohlen Inneren dagegen wachse ein Kuhleben lang ein Knochen, durch den sich Ausläufer der Stirnhöhlen mitsamt Blut bis in die Hornspitzen zögen. «Zudem sind die Hörner Statussymbole, welche die Rangordnung bestimmen.»

Dies attestiert auch Bauernverbandspräsident Markus Ritter. «Die Hierarchie wird mithilfe der Hörner knallhart durchgesetzt», sagt der St. Galler CVP-Nationalrat. Wenn Capaul aber behaupte, nur Kühe mit Hörnern seien glückliche Kühe, argumentiere er verkürzt. «Wenn alle Kühe in einem Stall Hörner haben, ist vielleicht die Leitkuh glücklicher; die anderen Kühe der Herde aber werden mehr Probleme haben, sich zu behaupten.» Ritters 28 Kühe und 20 Jungtiere haben seit ein paar Jahren keine Hörner mehr, auch, weil diese ein Sicherheitsrisiko dargestellt hätten.

Wer sammelt schon Unterschriften

Capaul will davon nichts wissen. Beharrlich führt er seinen Kampf weiter, der auch ein Protest ist gegen eine immer stärker auf Effizienz getrimmte Landwirtschaft. «Der Bauernverband müsste sich eigentlich in Verband für industrielle Landwirtschaft umbenennen», hat er kürzlich gefordert. Neue Freunde wird ihm das nicht gebracht haben. Aber die treusten Freunde sind Capaul eh seine Tiere. Und wer hat schon mehr als 100 000 Menschen, die einen mit ihrer Unterschrift unterstützen?