AKW Mühleberg vom Netz

Diese vier Berner zwingen die BKW in die Knie

Sieg über Mühleberg: Jürg Joss kurz nach Fukushima vor dem bernischen Atomkraftwerk.

Sieg über Mühleberg: Jürg Joss kurz nach Fukushima vor dem bernischen Atomkraftwerk.

Das AKW Mühleberg muss voraussichtlich 2013 vom Netz genommen werden. Wie schafften es vier Berner, die übermächtige BKW in die Knie zu zwingen? Das war nur mit fundierter Arbeit möglich.

«Tränen in den Augen und Herzklopfen» hatte Jürg Joss, als er das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes erfuhr. «Dann habe ich meine Frau angerufen und ihr gesagt, sie solle es als Erste erfahren.» Darauf gings drunter und drüber. In der Stunde des grössten Erfolgs hatten die Sieger gestern kaum Zeit, diesen auszukosten. – Der Vizepräsident von Fokus Anti Atom war auf allen Kanälen gefragt.

Anwalt von der Basis

Wie aber kam der Sieg von David gegen Goliath zustande? Anruf beim Anwalt der Berner AKW-Gegner: «Endlich ging ein Gericht die Sicherheitsfrage ernsthaft an», sagt Rainer Weibel der az wie immer ruhig und gefasst. «Bei Einwänden muss das Departement für Umwelt, Energie und Verkehr künftig selber prüfen und wenn nötig Gutachten einholen.» Für dieses Puzzleteil – dass auch andere Meinungen als die der Atomaufsichtsbehörde Ensi gelten – kämpfte er jahrelang.

Vor Augen stets das Ziel: Mühleberg raschmöglich vom Netz zu bringen. Dann sagt der 62-Jährige noch: «Klar bin ich auch persönlich zufrieden.» Engagiert er sich seit Jahren doch auch in der Kerngruppe von Fokus Anti Atom. Das Urteil, so Weibel, sei Teil des Lohns für stundenlange Arbeit, welche er nie zum vollen Anwaltstarif verrechnen könne.

Wissenschafter im Hintergrund

Fokus Anti Atom gibt es seit 2003. Just, als sich die AKW-Betreiber an die inzwischen sistierte Planung von Atomkraftwerken neuester Generation machten, wurde die «Aktion Mühleberg stilllegen» (AMüs) ohne Tamtam beerdigt. Doch die AKW-Gegner studierten weiter Akten. «Das ist ein Supertag für uns alle», sagt Jürg Aerni. Der Solothurner kämpfte gegen Kaiseraugst, das ebenfalls nie realisierte Oberaargauer AKW Graben und war bei AMüs. Schickt Fokus Anti Atom heute eine Mitteilung, steht am Ende oft: «Technische Fragen: Jürg Aerni, Physiker». Als Mann im Hintergrund nahm er gestern auch Joss’ Handy ab.

Gegen aussen nämlich ist Jürg Joss der Kopf der Berner AKW-Gegner. So, wie man sich den 48-Jährigen vorstellt, kommt er zwar daher. Rasch aber ist klar: Der Automationstechniker aus Bätterkinden weiss, wovon er redet. Seit Jahren warnt er vor den Folgen der Risse im Kernmantel. Legt mit Zahlen nüchtern dar, wie es auch 14 Kilometer vor Bern zum GAU kommen könnte. Zur Ensi-Einschätzung, die Risse hätten «keinen Einfluss auf den sicheren Betrieb», verdreht er höchstens die Augen, bleibt aber hochanständig. Es sei «fahrlässig», ein so altes AKW «aus ökonomischen Gründen am Limit» weiterzubetreiben.

Wähnt sich Jürg Joss nun also am Ziel? «Ich glaube an die Abschaltung im Sommer 2013.» Die Hürden für die konzeptlos agierende Betreiberin BKW seien inzwischen «doch sehr hoch». Noch sei aber nichts definitiv.

Vernetzter Selbststudent

Im Gegensatz zu anderen Aktivisten ist Joss’ Engagement persönlich begründet. In einem früheren Job arbeitete er bei einer Revision auch in Leibstadt. Als er die Schleuse verliess, piepste sie: kontaminiert. Er duschte zweimal, bis es nicht mehr strahlte. Wo Jürg Joss seine persönliche Energie hernimmt? Obwohl keinesfalls religiös nannte er mal die Beharrlichkeit des Freiheitskämpfers Gandhi.

Viertes Gesicht von Fokus Anti Atom ist Markus Kühni. Der Berner Ingenieur kniete sich schon vor Fukushima Abende lang hinter Studien und Berechnungen zur Überflutungsgefahr. Hin- und hergerissen, ob es opportun sei, die Erkenntnisse nach dem AKW-GAU in Japan zu publizieren, zeigte er, dass nach einem Bruch des Wohlensee-Staudamms infolge Erdbebens Mühlebergs Kühlung nicht gewährleistet ist. Zuerst stritt die BKW ab.

Nachdem das AKW im Sommer mehrere Wochen freiwillig vom Netz genommen wurde, lenkte der Energieriese ein. Und montierte in der Aare spezielle Ansaugstutzen. Nicht genug, kritisierte Kühni, und legte nach. Dank seiner Hartnäckigkeit ist inzwischen auch bekannt, dass das Ensi den AKW-Betreibern erlaubte, die Werte zur Erdbebenfestigkeit schönzurechnen. Und dass die Atomaufsicht für den EU-Stresstest Anfang Jahr Bestnoten ohne Prüfung erteilte.

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