Sovaldi
Diese Pille ist ein Segen für die Erkrankten – aber zu teuer für alle

Eine Therapie mit dem Medikament Solvadi kostet pro Hepatitis-C-Infiziertem bis zu 138'000 Franken. Doch seine Herstellung soll 1000-mal günstiger sein als der Verkaufspreis in der Schweiz. Hier wird es deshalb nur an Schwerkranke abgegeben.

Anna Wanner
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Geringere Nebenwirkungen, hohe Chancen auf Heilung und einfache Medikation in Tablettenform: Die Pille Sovaldi verspricht Hepatitis-C-Infizierten eine Zukunft. Zwar schlägt das heimtückische Virus nicht bei allen Infizierten sofort zu. Doch über die Jahre schädigt es die Leber so stark, dass es zu Leberzirrhose und in seltenen Fällen auch zu einem Leberkarzinom und zum Tod führen kann.

Sovaldi und verwandte Wirkstoffe können die Vermehrung des Virus in mehr als 90 Prozent der Fälle unterdrücken. Die Patienten werden geheilt. In der Medizin wird das Medikament als kleine Revolution gefeiert. Denn die Heilungschancen waren bisher gering. Erstens sind nicht alle Typen des Virus behandelbar, zweitens führte die Therapie nicht immer zum Erfolg, und drittens wurde sie von gravierenden Nebenwirkungen begleitet. Viele Kranke brachen deshalb die Therapie ab.

Der guten Nachrichten zum Trotz: In der Schweiz wird das Medikament nur an Schwerkranke abgegeben. Aufgrund der hohen Kosten hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Therapie limitiert. Dahinter steckt nicht böser Wille, die Reaktion ist Zeichen einer gewissen Ohnmacht: Eine Therapie mit Sovaldi oder Havroni (beide Pillen beinhalten den Wirkstoff Sofosbuvir) kostet in der Schweiz zwischen 67'000 und 138'000 Franken – je nach dem, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist.

Um alle geschätzten 80'000 Infizierten in der Schweiz zu kurieren, müsste mit Kosten von bis zu 6 Mrd. Franken gerechnet werden. Zum Vergleich: Die Versicherten haben im vergangenen Jahr Medikamente im Wert von rund 5 Mrd. Franken über ihre Krankenkassen abgerechnet.

Prämienanstieg von 12 Prozent

Die Therapie aller Hepatitis-C-Infizierten würde sich direkt auf die Prämien auswirken. Auf einen Schlag müssten sie um rund 12 Prozent angehoben werden, wie der Krankenkassenverband Santésuisse ausgerechnet hat. Die Sovaldi-Frage geht also an die Moral. Kann man das den Prämienzahlern zumuten? Kann und will sich die Gesellschaft die Kosten leisten?

Sovaldi wirft noch weitere ethische Fragen auf. So lässt sich aus heutiger Sicht dessen Preis kaum rechtfertigen. In der Schweiz kostet eine Packung Sovaldi à 28 Tabletten Fr. 19'208.50. Obwohl der US-Hersteller Gilead Sciences die Kosten für die Produktion nicht offenlegt, liegen sie mutmasslich 1000-mal tiefer als der Verkaufspreis in der Schweiz. Das hat die Studie angelsächsischer Professoren ergeben, die 2014 im Wissenschaftsjournal «Clinical Infectious Diseases» die Herstellungskosten für eine 12-wöchige Therapie (drei Packungen) vorgerechnet haben. Sie kamen auf 68 bis 136 US-Dollar.

Kein Wunder, erzielte Gilead Sciences im letzten Jahr einen märchenhaften Umsatz in der Höhe von fast 25 Milliarden Franken. Nur: Darf eine Pharmafirma einen solchen Preis für ein Medikament verlangen, das potenziell 180 Millionen Menschen heilen kann? Daran zweifeln Krankenkassen und Patientenschützer in der Schweiz. Sie verlangen Rekursmöglichkeiten bei Medikamentenpreisen.

Heute legt das BAG den Preis neu zugelassener Medikamente anhand eines Vergleichs mit dem Ausland und den Preisen mit vergleichbaren Medikamenten fest. Wenn das Medikament wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich ist, wird es in die Liste kassenpflichtiger Medikamente aufgenommen. Auf Anfrage gibt das BAG an: Sovaldi sei auf diese Kriterien überprüft und der festgelegte Preis sei als wirtschaftlich erachtet worden. Der Preis werde in drei Jahren wieder geprüft und «falls nötig» gesenkt.

Von den Indern lernen

Die Frage nach der Bezahlbarkeit stellt sich in Europa und den USA. Anders handhaben es die Inder, die ein Generikum hergestellt haben, das für 300 US-Dollar über den Tresen geht. Das verleitet Santésuisse-Direktorin Verena Nold zu Gedankenspielen: Einem Kranken Aufenthalt, Flug und Therapie in Indien zu bezahlen, käme enorm viel günstiger, als Tabletten hier zu kaufen. Bloss bleibt es bei Spielereien. Kleine Ausnahmen ausgenommen bezahlen Versicherer nur Leistungen, die innerhalb der Landesgrenzen erbracht werden.