Parlamentarierinnen von links bis rechts haben genug von tollen Reden: Gerne bekennt sich Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sobald es aber konkret wird, bleiben die Betroffenen aussen vor. «Wie soll den Frauen geholfen werden, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen, wenn man deren Bedürfnisse gar nicht kennt?», fragt die Zürcher BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti rhetorisch. Jüngster Auslöser für ihren Ärger ist das «Nationale Spitzentreffen Fachkräfte Schweiz», das am Montag quasi unter Ausschluss weiblicher Beteiligung stattfand. Sinn und Zweck der Veranstaltung: Information und Austausch. Der Schwerpunkt: Beruf und Familie. Quadranti, Co-Präsidentin der parlamentarischen Frauengruppe, sagt, sie verstehe beim besten Willen nicht, wieso neben den Vertretern von Gewerkschaften, Arbeitgebern und der Wirtschaft allgemein nicht auch die Fraueninteressen besser berücksichtigt werden.

Auch Ideen liegen brach

Seit Jahren wird versucht, das brachliegende Arbeitskräftepotenzial besser einzubinden, um die Zuwanderung einzudämmen. Bekannt ist auch, dass das unausgeschöpfte Potenzial an Arbeitskräften laut Berechnungen des Bundes zu 70 Prozent bei den Frauen liegt. Das weiss auch das Departement Schneider-Ammann. Deshalb weibelt der Bundespräsident höchst persönlich seit fünf Jahren für seine Fachkräfteinitiative, die unter anderem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern will.

Bloss: Abgesehen davon, dass die Umsetzung nur zögerlich vor sich geht, hagelt es nun zum wiederholten Mal Kritik von den Frauen. Denn bewegt hat sich seit zwei Jahren nichts. Damals wandte sich der Frauendachverband Alliance F mit einem Brief direkt an Schneider-Ammann. Darin wurde um eine bessere Einbindung der Frauen gebeten: Die 154 Frauenorganisationen, die dem Alliance F angehören, hätten viele eigene Ideen und Projekte, die sie gerne vorstellen wollten. Von Betreuungsmodellen für Frauen, die unregelmässig arbeiten, über Anreize zur Teilzeitarbeit bis hin zur Rekrutierung von Frauen für naturwissenschaftliche Fächer und Berufe.

Höchstens Zaungäste

Aber eben: Geschehen ist nichts. Deshalb wurden Maya Graf und Kathrin Bertschy, die beiden Co-Präsidentinnen von Alliance F, vor einem Jahr schliesslich persönlich beim Bundesrat vorstellig. Doch erreichten sie damit nicht einmal ein Zwischenziel. Zwar wurden sie daraufhin ab und zu eingeladen. Mit ihrem eigentlichen Anliegen – endlich angehört zu werden – seien sie aber aufgelaufen, sagt Graf. «Es ist einfach ernüchternd.» So sei auch die Anfrage von Alliance F zur Teilnahme am Fachkräfte-Gipfel versandet. Graf durfte lediglich als Zaungast teilnehmen.

Mehr als Lippenbekenntnisse

Die Kritik, dass die Bedürfnisse der Frauen gar nicht erst angehört würden, weitet sich nun aus. Parlamentarierinnen über die Parteigrenzen hinweg wollen den Druck auf Schneider-Ammann erhöhen. So haben Lisa Mazzone (Grüne/GE), Tiana Moser (GLP/ZH), Ida Glanzmann (CVP/LU), Doris Fiala (FDP/ZH), Prisca Birrer-Heimo (SP/LU) und Rosmarie Quadranti (BDP/ZH) diese Woche ähnlich lautende Fragen eingereicht, die der Bundespräsident am Montag zu beantworten hat. In den Fragen kommt ihr Unglaube zum Ausdruck, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie zwar als «Frauenproblem» wahrgenommen werde, dass aber lediglich «Fachmänner von Bund, Kanton und Sozialpartnern» kompetent genug sind, um an der Diskussion teilzunehmen. Sinnbildlich für den Missstand sei der Point de Presse nach dem Fachkräfte-Gipfel: Es traten nur Herren ans Mikrofon.

Über die Fragen soll SchneiderAmmann abermals aufgefordert werden, Frauenorganisationen anzuhören. Für die Parlamentarierinnen ist klar: Nur so könne er beweisen, dass er es mit der Fachkräfteinitiative ernst meine und sie auch zum Erfolg führen wolle.