Wer im Bundeshaus als Parlamentarier etwas zu sagen haben will, sollte auf allen Kanälen präsent sein. Dazu gehört: Vorstösse schreiben, über Facebook und Twitter mit Wählern kommunizieren, im Ratssaal debattieren, abstimmen, Medienanfragen beantworten, in den Kommissionen mitarbeiten – am besten alles gleichzeitig. Frauen schnitten in der Legislatur 2011 bis 2015 über alle Disziplinen hinweg am besten ab, wie eine Auswertung der «Nordwestschweiz» zeigt. 

Auf einer Rangliste mit 35 Nationalratsmitgliedern aus den Kantonen Aargau, Solothurn, Basel-Landschaft und Basel-Stadt sowie dem Limmattal belegen Politikerinnen die ersten sechs Plätze, angeführt von CVP-Nationalrätin Ruth Humbel (AG). Auch beim Ranking des Ständerates steht mit Pascale Bruderer (SP/AG) eine Frau zuoberst. Was macht die Frauen im Bundeshaus so erfolgreich? Ist es ihr Talent zum Multi-Tasking? Oder doch Zufall?

Ins Auge sticht: Die Parlamentarierinnen fanden in den letzten vier Jahren öfters als ihre männlichen Kollegen Mehrheiten für ihre Postulate, Motionen und parlamentarischen Initiativen, sie haben überdurchschnittlich viele Follower in den sozialen Medien, oft mehrere Tausend, und sie sitzen in besonders vielen parlamentarischen Gremien.

Tabelle1

Tabelle 2

*keine ganze Legislatur

Fleiss zahlt sich aus

Die erstplatzierte Nationalrätin Humbel erklärt ihren Erfolg im Bundeshaus mit der Knochenarbeit hinter den Kulissen. «Wenn man eine Motion durchs Parlament bringen will, muss man viel Zeit investieren, um die Kollegen vom Sinn der Sache zu überzeugen.» Bei der Flut an Vorstössen sei das gar nicht so einfach. Besonders stolz sei sie, wenn eine Motion oder ein Postulat gegen den Willen des Bundesrates angenommen werde.

Tabelle 3

In ihren zahlreichen Verwaltungs- und Stiftungsratsmandaten bei Krankenkassen, Pflegheimen, Spitälern und Gesundheitsorganisationen sieht Humbel einen Vorteil für ihre politische Arbeit: «Wir müssen im Parlament noch mehr darauf achten, wie unsere Gesetze in der Praxis ankommen.» Defizite räumt sie bei ihrem Engagement in den sozialen Medien ein. Hier hätten ihre jungen Parlamentskollegen einen Vorteil.

Dass dem nicht so sein muss, zeigt das Beispiel der zweitplatzierten Nationalrätin, der Baselbieter SP-Frau Susanne Leutenegger Oberholzer. Sowohl auf Facebook als auch auf Twitter folgen der 67-Jährigen je über 5000 Personen. Damit stellt sie viele jüngere Kollegen in den Schatten. Sie sagt: «Auf Social Media kann ich rasch auf neue Entwicklungen reagieren. Das gefällt mir.»

Humbel Bruderer Montage

Auch sonst sei die aktuelle Legislatur ihre bisher erfolgreichste gewesen. Als Kommissions- und Fraktionssprecherin habe sie bei «Jahrhundert-Debatten» wie der Einführung des automatischen Informationstausches zuvorderst mitreden können. Mit 201 Wortmeldungen in den vergangenen vier Jahren stand kein Nordwestschweizer Nationalratsmitglied häufiger am Rednerpult als sie.

Milizpolitiker im Nachteil

Was die Rangliste auch zeigt: Berufspolitiker sind oftmals erfolgreicher als ihre Kollegen, die noch einem Beruf nachgehen. Das bestätigt SP-Nationalrat Beat Jans (BS), der es als zweitbester Mann auf Rang acht geschafft hat: «Parlamentarier haben viel um die Ohren. Wer sich hauptsächlich der Politik widmen kann, ist im Vorteil.»

Ebenfalls in den Fokus rückt das Ranking die weniger einflussreichen Politiker. Etwa den Solothurner CVP-Nationalrat Urs Schläfli. Unter allen Nationalräten, die die ganze Legislatur bestritten haben, belegt er den letzten Rang. Die Gründe liegen auf der Hand: In den sozialen Medien ist er kaum präsent, er sitzt nur in einer Kommission, kann keinen angenommenen Vorstoss vorweisen, wurde in den Medien kaum erwähnt und trat in vier Jahren nur 33 Mal ans Rednerpult. Schläfli sagt, er sei sich bewusst, dass er noch zu wenig wahrgenommen werde. Für die Wahlen vom 18. Oktober ist er optimistisch, räumt jedoch ein: «Es wird nicht einfach.»

Mit 10 000 Facebook-Freunden und fast 30 000 Twitter-Follower kann ihm keiner das Wasser reichen. Trotzdem lassen sich die Online-Aktivitäten der Politiker nicht auf das Alter reduzieren: Die SP-Damen Bea Heim (69) und Susanne Leutenegger Oberholzer (67) sind dem 29-Jährigen dicht auf den Fersen.

40'000 folgen SP-Nationalrat Cédric Wermuth in den sozialen Medien.

Mit 10 000 Facebook-Freunden und fast 30 000 Twitter-Follower kann ihm keiner das Wasser reichen. Trotzdem lassen sich die Online-Aktivitäten der Politiker nicht auf das Alter reduzieren: Die SP-Damen Bea Heim (69) und Susanne Leutenegger Oberholzer (67) sind dem 29-Jährigen dicht auf den Fersen.

Sein Vorsprung auf alle anderen Politiker – sogar den Zweitplatzierten Geri Müller – ist damit immens. Angriffe gegen andere Parteien und Provokationen platziert er geschickt. Auch sein Unfall bescherte ihm zuletzt viel Medienpräsenz.

6300 Mal wurde FDP-Präsident Philipp Müller in den letzten vier Jahren in der Presse erwähnt.

Sein Vorsprung auf alle anderen Politiker – sogar den Zweitplatzierten Geri Müller – ist damit immens. Angriffe gegen andere Parteien und Provokationen platziert er geschickt. Auch sein Unfall bescherte ihm zuletzt viel Medienpräsenz.

Der Solothurner Bauer sitzt fast immer im Saal, wenn er abstimmen muss – und hat darum die höchste Präsenzzeit der Politiker der Nordwestschweiz. Dafür punktet er weder mit eigenen Vorstössen noch meldet er sich häufig in den Ratsdebatten zu Wort.

99,31 Prozent der Abstimmungen bestritt CVP-Nationalrat Urs Schläfli in dieser Legislatur.

Der Solothurner Bauer sitzt fast immer im Saal, wenn er abstimmen muss – und hat darum die höchste Präsenzzeit der Politiker der Nordwestschweiz. Dafür punktet er weder mit eigenen Vorstössen noch meldet er sich häufig in den Ratsdebatten zu Wort.

Unter den Nordwestschweizer Nationalräten kann niemand mehr angenommene Postulate, Motionen und parlamentarischen Initiativen vorweisen. Insgesamt reichte die SP-Nationalrätin rund 150 Vorstösse ein.

8 Vorstösse brachte Bea Heim seit Dezember 2011 erfolgreich durchs Parlament.

Unter den Nordwestschweizer Nationalräten kann niemand mehr angenommene Postulate, Motionen und parlamentarischen Initiativen vorweisen. Insgesamt reichte die SP-Nationalrätin rund 150 Vorstösse ein.