Stéphanie Niederhauser öffnet im Statthalteramt von Courtelary die Tür. Während in Biel noch der Nebel sitzt, lacht hier, im Tal von Saint-Imier, schon die Sonne. Auch die 49-jährige Statthalterin, die im Berner Jura die bernische Regierung vertritt, hat ihr Lächeln nicht verloren. Und das, obwohl sie in den vergangenen Tagen zwischen die Linien des Jurakonflikts geraten ist. Keine drei Tage sind es her, seit Niederhauser ihren umstrittenen Entscheid publik machte. Mit ihrer Unterschrift unter einen Stapel Papier, der so dick ist wie ein Pflasterstein, bescheinigte sie: Die siebzehn Monate zurückliegende Abstimmung im gespaltenen Moutier ist ungültig. Das Städtchen im Berner Jura hatte sich am 18. Juni 2017 hauchdünn für den Wechsel zum Kanton Jura ausgesprochen.

Ein Kind der Jura-Frage

Sie habe einen politisch motivierten Entscheid gefällt, lautet der Vorwurf an Niederhauser. Sie habe ihre justizielle Kompetenz als Regierungsstatthalterin missbraucht und im Interesse der Berner Regierung gehandelt. Im Idyll Courtelary scheinen die Vorwürfe an Niederhauser weit weg. 30 Kilometer und zwei enge Juraschluchten liegen zwischen Moutier und dem Sitz des Statthalteramtes des Kreises Jura Bernois. Im Garten vor dem Schloss von Courtelary ragt die Berner Flagge in den Himmel. Hier sind zwei Kantone eng ineinander verzahnt. In der Schweiz ist es nichts Aussergewöhnliches, und doch fällt es im Lichte des in Moutier neu aufgeflammten Zwistes auf. Ablesen lässt sich dies auf der Hauptstrasse, wo vornehmlich Autos mit Berner und Jura-Nummernschildern vorbeirauschen.

Niederhauser selbst ist als Tochter eines Emmentalers und einer Freiburgerin inmitten der ideologisch geführten Jura-Frage aufgewachsen. Den Separatismus erlebte sie von klein auf mit, doch er habe ihre Kindheit nicht geprägt. Ihre Eltern seien nicht militant gewesen, sagt Niederhauser im Innern der Schlossmauern. «Sie hatten zwar ihre Meinung, sprachen aber nicht darüber», so die Statthalterin. Als der Kanton Jura 1979 geboren wurde, war Niederhauser neun Jahre alt und lebte in Court, der Nachbargemeinde Moutiers. Zwei Jahrzehnte später begann sie als kaufmännische Angestellte auf dem Statthalteramt zu arbeiten. Zu jener Zeit wohnte sie während zehn Jahren in Moutier. Der separatistische Stadtpräsident Marcel Winistoerfer – «er war übrigens ein ausgezeichneter Lehrer» – unterrichtete damals an der Schule ihre Tochter. «Wenn ich dort ein Haus gefunden hätte, würde ich vielleicht noch immer dort wohnen», sagt Stéphanie Niederhauser. Sie schwärmt vom Städtchen, in dem sie sich am Montag bei der Hälfte der Bevölkerung äusserst unbeliebt machte.

Der schwierige Beginn

In zwanzig Jahren auf dem Statthalteramt arbeitete sich Niederhauser von der Sekretärin zur Stellvertreterin hoch. Letztes Jahr wählte der Jura Bernois die Freisinnige zur neuen Statthalterin. Auf dem Schreibtisch warteten die Beschwerden aus Moutier.

Als die «Berner Zeitung» im Frühling nach Courtelary reiste, sprach Niederhauser noch offenherzig über das Moutier-Dossier. «Es macht mich traurig, dass der Konflikt nach Jahren der Beruhigung in Moutier wieder ein Problem ist», sagte sie etwa. Oder: «In meiner Arbeit bemühe ich mich, komplett neutral zu sein, meine Richtschnur sind nicht Emotionen, sondern das Recht.» Und: «Ich habe in Moutier gelebt und kann dort mit beiden Seiten reden.»

Statthalterin schweigt

Drei Tage, nachdem Niederhauser die Abstimmung annulliert hat, erwidert die Statthalterin auf sämtliche Fragen, die den Fall Moutier berühren: «Je ne réponds pas à cette question.» Der Druck auf ihre Person ist zu gross geworden. Zudem handelt es sich um ein laufendes Verfahren, das Urteil dürfte weitergezogen werden. So will Niederhauser auch nicht verraten, ob sie nach dem umstrittenen Urteil das Städtchen Moutier besucht hat. Wie sie mit den Attacken auf ihre Person umgeht, will sie ebenso wenig preisgeben. Über die Rolle der Regierungsstatthalterin im allgemeinen Sinn spricht Niederhauser aber. Sie finde es gut, dass es im Kanton Bern die Statthalter-Instanz gebe, die mit einem erstinstanzlichen Verwaltungsgericht vergleichbar ist. «Wir sind viel näher dran, haben gerade in einem derart grossen Kanton den direkten Draht zu den Menschen.»

Im Jura Bernois, einem von zehn Verwaltungskreisen im Kanton Bern, sind Niederhauser 40 Gemeinden unterstellt. Die Mehrzahl wird von parteilosen Gemeindepräsidenten geführt. Auch deshalb hätten viele die Füsse auf dem Boden, und es sei sehr angenehm, mit ihnen zu arbeiten. Obwohl sie die Regierung vertrete, gebe diese keine Anweisungen. «Wir machen alle vier Jahre während sechs Monaten Politik», sagt Niederhauser. Dann nämlich, wenn Wahlen anstehen.