Lebensmittel
«Die Zulassung von Insekten ist nicht ganz trivial»

Sie liefern gesunde Proteine, benötigen wenig Energie und wenig Futter in der Herstellung und sollen ab nächstem Jahr unseren Speiseplan bereichern: Heuschrecken, Mehlwürmer und Grillen werden ab Mitte 2016 zum Verzehr zugelassen.

Anna Wanner
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Isabelle Chevalley beisst gleich in ein Grillen-Praliné.Alessandro della valle/Keystone

Isabelle Chevalley beisst gleich in ein Grillen-Praliné.Alessandro della valle/Keystone

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Von Hauskaninchen, über Frösche, Mantel-, Krebs- und Weichtiere bis hin zu kamelartigen Huftieren steht dem Gourmet in der Schweiz alles zum Verzehr frei. Explizit verboten ist hingegen das Verspeisen von Fleischfressern (ausser Landbären) sowie Affen und Halbaffen. Von der Gruppe der Nagetiere sind nur Murmeli und südamerikanische Ratten «zur Lebensmittelgewinnung» zugelassen, wie es in der Verordnung heisst.

Insekten tauchten in der Liste bisher nicht auf – sie waren weder verboten noch erlaubt. Der Bundesrat hielt indes fest: «Konsumentinnen und Konsumenten dürfen Insekten, die sie in der Natur sammeln oder selber züchten, verspeisen.» Wer eine Ameise im Wald findet, darf sie essen. Der Verkauf, ja bereits das Abgeben und Anbieten von Insekten, war bis anhin aber verboten.

Die Umweltbilanz überzeugt

Revidiertes Lebensmittelgesetz

Wenn auf einer Tagescreme steht, sie versorge die Haut 24 Stunden lang mit Feuchtigkeit, muss das der Hersteller künftig belegen können. Dies ist eine von vielen Änderungen, die gestern im Rahmen des revidierten Lebensmittelgesetzes vorgeschlagen wurde. Neu muss auch die Herkunft von Lebensmitteln besser deklariert werden, etwa die Heidelbeeren im Heidelbeerjoghurt. Bei Fleischstücken muss Geburts-, Wohn- und Schlachtort aufgeführt sein. Bei Fischen das Fanggebiet und Fanggerät. Ausserdem sollen Lebensmittel schneller auf dem Markt zugelassen werden, weil sie nicht mehr einzeln eine Bewilligung brauchen.

Das Insekten-Start-up Essento vergleicht deren Goût mit einer Nuss oder Poulet und gibt sich überzeugt, dass die Tiere «vielfältigen Geschmack in die Schweizer Küchen bringen». Neben einem «hervorragenden Nährwert» preisen die Jungunternehmer aus der Ostschweiz auch die ressourcenschonende und umweltfreundliche Herstellung.

Aus diesem Grund weibelte die grünliberale Nationalrätin Isabelle Chevalley für die Zulassung von Insekten als Nahrungsmittel: «Pro Hektare können nämlich sehr viel mehr Insekten- als Tierproteine hergestellt werden: 10 Kilo Nahrung ergeben 9 Kilo Insekten, jedoch nur 1 Kilo Rind.»

Umsetzung «nicht trivial»

Trotz guter Umweltbilanz lehnte der Bundesrat die Zulassung ab. Es müsse belegt werden, dass die Insekten bei «ihrem üblichen Gebrauch die Gesundheit nicht gefährden». Dazu fehlten verlässliche Daten, die aufzeigen, dass die zum Verzehr vorgesehenen Insekten keine giftigen Substanzen enthalten, die bei einem erhöhten Konsum die Gesundheit schädigen können. Es bedürfe zusätzlicher Forschung, um die Verordnung zu ändern und die Abgabe von Insektenarten als Lebensmittel zu ermöglichen, schrieb der Bundesrat 2014.

Die Umstände haben sich innert Jahresfrist kaum geändert. «Die Zulassung von Insekten ist nicht ganz trivial», sagte Michael Beer, Vizedirektor BLV, und verwies auf ein «gewisses» Allergiepotenzial und Probleme, Lebensmittelstandards bei Massenproduktion einzuhalten. Bei den drei Insekten handle es sich um Arten, über die man schon viel wisse, sagte Beer. Ob sie sich auf dem Teller gegen Rind und Schwein durchsetzen, hängt aber immer noch vom Konsumenten ab.