Für eine Pässefahrt mit dem Postauto war der Gotthard nie mein liebster Alpenpass. Der Nufenen oder die Grimsel machen mir grösseren Eindruck. Auch für eine Bergwanderung gibt es schönere und interessantere Übergänge zur Alpensüdseite als jenen über den Gotthard.

Selbst für eine bequeme Reise nach Italien wählte ich selten den Gotthard. Von meinem einstigen Wohnort Bern aus schien mir die Bahnstrecke durch den Lötschberg und weiter nach Domodossola stets naheliegender. Die Autostrecke über den San Bernardino ist normalerweise weniger verstopft. Der Grossglockner in Österreich ist höher, weiter und imposanter.

Doch eigenartigerweise ist der Gotthard trotz alledem immer der erste Name, der mir zum Stichwort Alpenpass einfallen will. Für mich war der Gotthard schon immer mehr als ein Pass, er war und bleibt ein Auslöser unterschiedlichster Assoziationen.

Das muss unter anderem mit ein paar kulturellen Früherinnerungen zu tun haben, die mein Bild vom Gotthard geprägt haben. Da war zunächst Emils Kabarettstück von der Kirche in Wassen. Diese Nummer, in der Emil als Bahnfahrer seine Mitreisenden mit dem Blick auf die Kirche von Wassen nervt («Regardez la l’église!»), bleibt unvergessen.

Ähnlich verhält es sich mit jenem Kapitel aus dem Kinderbuchklassiker «Mein Name ist Eugen» von Klaus Schädelin, in dem die Romanhelden auf der Bahnfahrt ins Tessiner Pfadilager die Kehrtunnel der Gotthardstrecke experimentell nachzuweisen versuchen.

Doch die prägendste Geschichte im Zusammenhang mit dem Gotthard bleibt zweifellos die Sage von der Teufelsbrücke in der Schöllenen. Vor dem Bau des Strassentunnels fuhr unsere Familie zuweilen über den Gotthardpass ins Tessin. Die Fahrten erschienen uns Geschwistern unendlich lang. Etwas Kurzweil versprach nur die Geschichte besagter Brücke. Es gab keine Tessinfahrt, an der wir uns nicht vom Vater diese Sage erzählen liessen. Er kam diesem Ansinnen immer gerne nach. Und wissend, dass wir alle die Grundzüge der Geschichte längst kannten, bemühte er sich bei jeder Neuerzählung um zusätzliche Ausschmückungen.

Wenn der Teufel fahrig wird

Die Urner wollten eine Brücke über die Reuss bauen. Doch der Bau war zu gefährlich und gelang ihnen nicht. Da habe der Landammann gerufen: «Soll doch der Teufel diese Brücke bauen!» Tatsächlich erschien den Urnern gleich der Leibhaftige und machte ihnen ein Angebot. Er werde ihnen eine solide Brücke bauen, wenn sie ihm dafür die Seele des ersten Benutzers der Brücke überliessen.

Die Urner schickten als ersten einen Geissbock über die neue Brücke. Mit dieser List erzürnten sie den Teufel so sehr, dass er am Berg einen Felsbrocken auflud, um sein Werk gleich wieder zu zerstören. Doch eine fromme Frau, die dem Teufel zufällig begegnete, ritzte ein Kreuz in den Fels. Das Kreuz brachte den Teufel durcheinander, sodass er die Brücke mit seinem Wurf des Felsbrockens verfehlte. Der Fels landete im Talboden, wo er bis heute besichtigt werden kann. Die Brücke blieb den Urnern erhalten.

Die Fahrt durch den Gotthard ins Pfadilager ist für die Protagonisten im Musical «Mein Name ist Eugen» der Beginn weiterer Abenteuer. Walter Bieri/Keystone

Die Fahrt durch den Gotthard ins Pfadilager ist für die Protagonisten im Musical «Mein Name ist Eugen» der Beginn weiterer Abenteuer. Walter Bieri/Keystone

Ich lauschte den Ausführungen jeweils mit jener Mischung aus Faszination und Angst, die einen schon in jungen Jahren dazu verführen kann, Gruselgeschichten zu mögen. Die Sage von der Teufelsbrücke wurde mit jeder Wiederholung besser, bunter und spannender. Viele Details daraus drangen in die Tiefen meines kindlichen Unterbewusstseins. Noch heute fürchte ich den Teufel vom Gotthard mehr als jedes andere literarische Ungeheuer.

Gegenwärtig ist meine Wahrnehmung des Gotthards jedoch dran, sich grundsätzlich zu verändern. Das Bild eines übernatürlich entstandenen, gleichsam diabolischen Alpenübergangs wird allmählich von einem neuen, nicht weniger poetischen Bild überlagert. Der längste Bahntunnel der Welt kürzt die Distanz zwischen dem deutschschweizerischen und dem italienischen Kulturraum markant.

Damit kann der Basistunnel als wunderbare Metapher für menschliche Annäherung verstanden werden. Der Tunnelbau steht als Antithese zum Mauerbau. Der Basistunnel ist die neue Teufelsbrücke, aber ohne teuflische Komponente. Diese nun eröffnete Verbindung musste nicht mit einer Seele erkauft werden.

Die Sage vom Geissbock, mit dem die Urner den Teufel übers Ohr hauten, wird auch Teil der Feierlichkeiten zur Eröffnung des neuen Tunnels sein.

Die Sage vom Geissbock, mit dem die Urner den Teufel übers Ohr hauten, wird auch Teil der Feierlichkeiten zur Eröffnung des neuen Tunnels sein.

Einen Preis hat sie dennoch: Teile des Urnerlands und der Leventina verschwinden allmählich aus unserer Wahrnehmung. Der gewohnheitsmässige Blick aus dem Bahnfenster auf das altehrwürdige Eisstadion des HC Ambrí-Piotta zum Beispiel wird nicht mehr möglich sein. Ortschaften, die dank der alten Gotthardstrecke eine gewisse Bedeutung hatten, können zu Geisterdörfern werden, wenn sie es nicht ohnehin schon sind.

Doch bleiben wir beim Verbindenden. Gerade in dieser Zeit, in der etliche Staaten beabsichtigen, neue Grenzzäune zu errichten, bildet der neue Gotthardtunnel einen symbolischen Gegenentwurf zum isolationistischen Trend in manchen Ländern Europas. Denn während andernorts künstliche Barrieren aufgebaut werden, baut dieser Tunnel natürliche Barrieren ab.

Zwar werden durch den Basistunnel nicht direkt zwei Länder verbunden, dafür können zwei Kulturen näher zueinander rücken. Und in grösseren Zusammenhängen gesprochen rückt Italien näher an den Rest Europas.

Ein Tunnel durchs Reduit

Dass dies ausgerechnet am Gotthard passiert, in jener Alpenregion, die in früheren Zeiten als Reduit für die Schweizer Armee vorgesehen war, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Zeit der geschlossenen Höhlen des Rückzugs ist endgültig abgelaufen. Die Zukunft gehört den offenen Höhlen, dem Durchzug.

Um die Chancen dieses Näherrückens zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin zu nutzen, wird es freilich mehr brauchen als Symbolik. Die kürzere Reisezeit wäre verschwendet, würde sie bloss zum Freizeitvergnügen genutzt werden. Die neue Nähe hat Potential zu mehr. Ein vermehrter Austausch zwischen Schulklassen oder Studierenden wäre ein möglicher Anfang.

Der Gotthard wird die Schweiz dem Ausland näher bringen:

Wie wird der neue Tunnel durch den Gotthard die Schweiz verändern?

Wie wird der neue Tunnel durch den Gotthard die Schweiz verändern?

Das sagen Doris Leuthard, Moritz Leuenberger und Adolf Ogi.

Und wer weiss, vielleicht steht irgendwo schon eine Nachwuchsautorin oder ein Jung-Dramatiker in den Startlöchern, um Emils Sketch über die Kirche von Wassen mit einem künftigen Basistunnel-Klassiker zu ersetzen. Möglicher Arbeitstitel: «Aprite le frontiere! Handschlag statt Schlagbaum!»