Spezialausgabe

«Die Zersiedelung will niemand stoppen»

Benedikt Loderer, Chefredaktor der Architekturzeitschrift «Hochparterre», hält wenig vom Eigenheim auf dem Lande.  zvg

Benedikt Loderer, Chefredaktor der Architekturzeitschrift «Hochparterre», hält wenig vom Eigenheim auf dem Lande. zvg

Der Architekt Benedikt Loderer über das Dorfsterben, Agglomerationskrebs im Mittelland und die Hüslipest. Die Wucherung der Häuser findet er bösartig und sie koste unser bestes Kulturland.

Wir schreiben, dass wir eine Stadt sind – Sie hingegen wettern gegen bösartigen Agglokrebs. Warum?

Benedikt Loderer:Schauen Sie das Mittelland an, es ist befallen vom Agglomerationskrebs. Wo man das ohrenmarternde Geräusch des Rasenmähers hört oder Thujahecken findet, dort ist Agglomeration. Und die Wucherung wird bösartiger. Sie kostet unser bestes Kulturland und wird gesamtgesellschaftlich teurer. Wenn unsere Ansprüche an die Wohnfläche noch um 10 Quadratmeter steigen, brauchen wir – nur schon für die, die bereits hier sind – nochmals 20 Prozent mehr Platz. So wird aus dem Mittelland eine Mittelstadt.

Mittelländer als Städter?

Die Agglomeration ist die heutige Form der Stadt – nach dem Modell Los Angeles. Dörfer gibt es keine mehr. Das Dorf ist eine unserer Lebenslügen, der Aberglaube, eine Bauernnation zu sein. Der Stadt-Land-Gegensatz ist zur Illusion geworden. Die Bewohner der Agglomerationen sind keine Dörfler, sie haben städtische Lebensformen. Sie bewirtschaften ihr Land nicht, sie konsumieren es als persönlichen Luxus. Darum brauchen auch alle ein Auto, wer keines hat, verhungert, weil es in den Dörfern keine Läden mehr gibt.

Wehren sich die Bauern gegen den Ausverkauf ihres Landes?

Das ist eine Minderheit, jene, die auch in Zukunft Bauern bleiben wollen. Die andern warten auf den richtigen Moment, um ihr Land zu verkaufen. Sie können auch etwas anderes arbeiten. Die Hüslipest breitet sich weiter aus.

Mit einem Einfamilienhaus erfüllen sich viele Bürger einen Traum.

Natürlich, sie wohnen glücklich in ihrem Sparschwein. Die Hüslimenschen sind aber philosophisch nicht haltbar, weil sie das Land kaputtmachen. Sie sind reine Konsumenten, Landfresser, nicht Landpfleger. Bös ausgedrückt: Aus Kuchen wird Kacke. Auch der Dünger ist wertvoll, aber auf einem niedrigen Niveau. Sie düngen ihren Rasen, vergiften den Boden. Früher hatte man noch ein
paar Gemüsebeete, heute produzieren sie in ihren Gärten nur Blumen. Und das Roboterli äst den Rasen. Aber Hausbesitzer sind nicht auf moralische Belehrungen erpicht, ihre philosophische Haltbarkeit ist ihnen wurst, sie interessiert nur der tiefe Hypothekarzins.

Wegen Einfamilienhausbesitzern verändert sich das Mittelland?

Es gibt ein stillschweigendes Staatsziel in der Schweiz: Wir sind reich, wollen reich bleiben und noch reicher werden. Wenn wir uns 50 Quadratmeter Wohnfläche pro Person leisten können, tun wir das. Vor einer Generation waren es noch 30 Quadratmeter. Diese Entwicklung plus Bevölkerungswachstum und Zuwanderung führen zur Zersiedlung. Es ist unsinnig, zu meinen, man könne das mit Appellen oder raumplanerischen Massnahmen einschränken. Solange wir Geld haben, legen wir das in Wohnkomfort an. Das Resultat sehen Sie zwischen Aarau und Olten.

Viele Gemeinden locken weiterhin Neuzuzüger mit guten Angeboten. Haben sie zu viel Autonomie?

Natürlich. Denn offiziell sind alle Kantone, Gemeinden und Politiker, ja auch die Agglomeriten selbst gegen Zersiedelung. Gleichzeitig fördern sie diese alle aktiv. Die Gemeinden glauben, wenn sie Hüsli pflanzen, bekommen sie gute Steuerzahler und werden reicher.

Dafür opfern sie alle Grünflächen?

Klar, Predigten von Landesplanung und ästhetische Argumente gegen die Zersiedelung scheitern daran, dass die Leute ihre Träume vom Eigenheim verwirklichen wollen und das Geld dafür haben. Aber ästhetisches Gejammer bringt nichts, sondern wir sollten schweizerisch-geldorientiert sagen: Ihr Hüslibesitzer müsst bezahlen, was ihr uns kostet, nämlich, den Aufwand der Erschliessung und der Erhaltung der Infrastruktur der Agglomerationen. Dann wären viele Wohnlagen nicht mehr so günstig.

Dafür bezahlen sie schon Steuern.

Viel zu wenig. Zudem werden sie als Hausbesitzer begünstigt, ihre Bahnabos werden verbilligt statt verteuert, ihre Pendlerpauschalen können sie bei den Steuern abziehen, ihre Hypothekarschulden auch. Sie wohnen auch meist in steuergünstigen Gemeinden. Deshalb konsumieren die Hüslibesitzer auf Kosten der andern und der nächsten Generationen.

Wer stoppt diese Entwicklung?

Zersiedelung will niemand stoppen, weil sie für zu viele eine Erfolgsgeschichte ist. Weder die Gemeinden, die neue Steuerzahler anziehen wollen, noch die Wirtschaft, die bauen will, noch die Banken, die ihre Hypotheken verkaufen wollen.

Aber der Platz ist beschränkt.

Es hat im Mittelland noch viel Grünfläche, da kann man alles viel vollpflanzen. Zersiedelung ist der Ausdruck unseres Reichtums und das Resultat unseres Wohlstands. Niemand baut ein Haus, wenn er nicht sicher ist, dass er seinen Arbeitsplatz morgen auch noch hat. Die Hüslipest wird erst gestoppt, wenn wir kein Geld mehr haben.

Dennoch macht sich bei vielen Unmut breit über die Bauwut.

Klar, die Leute wehren sich gegen den Ausverkauf der Landschaft – aber erst, wenn jemand vor ihrem Haus baut. Jedermann ist gegen die Zersiedelung, aber daran sind die neureichen Neuzuzüger schuld. Einen Beitrag zur Zersiedelung leisten immer die anderen. Nur der Gemeindekassier freut sich über Neuzuzüger.

Was wäre dann eine Lösung? Das Zauberwort «verdichten» löst vor allem Angst vor Enge aus.

Verdichten müsste man dort, wo es locker ist, wo die Infrastruktur bereits gebaut ist. Also am besten in bestehenden Einfamilienhäuserzonen. Aber verdichten in einem Land, wo die Eigentumsgarantie die Nationalreligion ist? Schwierig, niemand gibt sein Rosengärtchen her. Alle wollen Verdichtung – nur nicht bei mir. Das weiss jeder Politiker, darum ist er für die Verdichtung, einfach anderswo, wo es seine Wähler nicht betrifft.

Dann werden wir also doch langsam zu einer Grossstadt?

Ja. Solange der Konsum als etwas Erstrebenswertes gilt, wird konsumiert. Nicht nur Reisen und Natur, sondern auch Schweizerland. Damit sind alle zufrieden. Leute dazu zu bringen, weniger Land zu verbrauchen, solange sie es sich leisten können, ist eine pädagogische Grossaufgabe. Es kommt nie ein Hausbesitzer und sagt: Es ist unhaltbar, ein Haus mit Umschwung zu haben. Erst wenn die Entwicklungsgeschwindigkeit abnimmt, hört auch Zersiedelung auf.

Letzte Frage: Wie viel Wohnfläche brauchen Sie persönlich?

Wir wohnen zu zweit in einer Altstadtwohnung in Biel, Gesamtfläche 120 Quadratmeter. Das ist unanständig viel.

Benedikt Loderer. Architekt, Stadtwanderer, Gründer und ehemaliger Chefredaktor von «Hochparterre», der Zeitschrift für Architektur und Gestaltung.

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