Die Armee sei ausgedünnt, sagt der Bundesrat. Die Mehrheit der Formationen sei personell unterbesetzt. Diese Lücken führten dazu, dass die Verbände die geforderte Leistung «nicht oder nur reduziert erbringen können und insbesondere die Durchhaltefähigkeit eingeschränkt ist». Die Hauptursache für das Personalproblem der Armee sieht der Bundesrat in den vielen Abgängen zum Zivildienst.

Im Februar schickte er deshalb eine Vorlage ans Parlament, die zusätzliche Hürden vorsieht. Wer Zivildienst leistet, der soll mindestens 150 Diensttage absolvieren müssen – gegenüber heute müssten damit all jene länger Dienst tun, die nach dem ersten Wiederholungskurs von der Armee in den Ersatzdienst wechseln. Fertig ausgebildete Rekruten sollen nach der Gesuchseinreichung zudem ein Jahr warten müssen, bis sie zum Zivildienst zugelassen werden. Das sind zwei von mehreren Massnahmen, mit denen die Zahl neuer Zivis «substanziell» sinken soll.

Doch die Zahl sinkt bereits jetzt, ganz ohne Gesetzesanpassungen. Im vergangenen Jahr wurden rund 6200 Personen und damit 500 weniger als im Vorjahr in den Zivildienst eingeteilt – damit stiegen die Zulassungen erstmals seit sieben Jahren nicht weiter an. Und der Rückgang hat sich in der ersten Hälfte des laufenden Jahres fortgesetzt, wie das Bundesamt für Zivildienst am Donnerstag mitteilte.

Besonders die Zahl der «Abschleicher» geht zurück

Besonders schmerzlich sind für die Armee die Abgänge nach absolvierter Rekrutenschule. Die Truppe verliere damit aufwendig ausgebildete Soldaten, argumentiert der Bundesrat. Die «Abschleicher» stehen denn auch im Fokus der geplanten Verschärfungen. Doch gerade ihre Zahl ist zuletzt besonders stark zurückgegangen: Um 17 Prozent im vergangenen Jahr und um weitere 14 Prozent im ersten Halbjahr 2019.

Der Rückgang fällt zusammen mit den Anstrengungen der Armee, den Militärdienst attraktiver zu machen. Mit der Weiterentwicklung der Armee will das Militär den Einstieg in die Rekrutenschule angenehmer gestalten: Die Rekruten müssen in den ersten Wochen keine Leistungsmärsche absolvieren, weniger Gewicht tragen, dürfen öfter einmal von den Kampfstiefeln auf zivile Schuhe wechseln und erhalten mindestens sechs Stunden Schlaf. Zudem ist es inzwischen einfacher, die Kaderausbildung im Militär mit einem Studium zu kombinieren.

Ist der Rückgang bei den «Abschleichern» eine direkte Folge dieser Massnahmen? Die Armee übt sich in Zurückhaltung: «Tendenzen sind erst über einen längerfristigen Zeitraum erkennbar», sagt Sprecher Stefan Hofer.

Zivildienstverband: Armee kann ihr Personalproblem selber lösen

Klar ist der Fall hingegen für den Zivildienstverband Civiva. Der Rückgang der Zulassungen zeige, dass die Armee ihr Personalproblem selber lösen könne. «Die geplanten Einschränkungen des Zivildienstes sind unnötig – und in erster Linie politisch motiviert», sagt Co-Präsident Samuel Steiner. Der zivile Ersatzdienst werde zum Sündenbock gemacht.

Aus den jüngsten Zahlen lasse sich tatsächlich noch kein Trend ablesen, sagt Steiner, «aber sie deuten auf eine Konsolidierung hin». Zwar könnten die Zulassungen auch wieder steigen, die Zahl werde sich aber wohl auf dem Stand des vergangenen Jahres einpendeln.

Für den Bundesrat sind 6200 neue Zivis pro Jahr allerdings zu viele: Zulassungen in dieser Grössenordnung gefährdeten die Armeebestände. Die von ihm vorgeschlagenen Verschärfungen sind im Parlament aber ins Stocken geraten: Die Sicherheitspolitiker des Ständerats wollen zuerst abklären, ob der Zivildienst allenfalls mit dem Zivilschutz zusammengeführt werden könnte.

Der Zivildienstverband lehnt die Fusion der beiden Dienste zwar kategorisch ab, die Verzögerung ist gemäss Samuel Steiner aber positiv: «Damit wird das neue Parlament über die Verschärfungen entscheiden. Und dieses wird wohl weniger zivildienstkritisch eingestellt sein.»