Wochenkommentar
Die Wutbürger auf der Wohlstandsinsel Schweiz: Alles halb so schlimm

Uns Schweizern geht es gut, trotzdem scheint der Unmut gross wie nie. Diese Situation ist paradox. Mehr Gelassenheit und Zuversicht würde uns gut tun – der Wochenkommentar von az-Chefredaktor Christian Dorer.

Christian Dorer
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Schweizer haben kaum Grund zum Klagen - tun es aber trotzdem.

Schweizer haben kaum Grund zum Klagen - tun es aber trotzdem.

Keystone

Jeder braucht ab und zu Glück im Leben. Wir Schweizer jedoch hatten alle bereits vor unserer Geburt Glück, ja unverschämtes Glück sogar: dass wir zu jenem Promille der Menschheit gehören, das in diesem Land lebt. Diese Feststellung hat nichts mit Patriotismus zu tun, sondern mit wirtschaftlicher Realität: Die Schweiz gehört zu den reichsten Ländern der Welt, und das eröffnet jedem Einzelnen von uns Möglichkeiten, die nur wenige Menschen auf der Welt haben.

Christian Dorer, Chefredaktor

Christian Dorer, Chefredaktor

Aargauer Zeitung

Am Donnerstag hat der Bundesrat amtlich bestätigt, dass es uns gut geht. Er hat einen «Wohlstandsbericht» publiziert, den zweiten nach 2004, und daraus geht hervor: In den vergangenen zehn Jahren sind Einkommen und Vermögen in der Schweiz gewachsen. Das verfügbare Einkommen ist nach Abzug aller Steuern, Sozialbeiträge und sonstigen Abgaben um vier Prozent gestiegen. Kaufkraftbereinigt liegt die Schweiz knapp hinter Luxemburg und Norwegen auf Platz 3 in Europa. Die Gelder sind zwar nach wie vor ungleich verteilt, die Schere zwischen oben und unten hat sich jedoch nicht weiter geöffnet.

Wer in der Schweiz lebt, hat unendlich viele Möglichkeiten

Ja, die Schweiz ist ein Paradies. Hier kann sich der arme, aber clevere Migrantenbub zum Multimillionär hocharbeiten – in vielen Ländern bestimmt die Herkunft, was aus einem wird oder eben meist nicht wird. In der Schweiz sorgen AHV, IV, Pensionskasse, Arbeitslosenversicherung, Krankenkasse, Erwerbsersatz und Sozialhilfe dafür, dass niemand durch die Maschen fällt.

Jeder Lehrabgänger kann ein paar wenige Monate lang jobben und mit dem Verdienst um die Welt reisen. All das ist einzigartig. Es geht uns so gut wie noch nie. Und trotzdem gewinnt man den Eindruck, wir seien unzufriedener geworden.

Zu diesem Schluss führt etwa die Flut von Initiativen, mit denen unser System radikal verändert werden soll – Abzocker, 1:12, Erbschaftssteuer, Mindestlohn, Masseneinwanderung, dann die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen und die Ecopop-Initiative zur Beschränkung von Bevölkerung und Wachstum.

Neu ist nicht nur die Anzahl dieser radikalen Initiativen, sondern auch, dass diese Chancen haben, angenommen zu werden. Alt Bundesrat Kaspar Villiger sagte diese Woche zu dieser Zeitung (das «Montagsinterview» mit ihm erscheint übermorgen): «Vielleicht ist dies die Folge von Ängsten, welche durch die täglichen Horrormeldungen aus aller Welt entstehen und die den realen Gefahren nicht entsprechen. Die Leute wollen dann einfach ein Zeichen setzen.»

Schweizer Politiker von links bis rechts beschwören Ängste herauf

«Wutbürger» wurde bereits 2010 zum deutschen Wort des Jahres gewählt und karikiert den älteren, konservativen, eher wohlhabenden Bürger, der das Vertrauen in die Politiker verloren hat und seinen Protest an der Urne zum Ausdruck bringt. Eben: Ein Zeichen setzt. Die Schweizer Politiker tun aber auch alles, um den Eindruck zu erwecken, es sei Matthäi am Letzten: Die SVP beklagt, die Schweiz werde von der EU ihrer Souveränität beraubt, und will die Schweiz deshalb in die Isolation führen.

Die Linke beklagt die angeblich wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft und will deshalb noch mehr staatliche Umverteilung.

Die Mitte beklagt die zunehmende politische Polarisierung und den Schaden, der aus radikalen Initiativen entstehe. Alle sind am Warnen, Drohen, Ängste-Schüren. Keiner steht hin und sagt: Uns geht es gut, wir sind auf dem richtigen Weg und müssen eigentlich nur da und dort ein wenig adjustieren.

Wir sollten wieder vermehrt das Positive im Blickfeld haben

Wir müssen nicht in Selbstbeweihräucherung verfallen. Wir sollten aber wieder stärker das Positive im Blickfeld haben. Offenbar ist das gar nicht so einfach: Der Psychologe Paul Rozin hat mit verschiedenen Experimenten nachgewiesen, dass das Negative das Positive aussticht; so kann eine einzige Schabe die Anziehungskraft einer Schüssel Kirschen völlig ruinieren, während eine Kirsche in einer Schüssel voller Schaben keinen Unterschied macht. Negative Eindrücke entstehen schneller und sind schwieriger zu widerlegen als das positive Pendant.

In der Schweiz kommt dazu: Wer viel hat, kann auch viel verlieren und läuft Gefahr, in ständiger Angst vor dem Verlust zu leben. Wer nichts hat, der kann nur gewinnen und lebt dadurch oft unbekümmerter.

Und natürlich: All die Gefahren, die wir täglich sehen, sind durchaus real. Da sind die Massen von Flüchtlingen, die aus Afrika nach Europa wollen. Die EU-Staaten, die verschuldet sind wie noch nie. Die Kämpfe in der Ukraine, in Syrien, im Irak, im Nahen Osten, in Nordafrika. Die Welt, die immer komplexer und schneller wird und in der wir uns fragen: Können wir auf Dauer noch mithalten?

Trotzdem würde uns etwas mehr Gelassenheit und Zuversicht guttun. Es ist ungesund, sich auf Vorrat Sorgen zu machen. Das kann man dann immer noch, wenn sich der Himmel verdunkelt.

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