Nationalfeiertag
Die vielen Farben der Schweiz

Ob in Rio, in Bern oder auf dem Säntis – überall feiern Schweizer die Schweiz. Eine Collage

Anna Wanner und Daniel Vizentini
Drucken
Teilen
Auch das Essen muss passen: Am Nationalfeiertag gehören «Gschnetzlets» , Cervelat oder «Röschti» – wie hier in Bussy-Chardonney VD – auf den Teller. JEAN-CHRISTOPHE BOTT/Keystone

Auch das Essen muss passen: Am Nationalfeiertag gehören «Gschnetzlets» , Cervelat oder «Röschti» – wie hier in Bussy-Chardonney VD – auf den Teller. JEAN-CHRISTOPHE BOTT/Keystone

KEYSTONE

«Düü daa doo!» Alle halbe Stunde hallt das Horn eines alten Postautos durch die Bundesgasse. Die PTT, das Warnsignal – wahrscheinlich gibt es wenig Typischeres für die Schweiz. Nicht nur für eine Fahrt mit dem Oldtimer pilgern hunderte am 1. August nach Bern. Sie kommen, um das Bundeshaus zu besichtigen. Bereits vor zehn Uhr windet sich die Menschenschlange einmal ums Parlamentsgebäude herum: Für den Tag der offenen Tür stehen sich die Besucher die Beine in den Bauch.

Doch das Warten lohnt sich: Wer einmal drin ist, darf sich frei bewegen, Kommissionszimmer inspizieren und die Sitze in den Ratssälen testen. Ein echtes Parlaments-Feeling? Naja, fast. Politiker fehlen weitgehend. Aber durch die Gratis-Schokolade, welche der Verband Chocosuisse unter den drei Eidgenossen verteilt, erhält der Besucher einen Vorgeschmack, wie gutes Lobbying in Bern funktioniert.

Rekordhalter Ganz ohne Politik geht es dann doch nicht. Nationalratspräsidentin Christa Markwalder und Ständeratspräsident Raphael Comte stehen den Besuchern Red und Antwort – und schlagen sich auch bei kniffligen Fragen gut. Da haben es die Bundesräte weitaus strenger. Schon seit Sonntag touren sie durchs Land und halten eine Ansprache nach der anderen. Ueli Maurer ist Rekordhalter (6 Reden). Allerdings sprachen Johann Schneider-Ammann (5) und Guy Parmelin (4) im Unterschied zu Maurer nicht nur in der Deutschschweiz, sondern auch im Tessin und in der Romandie.

Welche Werte dürfen es sein? Die anderen vier Bundesräte hielten je eine Festrede und bei der kommt es ja vor allem auf den Inhalt an. Kurz und knapp: Der Bundesrat ist über all seine Mitglieder hinweg überzeugt, dass wir nicht in den einfachsten aller Zeiten leben. «Die Welt im 21. Jahrhundert ist kein Streichelzoo», sagte Doris Leuthard in Schaffhausen. Für eine starke Schweiz – so sind sich alle einig – müssen wir uns auf unsere Stärken und Werte besinnen. Nur: Was genau helvetische Werte sind, darüber scheiden sich die Geister wieder.

Feiern im Eis Derweil ist in Rio de Janeiro gerade Winter – 28 Grad, perfekte Bedingungen zum Schlittschuhlaufen. Jedenfalls eröffneten die Organisatoren des House of Switzerland in Rio pünktlich zum Nationalfeiertag mit einem ausgiebigen Fest und einer Eiskunstbahn, die mit synthetischem Eis betrieben wird.

Das Unglück Dann die Hiobsbotschaft aus dem Säntisgebiet im Appenzell: Ein Gewitter hat die grösste Schweizer Fahne (80 m × 80 m, 700 kg) zerrissen. Für den 1. August sparten die Säntisbahnen jedoch keine Mühen, um die Fahne wieder zu reparieren. Laut «Blick» konnten drei Höhenarbeiter rechtzeitig fürs Fest die schlimmsten Schäden wieder beheben.

Der Pechvogel Nichts als Ärger beschert der Feiertag dem Berner SVP-Nationalrat Erich Hess. Erst will die Stadt Bern an der Feier die neue Nationalhymne spielen, worauf der Politiker seinen «Boykott» ankündigte. Dann feiert in derselben Stadt die linksautonome Szene das Gegenmodell des Nationalstaats «No Borders, No Nations». Und als wäre das noch nicht genug, kann der 35-Jährige nicht einmal mehr in Ruhe ein Bier trinken. Hess besuchte das Luna Llena, laut «Berner Zeitung» eine linksalternative Beiz. Doch die sonst so Toleranten fühlten sich durch dessen Anwesenheit provoziert: Ein Mann kippte Hess das Bier über den Kopf. Schade drum!

Qual der Wahl Und was machen die anderen Politiker in der Schweiz? Reden halten. Schliesslich gibt es immer noch über 2300 Gemeinden, die ebenso feiern wollen. Zur Erinnerung: 1990 waren es noch 3021. Trotz Reiserei haben auch 2016 nicht alle Gemeinden einen Bundesrat für ihre Feier gewinnen können. Aber es gibt ja Kantons- und Gemeinderäte sowie Generalsekretärinnen und Staatsschreiber. Falls also tatsächlich eine Gemeinde ohne Redner auskommen muss, ist das vermutlich selbst verschuldet.

Die Eifrigen Ausnahmen gibt es bei den Grünen, die auch am Nationalfeiertag keine fünf gerade sein lassen wollen. Anstatt Optimismus und Nationalstolz zu verbreiten, gehen sie auf die Strasse, kämpfen gegen die Unternehmenssteuerreform und die Zersiedelung – wie Präsidentin Regula Rytz höchstpersönlich, die gestern in der Berner Altstadt Unterschriften sammelte.

Beste Rede Andere nehmen den Tag etwas lockerer, wie Mitteilungen auf sozialen Medien zeigen. Die US-Botschafterin Suzi LeVine posiert mit Hund und Mann in Rot-Weiss. Fussballer Xherdan Shaqiri wirbt für Käse («Das Schweizer Original») und erklärt, wie er «problemlos die beste Rede aller Zeiten halten» kann. (Auflösung: Er lässt andere für sich sprechen.) Und Nati-Kollege Johan Djourou gibt sich politisch, kryptisch: «Rot und weiss, aber vielleicht hat die Schweiz auch viele anderen Farben.»

Aktuelle Nachrichten