«Die Schiffstaufe ist ein feierlicher Akt, der traditionell vor dem Stapellauf von Schiffen durchgeführt wird. Beim Taufakt wird dem Schiff sein Name verliehen und in grossen Teilen der Welt eine Flasche Sekt oder Champagner am Schiffsrumpf zerschlagen.» So steht es auf Wikipedia.

An diesem feierlichen Akt war Michael Eichmann immer mal wieder gerne selbst dabei. Der langjährige Chefbeamte im Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL), der bis zu seiner Pensionierung 2012 die Bürgschaften der Schweizer Hochseeschiffe unter sich hatte, reiste besonders oft nach China, wo die meisten neuen Schiffe gebaut wurden.

Reeder luden ein

Beispielsweise in den Jahren 2007 und 2008. Dank Fotos auf der Website Swiss Ships ist überliefert:

Im Februar 2007 wurde die MCT Monte Rosa in Schanghai getauft. Fotos – aufgenommen unter anderem am Yangtze-Fluss durch Michael Eichmann – zeugen davon.

Im September 2007 gibt es Fotos vom Stapellauf der Safmarine Angela (später: SCL Angela) in China. Aufgenommen von Eichmann.

Im März 2008 ist Eichmann in Antwerpen (Belgien) mit CVP-Nationalrätin Viola Amherd, die als Taufpatin der «Angela» wirkt (siehe auch gestrige «Nordwestschweiz»), zu sehen.

Im Juni 2008 wird die MCT Stockhorn vor Schanghai eingeflaggt. Auf dem «Erinnerungsbild» nebst anderen zu sehen: Chefbeamte Eichmann.

Im Juli 2008 in Tianjin, China: Erinnerungsbild – aufgenommen unmittelbar nach der Taufe der Safmarine Andisa – mit Michael Eichmann und einer Delegation aus dem Kongo. Ein weiteres Bild zeigt den «Vertreter der Schweizer Behörden» mit seinem guten Freund, dem Eigner des Schiffs: Hansjürg Grunder und dessen Frau am gleichen Ort.

Alle die Schiffe gehören zur unrentabel gewordenen Flotte von Reeder Grunder, die dem Bund bislang Verluste von bis zu 215 Millionen verursacht haben.

Auf die Frage, wie viele solcher Einflaggungs- und Taufreisen es seit dem Jahr 2000 gab, hält das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung fest: «Das BWL hat zwischen 2000 und 2012 von insgesamt 64 Schiffseinflaggungen an 18 solchen Anlässen teilgenommen. In den meisten Fällen finden/fanden die Einflaggung und die Schiffstaufe gleichzeitig statt.»

Pikant: Michael Eichmann liess sich die Reisen jeweils sponsern. «Der Reeder bezahlte sämtliche Auslagen (Reise, Kost und Logis)», hält das BWL fest. Das Amt, das die Bürgschaften vergab, liess sich also einladen von den Reedern, welche die Bundesbürgschaften erhielten.

Dabei war das BWL gar nicht zuständig für die Einflaggungsakte, die in der Erledigung von vorgeschriebenen Formalitäten wie Unterschriften bestehen. Gemäss Gesetz ist es das Schweizerische Seeschifffahrtsamt im Aussendepartement EDA, das die «Aufsicht über die Seeschifffahrt unter Schweizer Flagge» hat.

Reisli gestrichen

Als Eichmann in Pension ging, stellte das BWL die Reisli ab. Das Amt hält fest: «Im Juni 2012 nahm letztmals ein Mitarbeiter des BWL an einer Einflaggung eines Hochseeschiffs teil. Die Praxis wurde (...) durch den ‹neuen› Dossierverantwortlichen anschliessend umgehend geändert. Die Verantwortung lag wiederum vollumfänglich beim Seeschifffahrtsamt.»

Das Seeschifffahrtsamt kommt selbst für die Reisekosten auf. Aus Gründen der Unabhängigkeit, heisst es. Aus Kostengründen nehmen darum oft EDA-Diplomaten, die vor Ort arbeiten, die Akte vor.

Michael Eichmann war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.