In ihrer Heimat, im Oberwallis, hatte man Viola Amherd lange nicht auf der Rechnung. Von einem «Mauerblümchen» war noch vor kurzem im «Walliser Boten» die Rede, was dann doch für einigen Aufruhr sorgte. Aber in den letzten Monaten scheint es im Kanton, in dem es definitiv keinen Frauenbonus gibt, langsam zu dämmern: Die Briger Nationalrätin Viola Amherd (56) hat echte Chancen, Bundesrätin zu werden.

Die Anwältin und langjährige Stadtpräsidentin von Brig scheint selbst zu staunen, dass sie derzeit als chancenreichste Frau in der CVP für die Nachfolge von Doris Leuthard gilt. Sie sagt, auf eine Kandidatur bei den Dezemberwahlen angesprochen: «Ich habe mich noch nicht entschieden, ich will noch verschiedene Gespräche führen.

Eine solche Kandidatur muss gut überlegt sein.» Und Bundesratswahlen, sagt sie, «sind eine Lotterie. Da muss man mit sich im Reinen sein und mit allen Konsequenzen umgehen können».

Mit einer Nichtwahl, aber vielleicht noch fast mehr mit einer Wahl.

Zu verstecken braucht sie sich nicht. Seit Jahren ist sie Vize-Chefin der CVP-Fraktion und die starke Frau im Haus, Coach und ruhender Pol zugleich. Fraktionschef ist formell Filippo Lombardi (TI), aber weil er Ständerat ist, obliegt ihr faktisch die Führung der 30-köpfigen Nationalratsdelegation.

Die Oberwalliserin ist eine Schafferin, ohne Dünkel und mit Bodenhaftung, gewitzt und beharrlich. Keine, die sich in Szene setzt. Zurückhaltend und nüchtern. «Welche Wahlchancen ich hätte? Das kommt darauf an, wer sich alles interessiert. Ich finde es schön, wenn es viele Leute gibt, die infrage kommen.»

Die Frauenförderin

Ihr glaubt man das sogar. Sie war es, die andere kräftig und erfolgreich förderte. In der CVP-Fraktion erzählt man sich: Es war weitgehend das Verdienst von Amherd, dass eine ganze Reihe von CVP-Nationalrätinnen in hohe Parlamentspositionen kamen.

Elisabeth Schneider-Schneiter (BL) ist Präsidentin der Aussenpolitischen Kommission. Christine Bulliard-Marbach (FR) leitet die Wissenschaftskommission. Ida Glanzmann (LU) ist Vizepräsidentin der Sicherheitskommission. Ruth Humbel (AG) Vizepräsidentin der Gesundheitskommission. Amherd mitgezählt, sind derzeit fünf der acht CVP-Nationalrätinnen in Führungspositionen des Parlaments. Und gelten als valable Bundesratskandidatinnen.

«Wenn es bei der Besetzung von Funktionen kompetente, fähige und interessierte Frauen gibt, wie dies in der CVP-Fraktion der Fall ist, dann unterstütze ich diese selbstverständlich», sagt Amherd, die sich in der Rechtskommission, aber auch als Verkehrspolitikerin hervortat. «Die beste Frauenförderung besteht darin, Vorbilder zu zeigen und so andere Frauen zu ermutigen, sich ebenfalls für wichtige Funktionen zur Verfügung zu stellen.»

Die aussichtsreichsten Bundesratskandidaten von der CVP:

Konkurrenten nehmen sie ernst

Seit sie als Bundesratsanwärterin gilt, klebt an Amherd das mediale Etikett der linken CVP-Frau. Was kein Vorteil ist im ziemlich rechten Parlament. Aber ein Zeichen dafür, dass sie von ihren Konkurrenten ernst genommen wird. Unterschätzt wird sie nun nicht mehr.

«Von mir aus bin ich eine echte Mitte-Politikerin», sagt sie. «In den Ratings bin ich meist genau in der Mitte des politischen Spektrums. Dass ich am linken Flügel der CVP politisieren soll, hängt meiner Meinung nach damit zusammen: In gesellschaftspolitischen Fragen bin ich liberal, und ich habe mich stark für Kinder- und Jugendschutz engagiert.»

Denn Kinder seien «die Basis der künftigen Gesellschaft», weiss sie. «Sie können sich nicht selbst wehren, sie brauchen Schutz und Unterstützung». Amherd selbst ist unverheiratet und hat keine Kinder. «Aber ich bin ein Familienmensch, die Familie ist mir sehr wichtig», sagt sie. Das sind keine leeren Worte. Im Oberwallis weiss man, dass sie jahrelang ihre kranke Mutter pflegen half.

Sich für Minderheiten oder Schwächere einzusetzen, habe ihrer Meinung nach nichts mit links oder rechts zu tun, sagt Amherd. Sie sehe sich als Pragmatikerin, die nach sachlichen und nicht nach ideologischen Kriterien entscheide.

Der Wolf hat Amherds Walliser Pragmatismus vor vier Jahren am eigenen Leib erfahren. Gegen die Walliser Standesinitiative «Wolf. Fertig lustig!» stimmten die Linken und die Grünen im Nationalrat geschlossen – sowie auch einige SVP-, FDP- und CVPler. Amherd aber sprach sich dafür aus, die Jagd auf das Tier zu erlauben.

Sie gewichtete andere Interessen höher, etwa die der Landwirtschaft. «Wenn ich sehe, was gerade die Bauern im Berggebiet leisten, dann muss man sie unterstützen.», sagt Amherd etwa. Auch ihre Wirtschaftspolitik ist zutiefst bürgerlich. «Meine Eltern hatten ein Elektrogeschäft. Das Gewerbe, die KMU liegen mir am Herzen, ich würde sie gerne von unnötigen Vorschriften entlasten.»

Amherd ist, wie auch Leuthard es war, eine Landanwältin. Eine Allrounderin also, «man ist nicht spezialisiert», sagt sie, auch etwas Notariat mache sie. Prozesse habe sie zuletzt aber nicht mehr geführt. «Weil ich zu wenig Zeit habe, ich würde meinen Kunden so keinen Dienst erweisen.» Denn klar ist für sie: «Wenn ich arbeite, will ich es korrekt und gut machen, sonst lasse ich es sein.»