«Die trauen mir das wirklich zu!»

Drei Amtsperioden lang leitete Vreni Hirt die Geschicke der kleinsten Aargauer Gemeinde. Jetzt gibt sie die Verantwortung weiter.

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Peter Belart

«Es war im Jahre 1997, als ich angefragt wurde, ob ich mir eine Kandidatur für das Amt des Gemeindeammanns vorstellen könnte. Ich konnte es fast nicht glauben.» Erst fünf Jahre zuvor hatte die Familie Hirt Linn als neuen Wohnort gewählt. Wenig später nahm Vreni Hirt Einsitz in der Schulpflege. Offenbar erwarb sie sich dabei das Vertrauen der Dorfbevölkerung. «Als es darum ging, einen Gemeindeammann zu finden, sagten die Leute zu mir: ‹Du kannst das; du machst das!› Zwar hatte ich keine Ahnung, welche Aufgaben da auf mich zukamen. Aber das Vertrauen der Linner und Linnerinnen beflügelte mich, und ich kam zum Schluss: ‹Ja also, wenn sie es so sehen . . .›»

Kommunikation als Stärke

Vreni Hirt erzielte ein sehr gutes Resultat und leitete danach als erste Frau die Geschicke von Linn. «Ich spürte nie irgendwelche Vorbehalte, weil ich eine Frau bin. Dabei kam mir wohl zugute, dass mich viele alteingesessene Linner bei der Wahl unterstützt hatten.» Ohne Zweifel spielte aber die gewinnende Art der neuen Frau Gemeindeammann eine mindestens ebenso grosse Rolle, dazu ihre Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen und ihnen aktiv zuzuhören. Sie lächelt: «Gerade diese Eigenschaft kostete mir auf der andern Seite auch viele Stunden, denn es kam in der Folge recht häufig vor, dass mich die Leute mit ihren Anliegen zu Hause aufsuchten und ihre Probleme und Wünsche in aller Ausführlichkeit vortrugen.»

Es war eine bewegte Zeit. Linn wandelte sich innert weniger Jahre von einem intakten Dorf, in dem die Landwirtschaft noch ein recht grosses Gewicht hatte, zu einer Gemeinde, der viel Wichtiges entzogen wurde, darunter - besonders schmerzhaft! - die Schule und damit der letzte Dorftreffpunkt, nachdem das Milchhüsli, die Dorfbeiz und der Laden längst «gestorben» waren und auch der Migros-Verkaufswagen nicht mehr kam.

Dorffest als Höhepunkt

Auf der positiven Seite nennt Vreni Hirt mit spürbarer Freude das Dorffest im Jahre 2006, das in der ganzen Region und darüber hinaus für Aufsehen sorgte. «Das ganze Dorf engagierte sich in mehrfacher Hinsicht. Wir kamen in ein richtiges Fieber. Es war eine unglaublich dichte und schöne Vorbereitungszeit und das Fest selber ein Riesenerfolg.» Als speziell wertvoll bezeichnet Hirt die vielen zwischenmenschlichen Kontakte, die dabei entstanden, auch mit und zwischen den Neuzuzügern.

Etwas nüchterneren Charakter hatten die grösseren Sachgeschäfte, die in den vergangenen zwölf Jahren zu bewältigen waren, darunter die Erschliessung der Schulstrasse oder der Einbau einer Pellets-Heizung in die Schulanlage. Und dann die endlos lange Liste mit kleineren und kleinsten Aufgaben, die - wenn auch unspektakulär - in jeder Gemeinde zu erledigen sind. Hier in Linn, wo gegenwärtig gerade mal 134 Menschen leben, müssen alle anpacken und mithelfen. Und doch bleibt letztlich vieles am Gemeindeammann hängen. «Besonders als die Gemeindeschreiberstelle vorübergehend vakant blieb, gab es reichlich Arbeit.» Dabei setzte Vreni Hirt die Messlatte immer hoch: «Ich wollte meine Zeit nicht einfach nur abhocken.»

Das Echo auf ihr weit überdurchschnittliches Engagement blieb aber gering. «Bei uns in der Schweiz ist es halt so, dass man nur dann etwas sagt, wenn man eine Reklamation anzubringen hat. Dankesworte oder positive Rückmeldungen sind eine Seltenheit.» Sie sagt es ohne Bitterkeit und ergänzt: «Viele Menschen wissen gar nicht, wie beflügelnd ein gutes Wort wirken kann. Ich habe mir das gemerkt und mir diesbezüglich einiges vorgenommen.»

Vreni Hirt blickt zurück und zieht ein Fazit: «Ich habe unglaublich viel gelernt und erlebt. Es war eine Lebensschule par excellence. Ich möchte diese Jahre nicht missen, auf gar keinen Fall.»

Keinen Zeitdruck mehr

Und trotzdem entschloss sie sich zum Rücktritt. «Ja, mein Mann wurde pensioniert, und so sind wir jetzt freier in der Gestaltung unserer Tage. Dem sollte das Ammann-Amt nicht im Weg stehen.» Ausserdem fühlte sie, dass ihr nicht mehr alles gleich leicht fiel wie vor zwölf Jahren. Und sie wollte auf gar keinen Fall zuwarten, bis ihre Gesundheit unter der Aufgabenlast leiden würde.

Vreni Hirt lächelt und eilt in ihren Gedanken der Zeit voraus: «Keinen Zeitdruck mehr . . . ein Buch lesen. . . draussen sitzen . . . die Beine hochlagern . . . nach Lust und Laune irgendwelche Veranstaltungen besuchen, Theater, Kino . . . auch mal etwas länger ausschlafen, etwas später frühstücken . . . mmmh . . .»