Landkarten

Die Trampelpfade, die selbst Schweizer Landvermesser nicht mehr wollen

Weil aus der Luft nicht erkennbar, haben die Schweizer Landesvermesser die Kategorie «Wegspuren» auf der neuen 1:25 000-Landeskarte gestrichen. Eine Spurensuche nach jenen Trampelpfaden, die aus dem amtlichen Gedächtnis gelöscht worden sind.

«Achtung Unser Harro ist 3-jährig und wiegt etwas mehr als eine Tonne - bitte erregen Sie nicht seine Aufmerksamkeit; er ist auf jeden Fall stärker», steht auf dem Schild, mit dem der Besitzer vor seiner Mutterkuhherde samt Stier warnt. Die Warntafel steht etwas oberhalb des Barmelhofs in der Nähe von Erlinsbach SO. Wo vor Stier Harro gewarnt wird, verläuft eine markierte Wanderroute. Kurz nach dem Warnschild verliert sich der Weg auf der leicht verschneiten Kuhweide.

Kühe sind keine zu sehen, der Stier auch nicht. Es ist Winter, auch wenn sich dieser späte Januarnachmittag viel mehr wie ein Herbsttag anfühlt. Wir wagen es und folgen dem Wanderwegweiser.

Der Barmelhof liegt auf dem Kartenblatt Aarau. Es ist eines der vier ersten 1:25'000-Landeskartenblätter, welche das Bundesamt für Landestopografie (Swisstopo) komplett neu designt hat. Sie bilden Gebiete der Kantone Aargau, Basel-Landschaft, Solothurn, Bern und Luzern ab.

Der Haken: Weil die neuen Kartenblätter auf Luftaufnahmen basieren, haben die Landestopografen auf eine der Wegkategorien verzichtet, jene der «Wegspuren». Bis anhin gekennzeichnet mit unterbrochener gestrichelter Linie, fehlen Pfade wie derjenige über die Kuhweide vom Barmelhof auf die Rosmaregg nun ganz. Urs Isenegger, Verlagsleiter bei Swisstopo, erklärt die simple Formel, wonach die Karten erstellt werden: Was die Kartografen auf den Luftaufnahmen erkennen, kommt in die Karte.

Der Aufschrei war gross, sogar der Schweizer Alpen-Club intervenierte. «Die Nordwestschweiz» wagt deshalb die Probe aufs Exempel und sucht nach den von der Landeskarte verbannten Trampelpfaden. Die Reporter staunen nicht schlecht: Was hoch über dem Barmelhof ein gelber Wanderwegweiser markiert, ist bei den anderen drei nicht anders: Sämtliche der begangenen Pfade sind zwar als offizielle Wanderwege markiert, auf der amtlichen 1:25 000-Karte aber nicht mehr eingezeichnet.

Schauplatzwechsel vom Barmelhof auf einen Jurahöhenzug bei Holderbank SO: Einsam steht die Bergwirtschaft Rinderweid da. Daneben die wohlbekannte gelbe Metallraute, die Markierung für einen Wanderweg. Neben einem unbenutzten Stall endet das Landwirtschaftssträsschen. Einige Wegspuren ziehen sich weiter, alle in dieselbe Richtung. Einer folgen wir.

Aufgeweicht vom Morgentau bleibt der Matsch an den Wanderschuhen kleben. Dann verlieren sich die Spuren. Erst ein an einem Hochsitz befestigtes Schild weist uns den Weg. Auf der Lichtung geht es in einer Schneise weiter, an deren Ende eine Schleuse im Viehzaun den Weg in den Wald markiert.
Ab da wieder ein deutlich erkennbarer Bergweg, der steil talwärts auf den Forstweg führt.

Oskar Hartmeier isst gerade zu Mittag, als wir zu seiner Gaststätte auf der Rinderweid zurückkehren. Gäste sind keine da. Doch er sagt, vor allem Ausflügler aus der Region würden seine Gaststube regelmässig besuchen. Immer seltener würden die Besucher den Weg über den Trampelpfad einschlagen.

Auf der Rinderweid braucht es aber keinen Harro, um die Wanderer abzuschrecken. «Nach den Schlagzeilen um angriffslustige Mutterkühe machen viele Wanderer aus Angst lieber einen Bogen um Weiden», so Hartmeier. Er ist froh, dass der Pfad über die Weide wenigstens auf der Wanderkarte bestehen bleibt.

In der Tat: Auf den von Swisstopo speziell herausgegebenen Wanderkarten bleiben sämtliche markierten Routen eingezeichnet. Nur: Solche Karten sind teurer und im selben Massstab längst nicht für alle Landesteile erhältlich. Zudem ist die topografische 1:25 000-Karte ein Abbild der stolzen Schweizer Kartografie-Geschichte: Kaum ein Land, das präzisere oder schönere Karten druckt. Und das längst nicht mehr allein für die Armee, für deren Zwecke die Karten ursprünglich dienten.

Kein Bergführer, der die Karte missen wollte. Doch auch für Wanderer und Mountainbike-Fahrer wie Beat Kellerhals und Patrick Jakob ist sie «das Mass aller Dinge», wie sie betonen. Auf der gegenüberliegenden Talseite von Holderbank grillieren die beiden Niederbipper Würste, als wir uns auf die Suche nach dem nächsten Trampelpfad begeben.
«Es ist gerade interessant, dass alles darauf ist, auch Pfade, die begangen werden, aber nicht sichtbar sind», sagt Kellerhals. Direkt bei der Grillstelle fehlt auf dem Kartenblatt Murgenthal ein Wegstück, auf das vor Ort jedoch mit einem Wegweiser hingewiesen wird. Es ist kurz, aber immerhin Teil der beliebten Route über den schweisstreibenden Roggenschnarz auf die Roggenflue, von wo wir etwas später die Aussicht übers Mittelland geniessen. Vogelgezwitscher mischt sich ins Rauschen, das von der in der Tiefe liegenden Autobahn zu hören ist.

Überraschend zahlreich die Wanderer, die sich trotz Schnee und ungewöhnlicher Jahreszeit über die Roggenflue wagen. Darunter Erika Joachim mit ihrem Partner Urs Häfeli. «Was, dieser Wanderweg fehlt auf der neuen Landeskarte?»

Ungläubig schütteln die beiden ihren Kopf. Doch da stimme noch einiges nicht, weiss Häfeli. Ihm will nicht in den Kopf, weshalb das weitherum bekannte Ausflugsrestaurant Säli Schlössli neuerdings auf der Landeskarte unter dem Namen Wartburg-Säli auftaucht. Damit aber wollen die Landesvermesser von Swisstopo nichts zu tun haben. Flur- und Ortsnamen seien von den Kantonen übernommen, heisst es da. Und diese setzten extra Nomenklaturkommissionen ein.
Ein weiteres Beispiel gefällig? Wir werden fündig im Aargauer Ruedertal. Zwar überquert eine kleine Brücke den Sägenbach bei Bohler, doch rundum ist offene Landwirtschaftszone. Wie zum Beweis unserer Feststellungen markieren auch hier zwei gelbe rautenförmige Farbmarkierungen eine Route. Auf der Luftaufnahme muss das Brückchen sichtbar sein, die Markierungen dagegen nicht - ganz getreu den Swisstopo-Grundsätzen.

Swisstopo beruhigte jene, welche die markierten, aber unsichtbaren Spuren vermissten: Auf den bis zum Jahr 2019 restlich zu überarbeitenden Kartenblättern würden die Wegspuren nun doch eingezeichnet, versprach das Amt.

Der «Nordwestschweiz» verrät Urs Isenegger von Swisstopo wie: «Auf den kommenden Blättern werden wir im Gelände nicht sichtbare, jedoch markierte Pfade mit einer punktierten Linie kennzeichnen. Anlässlich der nächsten Aktualisierung der bereits erschienenen Blätter übrigens ebenfalls.»
Für die nun erschienenen Kartenblätter aber bleibt Swisstopo dabei: Die Wegspuren fallen weg. Die Zahl der betroffenen Wege sei kaum der Rede wert, winkt Swisstopo ab und liefert Zahlen zu den betroffenen Kartenblättern Aarau, Schöftland, Hauenstein und Murgenthal. Isenegger: «Für diese Blätter sind die nicht sichtbaren Routen wegen der kurzen Teilstücke kaum relevant.»

Hoch über dem Barmelhof ist die Sonne in der Zwischenzeit hinter der idyllischen Hügellandschaft verschwunden. Stier Harro lehrt Wanderer zwar das Fürchten, doch nicht das ist der Grund für die Verbannung des Pfads, der nicht nur wegen des schlechter werdenden Lichts unsichtbar ist. In der Abenddämmerung gleitet der Blick aufs Kartenblatt: Violette Gemeindegrenzen und feine braune Höhenlinien ziehen sich darüber. Auch sie sind im Gelände nicht sichtbar. Sie dienen der Orientierung und sind in einem hügeligen Land wie der Schweiz essenziell, wie es Isenegger von Swisstopo ausdrückt.

Wie die zum Vergessen verdammten Wegspuren, denken wir uns.

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