Christian Nünlist

Kennan (1904-2005) war wohl der einflussreichste Diplomat des 20. Jahrhunderts. Seine treffenden Analysen der inneren Situation der Sowjetunion stiessen 1946/47 in der Truman-Regierung auf Gehör. Kennan war ein kreativer Denker mit grossem historischen Wissen und politischer Fantasie. Er entwarf praktisch im Alleingang einen Masterplan für den Umgang mit Moskau. Kennan empfahl der US-Regierung eine "politische Eindämmung" der Sowjetunion, lang angelegt, geduldig, fest und wachsam. Er konzipierte damit die "Containment"-Politik - die bis 1989 Amerikas Politik gegenüber dem Sowjetreich bestimmte.

Besonders bemerkenswert war, dass Kennan auch als erster den Ausgang des 45-jährigen Kalten Krieges treffend vorhersah. Der Russlandspezialist prophezeihte: "Die sowjetische Macht enthält im Innern den Samen ihrer eigenen Zerstörung."

Der grosse Denker wehrte sich deshalb auch gegen die zunehmende Militarisierung seiner Containment-Politik - er war gegen die Nato und gegen den Vietnamkrieg. Kennan sollte 1989 Recht bekommen: Die USA gewannen den Kalten Krieg letztlich nicht dank Nuklearwaffen oder Interkontinentalraketen, sondern, weil die Sowjetunion wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel. Wie Kennan 43 Jahre früher vorhergesagt hatte.

Wir erinnern mit einer 15-teiligen Artikelserie an das "andere 9/11" - an den 9.11.1989 und stellen 15 Wegbereiter des Wende- und Wunderjahrs 1989 vor - politische Akteure, die unserer Meinung nach einen zentralen Beitrag geleistet haben, dass der Kalte Krieg nach 45 Jahren zu Ende ging - und zwar auf die Art und Weise zu Ende ging, wie er zu Ende ging, nämlich weitgehend friedlich und ohne Blutvergiessen.