Coronakrise

Die Tessiner haben das Wort! Sieben Prominente beschreiben die schwierige Situation im Sonnenkanton

Sonst flanieren hier Hunderte Touristen, nun ist die Seepromenade in Lugano abgesperrt.

Sonst flanieren hier Hunderte Touristen, nun ist die Seepromenade in Lugano abgesperrt.

Über Ostern dürfen wir nicht in den Südkanton reisen. Darum bringen wir das Tessin zu uns in die Deutschschweiz: Prominente beschreiben ihre Situation.

In normalen Zeiten würden sich die Leute ärgern, dass sie im überfüllten Zug ins Tessin fahren müssen. In normalen Zeiten würden jetzt Tausende Deutschschweizer das Tessin bevölkern, entlang der Seepromenade in Ascona schlendern, bei der Piazza Grande in Locarno Kaffee trinken, irgendwo in einem der Dutzenden bezaubernden Tälern wandern. In der Coronakrise aber bitten die Tessiner Behörden, unterstützt von Prominenz wie Schönheitskönigin Christa Rigozzi oder Natitrainer Vladimir Petkovic: «Wenn ihr das Tessin liebt, bleibt zu Hause».

Die Urner Kantonspolizei richtete vor dem Gotthard Nordportal gar einen Kontrollposten ein. Jedes Fahrzeug mit Deutschschweizer Kennzeichen wurde angehalten, die Reisenden befragt und gebeten umzukehren. Gemäss Urner Polizei herrschte nur sehr wenig Verkehr. Von Stau keine Spur. Am Donnerstag gelang es der Polizei nicht, jemanden zum Umkehren zu bewegen. Gestern kehrten nach dem Gespräch mit der Polizei mindestens zwei um.

Das Schlimmste ist überstanden, doch die Stimmung ist gereizt

Immerhin: Diese Woche verkündete Kantonsarzt Giorgio Merlani, der Gipfel im Tessin sei erreicht. Aber noch immer gelten im Südkanton strengere Coronaregeln als im Rest der Schweiz. Manchmal liegen die Nerven blank. Die Sonntagszeitung «Il caffè» publizierte eine Episode, in der ein Deutschschweizer Rentner in einem Bahnhofsshop dem Angestellten einen Einkaufskorb entgegenschleudert, weil er des Ladens verwiesen wurde. Bei unserer Redaktion rufen Tessiner an und beschweren sich über die Diskriminierung der Senioren. Es herrscht eine gereizte Stimmung. In der Tat kursieren Videos, in denen sich Menschen anschreien.

Wie beurteilen Tessiner Persönlichkeiten die Situation? Wir fragten nach.

Fabio Regazzi, Nationalrat CVP und Unternehmer

Fabio Regazzi ist CVP-Nationalrat, Geschäftsführer, Vorstandsmitglied in diversen Verbänden und Stiftungen, sitzt in Verwaltungsräten. Das Coronavirus hat seine Agenda radikal gelichtet. Und ja, räumt der 57-jährige Politiker, «ich langweile mich ein bisschen, vor allem abends». Ihm fehle der gewohnte Tagesrhythmus. Die Regazzi AG, Herstellerin von Rollläden, steht praktisch still.

Regazzi hält die Stellung im Büro. Ihm selber geht es gut. Einige Bekannte haben sich mit dem Coronavirus infiziert, die Krankheit ist aber mild verlaufen. Natürlich kennt auch Regazzi Geschichten von dramatischen Verläufen. Am meisten Sorgen bereitet ihm derzeit die Gesundheitssituation. Die wirtschaftliche Krise mit all ihren sozialen Folgen lässt sich noch nicht abschätzen, doch Regazzi ist sich bewusst, auf was für eine Herausforderung die Gesellschaft zusteuert.

Die Tessiner, sagt er, würden immer stärker unter den Restriktionen des Alltags leiden. Das Einkaufsverbot für Senioren, unterdessen etwas gelockert, habe Unmut hervorgerufen. «Auch meinem 85-jährigen Vater macht die Situation zu schaffen. Ich bitte ihn, die Regeln zu respektieren, durchzuhalten.» Zwei bis dreimal pro Woche betreibt Regazzi Sport, manchmal joggt er durch die leer gefegte Magadinoebene. Oder er zieht sich am Wochenende zurück in sein Rustico, weit oben und verlassen gelegen im Verzascatal. Die Deutschschweizer müssten sich wohl noch einige Zeit gedulden, bis sie wieder die Vorzüge des Tessins geniessen könnten. Regazzi, Mitbesitzer eines Restaurants in Locarno, kündigt aber schon jetzt an. «Ihr werdet genauso willkommen sein wie vor der Krise.»

Daniela Fabello, «Tagesschau»-Sprecherin RSI

Die Tessiner kennen ihr Gesicht. Wenn Daniela Fabello, Moderatorin der «Tagesschau» der italienischen Schweiz, in diesen Tagen Einkäufe erledigt, wird sie öfter als üblich angesprochen. Sie spürt, dass die Menschen ihre Arbeit als Journalistin schätzen. Man fragt, ob sie Bescheid wisse über die neuesten Entwicklungen zum Coronavirus. Ihre Lageeinschätzung ist gefragt.

Fabello und ihre zwei Kinder im Teenageralter sind bis jetzt von der Krankheit verschont geblieben. Sie bleiben in ihren eigenen vier Wänden. Fabello verlässt das Haus nur für den Weg ins Studio, für kleinere Spaziergänge im Wald, zum Einkaufen. Ja, sie versteht das Verlangen der Deutschschweizer, an Ostern den Kanton Tessin zu geniessen. Die 52-Jährige ist zuversichtlich, dass sie hier wieder willkommen geheissen werden, wenn es Gesundheitssituation zulässt. «Der Tourismus ist für viele Gemeinden ein bedeutender Wirtschaftszweig», sagt sie.

Jetzt aber könnten die Deutschschweizer Eidgenössische Solidarität demonstrieren, indem sie ennet des Gotthards blieben. «Ich bedaure das», sagt Fabello. Sie weist aber darauf hin, dass der Kanton Tessin am stärksten vom Virus betroffen ist, und dass die dramatische Situation in Norditalien das Krisenbewusstsein bestimmt. Die Tessiner hätten grosse Anstrengungen unternommen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. «Um die Verbreitung des Virus zu verhindern, wäre es das Beste, wenn jetzt alle Schweizer so wenig wie möglich unterwegs wären, vor allem nicht für Ferien», sagt Fabello. Sie schlägt vor, die Ferien im Tessin und anderen Landesteilen auf die Tage zu verschieben, an denen kein Coronanotstand mehr herrscht. Die Journalistin ist sodann zuversichtlich, dass wir einige Lehren aus der gegenwärtigen Schockstarre ziehen können. Zum Beispiel, dass sich viele Arbeiten im Homeoffice erledigen lassen.

Masha Dimitri, Artistin und Regisseurin

Wir erreichen Masha Dimitri, Tochter des legendären Clowns Dimitri, während ihres Spaziergangs, um sich in Form zu halten. In den Wäldern über dem Monte Verità, dem Hügel auf Gemeindegebiet von Ascona, herrscht auch in normalen Zeiten und auf gut ausgewählten Wegen nicht so ein Dichtestress. Die Abstandsregeln werden respektvoll eingehalten. «Ich begegne auf diesen schwierigeren Wegen nur wenigen Menschen», sagt die 56-jährige Artistin, Zirkus- und Theaterregisseurin aus Ascona.

Eine merkwürdige Stille umgibt die Region, der Verkehrslärm der Ebene ist verstummt, Dimitri geniesst die Natur. Sie selber, ihre Familie und die meisten engsten Freunde sind nicht am Virus erkrankt. Und jene, die erkrankt sind, konnten zu Hause bleiben und sind am Genesen. In den Lebensmittelgeschäften klappe es gut mit den Hygieneregeln. Allerdings beobachtet Dimitri gewissen Spannungen zwischen jenen, welche die Losung der Stunde («Bleibt zu Hause!») strikt umsetzen und jenen, die öfters frische Luft schnuppern – selbst dann, wenn diese die Abstandsregeln respektieren.

Es bedrückt sie, dass die Leute einander im Einkaufszentrum kaum noch anlächeln und stattdessen stumm aneinander vorbeigehen. Mashas 86-jährige Mutter leidet, wenn die Leute den coronabedingten Bogen um sie laufen. «Manchmal schenke ich ihr eine Umarmung, sie braucht das», sagt Dimitri. Sie findet es schön, wenn sie auch in Coronazeiten einen Grossvater mit seinem Enkelkind spazieren sieht. Und stört sich auch nicht so sehr an Deutschschweizern, die sich in ihre Zweitwohnungen begeben. «Meinen Beobachtungen zu Folge haben sie einen grossen Einkauf getätigt und sich dann in ihre Wohnung, oder Ferienhäuschen, zurückgezogen.»

Dimitri wäre eigentlich zurzeit eigentlich mit dem Programm Dimitrigenerations auf Tournee. Doch die Vorführungen fielen dem Virus zum Opfer. Für die Verdienstausfälle zeichnet sich eine Lösung ab, der Staat dürfte einspringen. Wie schwer die Einbussen wiegen werden, vermag Masha Dimitri noch nicht abzuschätzen. Sie hofft, dass nach der Coronakrise ein Nachholbedürfnis besteht – und die Vorführungen umso besser besetzt sein werden.

Mario Botta, Architekt

«Diese Krise zeigt die Zerbrechlichkeit unserer Welt», sagt Mario Botta, der bekannteste Architekt des Tessins. Er erlebe diese wie einen Marschhalt für die ausufernde Globalisierung und das Konsumdenken. Botta selbst hat in der ganzen Welt gebaut, ist viel gereist. «Nun bin ich zum Stillstand gezwungen – wie ein Wolf in den eigenen vier Wänden», meint der 77-Jährige. Sein Leben ist auf sein Haus in der Altstadt von Mendrisio und dem nahe gelegenen Architekturbüro begrenzt. «Dieser Stillstand zwingt uns zum Nachdenken», sagt er. Homeoffice sei für einen Architekten eigentlich nicht wünschenswert. Denn die Präsenz auf der Baustelle, die Auseinandersetzung mit Handwerkern und Material ist seiner Meinung nach fundamental.

Was empfiehlt der Architekt Deutschschweizern, die jetzt nicht ins Tessin kommen können, um sich auf die nächste Reise vorzubereiten. Botta muss nicht lange nachdenken. «Die Burgen von Bellinzona stehen an erster Stelle», meint er. Die Castelli seien die Barriere, die geografische Scheide zwischen dem Mittelmeer und dem Norden – zwei Arten von Lichtintensität. Zudem verweist er auf das etwas nördlichere gelegene Dorf Giornico im Leventinatal mit seinen von der Romanik geprägten Kirchen.

Luca Pissoglio, Gemeindepräsident von Ascona

Für einen Osterausflug von der Deutschschweiz ins Tessin: Ascona am Lago Maggiore steht wie kein anderer Ort für dieses Unterfangen. Das Bild von überfüllten Restaurants und Kaffeehäusern sowie schlendernden Menschen auf der sonnigen Piazza am Seeufer hat sich ins kollektive Bewusstsein eingebrannt.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Alles ist geschlossen, die Beizen, Hotels und Geschäfte, zudem beliebte Spazierwege blockiert, Parkplätze gesperrt. «Ich erlebe diese Situation voll Trauer und Sorge», sagt Luca Pissoglio, Gemeindepräsident von Ascona. «Wir wollen, dass sich die Deutschschweizer bei uns zu Hause fühlen, aber an diesen Ostern ist es einfach nicht möglich.» Die Coronakrise hat das Tessin fest im Griff. «Die Inzidenz– Anzahl Fälle auf 100'000 Einwohner– ist bei uns sieben Mal höher als beispielsweise im Kanton Bern», fügt der Gemeindepräsident an. Beruflich ist er als Kinderarzt tätig.

Doch Pissoglio schaut auch nach vorne: «Wenn die Vorschriften gelockert werden, dann werden wir bereit sein für eine schrittweise Öffnung und die Wiederaufnahme der Aktivitäten.» Allerdings geht er davon aus, dass etwa die Abstandsregelung noch lange bleiben wird. Daher gibt es Szenarien, die Bestuhlung der Restaurants auf die Seeseite auszuweiten, um weniger dicht zu sitzen. Geplante Events und Konzerte werde man wohl in kleinerem Rahmen durchführen müssen: «In diesem Rahmen werden wir unsere Gastfreundschaft weiter pflegen.»

Leo Leoni, Gitarrist der Rockband Gotthard

Leo Leoni, der legendäre Gitarrist der Gotthard-Band, feierte diese Woche (am 6. April) seinen 54. Geburtstag, auch in häuslicher Zurückgezogenheit in Tesserete in der Nähe von Lugano. In einer Skype-Zuschaltung beim Fernsehen RSI lobt er die Tessiner Politiker, «die in Bern klargemacht haben, was hier, in unserem kleinen Winkel der Schweiz, passiert.»

Erst vor kurzem hat die Band ihr 13. Studioalbum unter dem Titel «#13» auf den Markt gebracht. Gotthard mussten aber die geplante Europatournee absagen, vielleicht wird diese im Oktober nachgeholt. «Wenn alles vorbei ist, wird es toll sein, das Publikum wieder zu treffen und gemeinsam zu feiern», so Leo Leoni, der in diesem Januar in Lugano seine Freundin, die russische Grafikdesignerin Ekaterina (34), geheiratet hat. Getraut wurden sie von Stadtpräsident Marco Borradori.

Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt Leo Leoni den Deutschschweizern: «Die Situation ist heikel, ihr könntet das Virus auch in die deutsche Schweiz zurückbringen. Wir treffen uns das nächste Mal, wenn alle hoffentlich gesund sind, und geniessen dann gemeinsam unsere schönen Grotti und Täler.»

Filippo Lombardi, Präsident von Ambri

Eishockey ist im Tessin wichtiger als Fussball. Und der HC Ambri-Piotta hat Kultcharakter. Ambri strahlt bis nach Deutschland aus. Filippo Lombardi, der nicht mehr in den Ständerat gewählt wurde, ist Ambris Präsident. Er bewältige die Coronakrise persönlich «sehr gut», zu Hause oder im Büro, sagt er. «Endlich habe ich Zeit, Altpapapier und Dokumente der letzten 30 Jahre zu sortieren und zu entsorgen.»

Ist das Kulturgut Ambri gefährdet? Die Krise stelle eine gravierende Herausforderung für Unternehmen und Sportvereine dar – «und insbesondere für den strukturell finanzschwachen HC Ambri-Piotta», sagt er. «Wir kämpfen aber mutig, um auch diese Krise zu überwinden – wie viele zuvor in unserer Geschichte.» Sicherheiten habe er keine, sagt er. «Aber ich hoffe und glaube, dass wir es schaffen werden.»

Meistgesehen

Artboard 1