Bundesstrafgericht
Die Telefonistin der Cybercrime-Gang: Wie eine Frau mit gutem Job nebenbei einen Millionenbetrug einfädelt

Eine Baslerin mit türkischem Migrationshintergrund steht vor dem Bundesstrafgericht, weil sie E-Banking-Kunden betrogen hat. Heute arbeitet sie selber für eine Bank.

Andreas Maurer
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In Telefon-Betrugsfällen führen fast immer Frauen die Anrufe durch. Ihre Stimmen klingen für Opfer besonders vertrauenswürdig.

In Telefon-Betrugsfällen führen fast immer Frauen die Anrufe durch. Ihre Stimmen klingen für Opfer besonders vertrauenswürdig.

Symbolbild: Getty

Zeynep*, 39 Jahre alt, wirkt kräftig, aber ihre Stimme klingt schwach, wenn sie im Gerichtssaal ins Mikrofon spricht. Sie sucht nach Worten für das, was sie getan hat, und findet sie nicht immer. In ihrer Vergangenheit aber war sie mit ihrer Stimme zu Aussergewöhnlichem fähig. Sie rief meist ältere Bankkunden an, die auf ein Spam-Mail hereingefallen waren, und überredete sie am Telefon dazu, ihre E-Banking-Zugangsdaten zu verraten. Ihren türkischen Namen legte sie dazu ab und stellte sich als Frau Meyer vor. Diese sprach Basler Dialekt, eloquent und gewitzt. Sie gab meistens vor, für die UBS zu arbeiten und ein wichtiges Update vorzubereiten.

Die Bundesanwaltschaft wirft ihr vor, auf diese Weise 57 Kunden um 600'000 Franken erleichtert zu haben. Zeynep gesteht ihre Schuld ein, sieht sie allerdings nur in zehn Fällen als bewiesen an, die anderen streitet sie ab.

Der Fall gibt Einblick in ein Betrugsphänomen, Phishing genannt, das trotz ständiger Warnungen massenhaft vorkommt. Beim nationalen Zentrum für Cybersicherheit sind im vergangenen Jahr 1500 Meldungen dazu eingegangen. Die Täter sind international organisiert und für die national organisierten Strafverfolger kaum fassbar.

Die Szene: Verbindungen nach Nigeria und in die Niederlande

Die erste Anklage der Bundesanwaltschaft gegen eine weltweit aktive Phishing-Bande ist 2016 gescheitert. Die Behörde hatte dazu einen Deal mit anderen Ländern geschlossen und auch Taten im Ausland mit im Ausland entwendeten Kreditkartendaten angeklagt. Dafür sei sie aber nicht zuständig, urteilte das Bundesstrafgericht. 2019 erzielte die Bundesanwaltschaft schliesslich ihre erste Verurteilung in einem abgekürzten Verfahren, also wieder mit einem Deal. Mit dem Fall von Zeynep findet nun die erste ordentliche Gerichtsverhandlung statt. Sie zeigt, wie schwierig es ist, diese Taten zu beweisen. Und selbst wenn dies gelingen sollte, ist der Erfolg bescheiden: Bestraft wird nur die Telefonistin. Die Männer, welche die Organisation im Hintergrund führen, sind entwischt.

Die Bundesanwaltschaft weiss über die Hintermänner nur, dass einige der nigerianischen Diaspora angehören und in der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden aktiv waren. Verbindungen nach Rotterdam und Amsterdam sind typisch. Dort existiert eine grössere Szene von Cyberkriminellen.

CH Media

Sie durchsuchen das Internet nach Mailadressen, an die sie im Namen von Banken und anderen Institutionen gefälschte Nachrichten verschicken. Früher konnte man diese Phishing-Mails an schlechtem Deutsch erkennen. Inzwischen kommen sie in geschliffener Sprache und perfektem Design daher. Oft nehmen die Betrüger Bezug auf aktuelle Ereignisse wie die Coronakrise, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen.

Das Opfer: traumatisiert und von der UBS alleingelassen

Eine der 57 Betrogenen im Fall Zeynep ist Rosmarie*, 55, eine Bäckerin aus dem Kanton Bern. In einem Telefongespräch mit dieser Zeitung schildert sie den Anruf, der den Anfang vom Ende ihres Geschäfts bedeutet hat. Sie verlor 36000 Franken, wovon ihr die Bank nur einen Drittel zurückerstattet hatte. Es war das «Bödeli» ihres Betriebs, wie sie sagt. Diese Frau Meyer sei am Telefon so sympathisch gewesen, dass sie sogar zusammen gelacht hätten. Keine Sekunde habe sie daran gedacht, dass etwas nicht stimmen könnte.

Erst am nächsten Tag, als sie online die Tageseinnahmen kontrollierte, bemerkte sie den Verlust. Sie ging sofort zur UBS-Filiale, die sich gegenüber ihrem Geschäft befand und wo sie seit zwanzig Jahren Kundin sei. Doch die Schalterangestellten hätten ihr nicht geholfen, sondern sie an die Zentrale in Zürich verwiesen. Dort habe man ihr zu verstehen gegeben, dass die Bank nicht viel für sie tun könne, wenn sie ihre Daten selber preisgebe. Rosmarie sagt: «Die UBS hat mich total im Stich gelassen.» Sie habe sich geschämt und nur mit wenigen Vertrauten darüber gesprochen. «Das war eine schlimme Zeit für mich.» Erst als sie die Anklageschrift sah, erfuhr sie von den 56 anderen Geschädigten, und merkte, dass sie nicht die einzige Dumme war, wie die Bank suggeriert habe.

Zeynep ist in dieser Geschichte aber nicht nur die gerissene Überredungskünstlerin, die leichtgläubige Leute austrickste. Sie steht als Einzige der Bande vor Gericht, weil sie sich selber leichtgläubig austricksen liess. Sie benutzte nämlich eine der Handynummern, mit denen sie ihre Opfer anrief, auch für Privatgespräche und nannte dabei einmal ihren Namen und ihr Geburtsdatum. Dabei hätte sie wissen müssen, dass die Bundeskriminalpolizei mithört.

Die Telefonistin übernimmt zwar eine Schlüsselrolle in diesem Betrugssystem. Aber wenn eine auffliegt, ist sie schnell ersetzt. Es werden dafür meistens Frauen eingesetzt, weil ihre Stimmen in den Ohren vieler Opfer vertrauenserweckend klingen.

Das Motiv: Gier und eine Liebesgeschichte

Von den Hunderttausenden Franken kassierte Zeynep nur einen Bruchteil. Es seien knapp drei Prozent gewesen, gibt sie an. Die Bundesanwaltschaft nimmt ihr das ab. Rund 15 Prozent erhalten Money Mules, also Geldesel, denen ein lukrativer Job versprochen wird. Sie müssten nur ihr Konto für eine Transaktion zur Verfügung stellen, einen eingegangenen Betrag abheben und einem Kurier übergeben. Sie kennen die kriminelle Herkunft des Geldes in der Regel nicht. Zeynep sagt, diese würden mehr verdienen als sie, weil dieser Job riskanter sei.

In einer Einvernahme gestand Zeynep, warum sie mitgemacht hatte: «Man lockte mich mit Geld. Ich war gierig.» Das Erstaunliche an ihrem Fall ist, dass sie einen gut bezahlten Job als IT-Supporterin hatte. Heute ist sie sogar für ein renommiertes Geldinstitut tätig, das ihre Vergangenheit jedoch nicht kennt. Sie arbeitet heute also für die Branche, die sie einst ausgenommen hat.

Warum setzte sie ihre Karriere aufs Spiel? Es ist eine der Fragen, zu der ihr die Worte fehlen. Offenbar genoss sie es, sich in diesem kriminellen Milieu zu bewegen. Mit einem ihrer Partner pflegte sie eine amouröse Beziehung, wie ihr Anwalt sagt. Im Widerspruch dazu steht, dass Zeynep angibt, nur die Übernamen ihrer Komplizen zu kennen und deshalb leider bei den Ermittlungen nicht mithelfen könne. Die Bundesanwaltschaft sucht diese seit fast zehn Jahren und findet sie einfach nicht.

Die Ermittlungen: Antennensuchläufe und Wanzen

Auch für Zeyneps Beteiligung hat der Staatsanwalt nur in zehn Fällen Beweise gefunden. In den anderen Fällen stützt er sich auf Indizien: auf Mobilfunkdaten, Einsatzpläne und IP-Adressen. Der Aufwand, den die Ermittler betrieben haben, ist enorm. Sie haben Antennensuchläufe durchgeführt, also Tausende Handynummern durchsucht, und Hotelzimmer verwanzt, in denen sich die Bande getroffen hat. Wie viele Taten Zeynep damit nachgewiesen werden können, gibt das Gericht am Freitagmittag mit der Urteilsverkündigung bekannt.

* Namen geändert

Die drei wichtigsten Tipps

Das Nationale Zentrum für Cybersicherheit gibt auf Anfrage folgende Ratschläge.

1. Gesunder Menschenverstand. Insbesondere beim Erhalt unerwarteter E-Mails sollte man sich überlegen, ob das Geschriebene einen Sinn ergibt. Im Zweifelsfall soll die Nachricht gelöscht werden. Keinesfalls sollte man darauf antworten.

2. Bei E-Mails, die angeblich von Banken stammen und auf ein Problem mit dem E-Banking-Konto oder der Kreditkarte hinweisen, ist besondere Vorsicht geboten. Keine Schweizer Bank und auch kein Kreditkarteninstitut wird seine Kunden per E-Mail zur Bekanntgabe von Passwörtern oder ähnlichen vertraulichen Informationen auffordern.

3. Das Zentrum für Cybersicherheit empfiehlt in jedem Fall die Erstattung einer Anzeige gegen unbekannt bei der zuständigen Kantonspolizei. (mau)