Lausch-Attacke

Die SVP und der Niedergang der Stammtischkultur

Mörgeli und Blocher attackieren die Staatsanwaltschaft.

Mörgeli und Blocher attackieren die Staatsanwaltschaft.

Bülach ist eine ländliche Gemeinde, in der politische Gegner nach einer Debatte miteinander ein Bier trinken. Doch seit der Lauschattacke auf den Oberstaatsanwalt hat sich das geändert: Die Angst vor Denunzianten lähmt den politischen Diskurs.

Der SVP-Kantonsrat aus Bülach, Claudio Schmid, steht einmal mehr im Zentrum der Kritik. Er soll Äusserungen des Zürcher Oberstaatsanwalts Martin Bürgisser zum Fall Hildebrand an Christoph Mörgeli weitergeleitet haben. Die Informationsmethoden des SVP-Exponenten sind aber mehr als nur ein taktisches Manöver gegen die Hausdurchsuchung von Christoph Blocher, sondern ein Symbol für den Niedergang des Stammtisches und der Endzeit des politischen Diskurses.

«Die SVP-Schweiz» - ein DOK-Film von Karin Bauer

Gewiss, Claudio Schmid ist kein Nachtschattengewächs. Der Finanzfachmann aus Bülach, vierfacher Familienvater und Freikirchen-Sympathisant ist ein Mann, der nicht die grossen, aber die schneidenden Worte liebt. Gut reden kann er, und manche seiner Aussagen bergen so viel Zündstoff, dass ein Gegenüber schon mal verstummt. Im Dok-Film «Die SVP Schweiz» von Karin Bauer setzte er sich bei einem Parteiessen mit wenig kleinmütigen Sätzen in Szene: «Ich bin ein Sozialistenfresser. Ich versuche alles Sozialistische einzudämmen und zu zerstören.» Spätestens da wird klar: Einen Mann wie ihn wünscht man sich nicht zum Feind.

Die SVP und die anderen

Bloss sucht Claudio Schmid sich seine Feinde selbst aus. Das Ziel: Empörung. Empörung, die man nutzen kann, um einerseits das hauseigene Sendungsbewusstsein für die Anliegen der SVP einzusetzen, andererseits, um gegen den Über-Feind - sämtliche Gegner der SVP, und das sind ausser der Partei «alle andern», wie Claudio Schmid im Fall des Dok-Films sogar selbst sagt - zu wettern. Dabei heiligt der Zweck stets die Mittel.

Pech also für Oberstaatsanwalt Bürgisser, dass er nach der freitäglichen Squashrunde immer im selben Lokal sein Wochenausklang mit einem Bier feiert. Das Horse Pub in Bülach, in dem 38 Prozent der Einwohner SVP wählen, ist das Stammlokal des Juristen, der für all das steht, was die SVP derzeit gar nicht liebt: Die Justiz, die gegen den Übervater Christoph Blocher ermittelt. Da Bülach eine kleine Gemeinde ist, wo jeder jeden kennt, ist auch bekannt, wer was wo trinkt. Nicht ganz klar ist, wie es zu den Äusserungen von Bürgisser gekommen ist, welche Nationalrat Christoph Mörgeli als so verunglimpfend verstand.

Angst vor Indiskretionen

Ob es nun bloss eine etwas plumpe Kompetenzüberschreitung, eine gezielte Lauschaktion von Seiten der SVP war, oder eine peinliche Beizen-Panne eines hohen Juristin, darüber ist ein Urteil wohl verfrüht. Das neuerliche Intermezzo einer Skandalisierung von Personalitäten ist das eine, eine angebliche Lauschaktion das andere.

Worüber man sich in Bülach aber am meisten aufregt, ist das Verschwinden der Stammtischkultur: Man ist sich nicht mehr sicher, wem man was noch erzählen darf, sagt eine Politikerin, die ihren Namen nicht nennen will, zur az: «Die SVP zerstört das, was die Schweizer Politiker auf dem Land auszeichnet, das offene und informelle Gespräch mit Leuten verschiedenster Herkunft und verschiedenster politischer Gesinnungen am Stammtisch. Heute kann man nicht mehr sagen, was man will, ohne dass es sofort an den politischen Gegner oder die Medien weitergegeben wird.»

Der Stammtisch gehört zur Schweizer Selbstverständlichkeit wie Handörgeli, Skirennen und Fondue Chinoise an Weihnachten. Wer politische Diskurse und Meinungsvielfalt bis anhin für selbstverständlich ansah, sieht sich eines besseren belehrt.

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