Affäre Hildebrand
«Die SVP ist der Befehlsträger der Banken vom Paradeplatz»

Alfred Heer und Cédric Wermuth sollten der Frage nachgehen, ob die Causa Hildebrand ein Eigentor für die Parteien, insbesondere der SVP, darstellt. Doch dazu kommen die Nationalräte nicht.

Claudia Landolt
Merken
Drucken
Teilen

Man ist Mensch, sagte kürzlich der umstrittene deutsche Bundespräsident im Fernsehen. Doch ums Menschsein geht es Politikern selten - das musste bekanntlich auch der zurückgetretene Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand erfahren. Menschsein ist im Tagesgeschäft der Politik sekundär - das Leitmotiv der Volksnähe und Authentizitätwird zum Wahlvehikel degradiert. Menschsein ist weder SP-Nationalrat Cédric Wermuth noch Alfred Heer, SVP-Politiker und Präsident der Zürcher SVP fremd.

Und doch vermisst man es in Interviews fast schon schmerzlich. So und nicht anders erging es der Schreibenden bei der Aufzeichnung des Polittalks «Duell aktuell» von Tele M1 zur Affäre Hildebrand. Die Frage, die Moderator Werner de Schepper zu beantworten suchte («War die Affäre Hildebrand ein Schuss in den Ofen?»), verlor sich im Nirwana der Verwässerungstaktik der beiden Exponenten.

«Duell aktuell» vom 17. Januar 2012

Unter der Leitung von Werner de Schepper fetzen sich die beiden Nationalräte Cédric Wermuth (SP/AG) und Alfred Heer (SVP/ZH) zur Frage, inwiefern die Weitergabe illegaker Kontodaten eine Verletzung des Bankgeheimnisses darstellt. Und wer nach dem Sturz von Hildebrand noch auf der Liste steht.

Die Sendung wird auf Tele M1 heute Dienstag um 18.15 Uhr ausgestrahlt und stündlich wiederholt.

Sie verwässerten die Frage, weil der Auftritt geprägt war von der Wiedergabe ideologischer Positionen, wie sie hinreichend bekannt sind. Etwaige Dissonanzen stiessen auf taube Ohren oder wurden sogleich in altbekannte Mantras transformiert. SVP-Politiker Heer, sonst nicht bekannt für demütige Gesten, überraschte zwar mit seiner Äusserung, die «Verletzung des Bankgeheimnis und der illegale Erwerb der Kontodaten von Philipp Hildebrand» sei eine «unschöne Sache» gewesen. Dazu wand er sich ein wenig.

Keine milden Töne

In der Folge war aber auch hier das Nachbeten gegebener Sprachregelungen - der «Verein» (gemeint ist die EU), der «Chef» (Christoph Blocher), die «Sauerei lag auf dem Tisch» (der E-Mail-Verkehr von Hildebrand und dessen Bankberater) gang und gäbe. Nachbeten war auch der SP nicht weniger fremd. Cédric Wermuth, dem ja Christoph Blochers neustes Credo, das Widerstandsrecht (dieses sei es gewesen, das ihm erlaubt habe, die offensichtlich illegal erworbenen Unterlagen dem Bundesrat weiterzugeben) in der Vergangenheit nicht gänzlich fremd war (einst war er an einer illegalen Hausbesetzung beteiligt), schwang die Sozialisten-Keule mit träfen Sprüchen («Auch die SVP wird ein bisschen schlauer», «Keine Affäre SVP; sondern ein politisches Spiel»).

So entzaubern sich die beiden Amtsträger ein bisschen selbst. Die Causa Hildebrand, deren Dramaturgie sich während Wermuths Weihnachtsferien unschöne Höhen begab, ist für den Sozialdemokraten eine Kapitalismus-Geschichte, ausgeführt von der SVP als «Befehlsempfänger vom Paradeplatz», initiiert von den Grossbanken. Und Heer goutiert zwar das Vorgehen nicht, aber sieht dennoch in der Verletzung des Bankgeheimnisses eine gewisse Notwendigkeit («es war die Pflicht eines Nationalrates»).

Diese Selbstentblössung muss aber nicht zwingend zum Fremdschämen führen. Zum Nachdenken vielleicht. Über Montaignes berühmter Maxime: «Was ich an Königen verehre, ist eigentlich der grosse Haufen ihrer Verehrer».