Es ist die grosse Frage, die sich die SVP-Delegierten am Samstagmorgen stellen: Kommt er oder nicht? Klar, Roger Köppel, «Weltwoche»-Chefredaktor, Verleger und seit letztem Donnerstag Nationalratskandidat, ist soeben erst in die Partei eingetreten und ohne Delegiertenstatus. Als Gast einer Sektion – oder gar als Journalist – wären ihm die Türen zum Paraplegikerzentrum im luzernischen Nottwil, wo die Parteiversammlung stattfindet, aber bestimmt offen gestanden. Trotzdem sucht man ihn vergebens. Einzig ein paar Exemplare der jüngsten «Weltwoche»-Ausgabe liegen auf den lang gezogenen Tischen herum.

Auch wenn der neuste Hoffnungsträger der grössten Partei des Landes physisch abwesend bleibt, als Gesprächsthema unter den 440 Delegierten ist er gleichwohl omnipräsent. Fast alle sind sich einig: Schnelldenker und -sprecher Köppel ist ein Glücksfall für die SVP. «Er hat in seinen Artikeln schon lange gezeigt, dass er unsere Gesinnung teilt. Gut, dass er dies nun offiziell im Namen der Partei tut», sagt stellvertretend Alex Waser aus Engelberg OW. Auch Nationalrat und Programmleiter Christoph Mörgeli erwähnt ihn in seinem Referat. Köppel habe begriffen, «was auch wir begriffen haben»: Der Wohlstand der Schweiz baue auf den «Erfolgssäulen Unabhängigkeit, direkte Demokratie und Föderalismus» auf.

Roger Köppel will für die SVP in den Nationalrat

Video-Interviewo: Roger Köppel über seine Nationalrats-Kandidatur.

Dass Köppel den Sprung ins Parlament schafft, ist unter den Delegierten unbestritten. Es gibt aber auch Stimmen, die skeptisch sind, ob seine neue Rolle die Partei langfristig weiterbringt. «Ich frage mich, ob sich das Mandat mit seiner Funktion als Publizist und Verleger beisst», sagt Robert Chaudet, Vorsteher der Sektion Rehag BL. Die «Weltwoche» bereite oftmals über die Parteigrenzen hinweg den Boden für wichtige Themen vor, was ihr mit dem Parteistempel des Chefredaktors nun schwerer fallen dürfte.

«Das kommt nicht infrage»

Was wurde in den letzten Tagen nicht alles spekuliert: Muss sich Köppel jetzt im Nationalrat die Sporen abverdienen, um in vier Jahren für die Nachfolge von SVP-Bundesrat Ueli Maurer ins Rennen geschickt zu werden? An der Delegiertenversammlung in Nottwil gibt es nur wenige, die diese These stützen. Und Köppel selbst ist bestrebt, Gerüchte über eigene Ambitionen im Keim zu ersticken: «Als Bundesrat müsste ich mich von der «Weltwoche» trennen. Das kommt nicht infrage», sagte er dem «SonntagsBlick».

Bevor der 49-jährige Familienvater im Nationalratssaal Platz nehmen kann, muss er zuerst offiziell von seiner Zürcher Kantonalpartei nominiert werden – eine Formalität. Umstrittener wird sein, auf welchem Listenplatz Köppel aufgeführt wird. Auf seine Wahlchancen dürfte dies freilich wenig Einfluss haben: «Sie können ihn auch auf den letzten Platz setzen und er wird noch gewählt», sagte SVP-Übervater Christoph Blocher am Rande des Parteitages.

Anders die elf bisherigen Mandatsträger. Gerade für die älteren unter ihnen – Toni Bortoluzzi, Max Binder und Ernst Schibli – beginnt jetzt das grosse Zittern. Einen Rückzug hat bislang niemand in Aussicht gestellt, gut möglich aber, dass die Parteileitung ihnen diesen in den kommenden Monaten nahelegen wird. So oder so müssen die drei Über-65-Jährigen zwei Drittel des Vorstandes hinter sich scharen, um nominiert zu werden. Hinzu kommt, dass mit Ständeratskandidat Hans-Ueli Vogt ein weiterer Kandidat auf einen guten Listenplatz pochen wird – und dass mit Natalie Rickli gerade mal eine Frau für die Zürcher SVP im Nationalrat sitzt.

Es herrscht Frauenmangel

Die Parteileitung dürfte versucht sein, mindestens einer zusätzlichen Frau einen attraktiven Listenplatz zu verschaffen, auch wenn ein ähnliches Manöver – Anita Borer wurde auf Platz zwei gesetzt und trotzdem nicht gewählt – vor vier Jahren scheiterte. Dabei steht besonders Kantonsrätin Barbara Steinemann, die derzeit auf dem ersten Ersatzplatz ist, im Fokus. Alt Nationalrat Hans Rutschmann, Präsident der Findungskommission, will sich nicht zu Planspielen äussern. Kantonalpräsident Alfred Heer hofft ohnehin, dass sich das Ellbögeln in Grenzen halten wird: «Roger Köppel wird als Wahllokomotive so viele Stimmen bringen, dass es gut möglich ist, einen zusätzlichen Nationalratssitz zu erobern.»