Aargauer Pioniertat über die Staffelegg
Die Staffelegg wird 200 Jahre alt

Wenn gegen Ende 2010 der neue Staffeleggzubringer festlich eröffnet wird, feiert die Strasse des Passübergangs im Jura gleichzeitig das 200-jährige Bestehen.

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Vor genau 200 Jahren ersetzte eine verkehrstaugliche Strasse den bisherigen Saumpfad über den Jurapass
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Vor genau 200 Jahren ersetzte eine verkehrstaugliche Strasse den bisherigen Saumpfad über den Jurapass
Staffelegg heute: Eingang für den künftigen Tunnel der neuen Staffeleggstrasse.

Vor genau 200 Jahren ersetzte eine verkehrstaugliche Strasse den bisherigen Saumpfad über den Jurapass

Aargauer Zeitung

Hermann Rauber

Es ist reiner Zufall, dass der neue Staffeleggzubringer gegen Ende des laufenden Jahres dem Betrieb übergeben werden kann. Denn die Verzögerungen bei der Planung und Realisierung des Bauwerks lassen kein historisches Kalkül zu. So kommt es unfreiwillig zu einer Duplizität der Ereignisse, ist es doch 2010 auch genau zweihundert Jahre her, seit die Passstrasse über den Juraübergang eröffnet werden konnte und damit laut dem Historiker Nold Halder den «gefährlichen Saumweg» ersetzte. Noch 1790 reklamierte die Munizipalstadt Aarau in Bern «den äusserst schlechten Zustand des Weges über die Staffelegg».

Bern setzte auf den Hauenstein

In der Bernerzeit vor 1798 gab es von Aarau aus vier Juraübergänge: entweder via Erlinsbach über die Schafmatt oder über die Salhöhe, zudem der Weg von Küttigen auf das Benkerjoch oder eben über die Staffelegg. Trotz Interventionen aus Densbüren und Asp, gestützt durch «dringliche Fürworte der Stadt Aarau», den Saumweg über die Staffelegg auszubauen, setzten die Gnädigen Herren aus Bern auf den Hauenstein. Für den Handelsverkehr mit Vorderösterreich (dem damaligen Fricktal) hatte Bern dem Bau der Bözbergstrasse 1774 den Vorzug gegeben.

Es blieb dem jungen Kanton Aargau vorbehalten, mit der Staffeleggstrasse «ein grosszügiges Werk von politischem und wirtschaftlichem Weitblick zu schaffen», würdigt Nold Halder das Unternehmen in seiner Kantonsgeschichte. Staatspolitisch deshalb, weil damit das Fricktal endlich eine direkte Verbindung mit der Kantonshauptstadt Aarau erhielt. Ein Umstand, der sich für das junge und noch reichlich heterogene Staatsgebilde auch psychologisch günstig auswirkte und die Position von Aarau stärkte, das zu einem Knotenpunkt im aargauischen Verkehrsnetz mutierte. Nicht ohne Übertreibung stellte Heinrich Zschokke anno 1842 fest: «Aarau ist für Gewerb und Verkehr ungleich vortheilhafter gelegen als Freiburg, Bern, Solothurn, Neuenburg und Luzern. Aarau liegt, wenn auch nicht im Mittelpunkt der Schweiz, aber doch im Mittelpunkt der gesamten schweizerischen Bevölkerung.»

Kosten von 250 200 Franken

Gleichzeitig konnte mit der wachsenden Industrialisierung eine neue und bequeme Route für den Handels- und Fernverkehr zwischen den Zentren Basel und Luzern eingerichtet werden. Die mittlerweile 200-jährige Staffeleggstrasse war seinerzeit mindestens materiell gesehen das bedeutendste Werk des Kantons in der Mediationszeit, kostete es doch 250 200 Franken, beim Stand der damaligen Staatskasse ein wahrer Gewaltakt. Zum Vergleich: Der Staffeleggzubringer, der im Moment noch im Bau ist, verschlingt gegen 90 Millionen Franken.

Planung und Bau gingen aber nicht geräuschlos über die Bühne. Es mussten zahlreiche Widerstände überwunden werden, beschwerten sich doch die betroffenen Gemeinden über die hohen «Werksätze», die auf eigene Kosten ausgeführt werden mussten. Mehrmals drohte die Regierung in Aarau mit militärischen Einsätzen, wurden doch häufig Vermessungspfähle bei Nacht und Nebel ausgerissen und die abgesteckten Strassenstrecken wieder umgepflügt und bepflanzt. Entstanden sind vor zweihundert Jahren insgesamt 13 neue Brücken und zahlreiche Bachkorrektionen.

Kettensträflinge am Werk

Das Strassenstück von Küttigen bis zur Wasserscheide erstellten Kettenhäftlinge aus Baden, Namen wie Schellenhaus oder Schellenbrücke erinnern noch heute daran. Allen Widerständen zum Trotz gelang das Werk. Die Staffeleggstrasse konnte am 1. Mai 1810 festlich eröffnet werden. Versehen war der nun geradezu komfortable Juraübergang mit drei Schlagbäumen in Küttigen, Herznach und Frick, an denen laut Halder bis 1826 «ein mässiger Wegzoll entrichtet werden musste».

Mit dem neuen Juraübergang war es möglich, dass Bauernfrauen aus Frick, Hornussen oder Oeschgen «zum Wochenmarkt in Aarau wanderten und bereits um 7 Uhr Gemüse, Früchte, Butter und Eier feilhielten. Und Franz Xaver Bronner schwärmte: «Die schnurgerade Strasse von der Staffelegg herab nach Küttigen ist eine wahre Zierde.»